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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Hortensien klau: Droge, Diebesgut oder Hasenfutter?
Zwischenüberschrift:
Räubergeschichten treiben wilde Blüten
Artikel:
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Originaltext:
Hortensien klau: Droge, Diebesgut oder Hasenfutter?

Räubergeschichten treiben wilde Blüten

Osnabrück (ja)
Hortensien sind nicht nur schön anzuschauen, sie eignen steh auch gut für Räubergeschichten aller Art. Einige von ihnen kursieren auch im Osnabrücker Land und halten sich hartnäckig.

Wie bei jeder Geschichte gibt es einen wahren Kern: Alljährlich zur Winterzeit stellen besorgte Hobbygärtner fest, dass bei ihren Hortensien von einem Tag auf den anderen Triebe fehlen - messerscharf abgetrennt, wie es heißt. Anlass genug, die Gedanken weit schweifen zu lassen. Variante eins - besonders beliebt im Nordkreis: Polen und Niederländer rücken in großen Trupps aus, durchkämmen nachts heimlich die Gärten, schneiden frische Triebe von Hortensien ab, bringen sie über die Grenze, züchten neue Pflanzen und verkaufen sie wieder im großen Stil an deutsche Hobbygärtner. Nachteil dieser formidablen Geschichte: In den fast zehn Jahren, in denen die Banden in der Region ihr Unwesen getrieben haben sollen, ist noch nicht einmal die Zipfelmütze eines polnischen oder niederländischen Diebes gesichtet worden.

Variante zwei - eher im südlichen Landkreis bevorzugt: Die Pflanze hat eine berauschende Wirkung, die sich die einschlägige Szene zu Nutze macht. Deshalb durchstöbern Drogenkonsumenten selbst die hintersten Winkel heimischer Gärten. Nachteil dieser Geschichte: Selbst im " kiffern-net" wird gerätselt, was es mit dieser Theorie auf sich hat. So wird im Diskussionsforum die verzweifelte Frage aufgeworfen: " Wer hat in seinem Umkreis mitbekommen, dass Leute solche Blumen klauen mit der Intention, sie als Droge zu verwenden?" Klare Antworten gibt es nicht, nur neue Mutmaßungen. " Ich glaube, dass Stiefmütterchen auch recht geil knallen", urteilt einer angesichts der unklaren Beweislage ironisch.

So oder so: Das Thema beschäftigt die Bürger von Glandorf bis Berge - und auch anderswo. Schreckensmeldungen zu Hauf trudeln aus dem Sauerland, Brandenburg und Schleswig-Holstein ein. Speziell dort gingen - nachdem alle Hobbygärtner durch Horrormeldungen erst einmal richtig aufgeschreckt worden waren - rund 1000 Anzeigen bei der Polizei ein, wie die Kieler Nachrichten berichten. Auch im Kreis Steinfurt gibt es regelmäßig Hortensien-Alarm mit einer entsprechenden Anzeigenflut. Dort berichtete erstmals 1996 ein Hobbygärtner über geheimnisvolle Diebe. 1999 dann der vorläufige Höhepunkt: Im Dezember gingen gleich 50 Anzeigen ein. Die Kreispolizeibehörde nahm sich der Sache wiederholt an, erkundigte sich bei Gärtnern, nahm massakrierte Hortensien kriminalistisch unter die Lupe, forschte nach möglichen Zeugen. Die Ergebnisse der Ermittlungen fasst der Sprecher der Kreispolizeibehörde, Udo Potthoff, gegenüber der Neuen OZ mit einem Satz zusammen: " Menschen sind nicht am Werk gewesen." Es mache zudem wirtschaftlich absolut keinen Sinn, Hortensientriebe zu stehlen, sie außer Landes zu schaffen, um sie dann wieder als Jungpflanzen zu importieren. Dies wird auch von Christian Sajak, Gärtnermeister beim Gartencenter Münsterland in Osnabrück, bestätigt. Der Arbeitsaufwand und das Risiko, schlechte Triebe zu erwischen, seien einfach

zu groß, zumal das Setzen von Stecklingen - wenn dies im großen Stil geschehe - eine überholte Technik sei. In vielen Betrieben würden Stückchen von Hortensienblättern genommen und im Labor auf Gewebekulturen gelegt, wo sie wurzelten. Anschließend würden die Pflanzen in größere Nährmedien gesetzt oder direkt in die Erde getopft. Dafür braucht niemand die Hortensienmafia.

Und was ist nun mit der Drogentheorie? Hat die Polizei in Schleswig nicht zwei junge Männer und eine Frau beim Schneiden von Hortensien erwischt? Die ersten ertappten Täter überhaupt in der langen Geschichte des Hortensiendiebstahles? Nun, auch junge Leute lesen Zeitung und hören Nachrichten.

Sie wollten offenbar aus Neugierde in der Praxis ausprobieren, was die Hobbygärtner-Theorie taugt. Das Fazit von Fachleuten in dieser Frage: Es gibt einfachere und effektivere Wege, sich zu berauschen. Dazu muss niemand in wildfremden Gärten nach Hortensien suchen. Die vereinzelten Versuche, Hortensien als Rauschmittel zu benutzen, haben erst nach dem Aufkommen der Vermutungen stattgefunden.

Somit wäre es für die Hobbygärtner möglicherweise sinnvoller, nach Hasen, Kaninchen oder Eichhörnchen Ausschau zu halten. Die haben verdammt scharfe Zähne und im Winter zudem viel Hunger. Aber vielleicht ist auch das nur eine weitere Räubergeschichte.

DER HORTENSIENKLAU beflügelt die Fantasie der Menschen zwischen Berge und Glandorf.
Autor:
jan


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