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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Wie man im Müllberg einen Ehering findet
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Entwässern, zerkleinern, sortieren: In Herhofs Trockenstabilat-Anlage hat der Probebetrieb begonnen
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Originaltext:
Wie man im Müllberg einen Ehering findet

Entwässern, zerkleinern, sortieren: In Herhofs Trockenstabilat-Anlage hat der Probebetrieb begonnen

Von Wilfried Hinrichs und Michael Hehmann

Osnabrück
Ach du Schreck! Jetzt ist der Ehering weg. Wahrscheinlich ist er mit dem Staubsaugerbeutel im Müll gelandet. Sie könnten jetzt auf dem Piesberg im Abfall graben - oder Herhof die Arbeit machen lassen. Denn in der Trockenstabilat-Anlage besteht die Chance, den goldenen Ring aus tausenden Tonnen Müll herauszufiltern. Und das funktioniert so:

Müll gibt es für Bernd Mutz nicht mehr. Der " Inbetriebnehmer" der Firma Herhof spricht nur vom " Produkt". Das " Produkt" fällt täglich in einer Menge von 350 Tonnen in Stadt und Landkreis an. Zurzeit wird es noch im Piesberg vergraben, demnächst wird es getrocknet, sortiert, wiederverwertet. Bernd Mutz ist ein alter Fahrensmann in Sachen " Produkt"- Veredelung. Er hat die Herhof-Anlagen in Aßlar, Rennerod, Dresden und Fisuna (bei Venedig) in Betrieb genommen. Jetzt also Osnabrück.

Der Mensch muss nur aufpassen

Seit ein paar Tagen läuft der Probebetrieb. Mutz und der neue Betriebsleiter Rudolf Hellmer führen durch die Anlage. Nur zwei Elektriker arbeiten zwischen den Jahren hier. Ansonsten sind die Hallen menschenleer und frostig kalt. Rudolf Hellmer wird später, wenn alles läuft, mit zwölf Leuten in zwei Schichten die Trockenstabilat-Anlage fahren. Die Maschinen machen (fast) alles allein, der Mensch muss nur aufpassen.

Wie von Geisterhand öffnet sich das Tor, wenn die Müllkutscher rückwärts an den Bunker heranfahren. Induktionsschleifen im Beton sagen der Automatik: Jetzt öffnen. Ein Luftstrom weht von draußen in die Bunkerhalle hinein. Die ganze Anlage steht unter Unterdruck, damit keine Gerüche entweichen können. Man mag es " Produkt" nennen, was sich im Bunker anhäuft, es stinkt immer noch wie ein riesiger Haufen Müll.

Ein Kran greift mit spitzen Krallen in das " Produkt". Den Kranführer sucht man vergebens. In dieser Halle hält sich niemand auf. Im Gegenteil: Sobald sich ein Mitarbeiter dort zu schaffen macht, stellt sich der Kran aus Sicherheitsgründen ab. Im Bunker lagern zurzeit nur einige Wagenladungen Müll, die für den Probebetrieb gehraucht werden. Aber immer noch zu viel, um darin einen Ehering finden zu können.

Der Kran hievt mit einem Griff dreieinhalb Tonnen des " Produktes" in den Zerkleinerer. Der häckselt die Bestandteile auf eine maximale Größe von 250 Millimetern. Von dort wandert das geschredderte Material in die Rotte. Das ist ein sechs Meter tiefer, fünf Meter breiter und 30 Meter langer Betonschacht. Eine Tageslieferung von 350 Tonnen hat darin Platz.

Die Rotte ist das Herzstück des Aufbereitungsprozesses, hier wird dem " Produkt" biologisch die Feuchtigkeit entzogen. Von unten strömt sauerstoffreiche Luft in den Bunker und treibt die Gärung an. Nach oben entweicht die Feuchtigkeit als Wasserdampf, wird aufgefangen, kondensiert und in einem aufwändigen Verfahren gereinigt. Das " Produkt" verliert rund ein Drittel seines Volumens und behält nur noch eine Restfeuchte von 15 Prozent. Die ist nötig, damit der Stoff störungsfrei den zweiten Teil der Anlage durchlaufen kann, die Sortierung. Und hier haben wir eine Chance, den Ehering zu sehen.

Batterien sind ein Ärgernis

Das " Produkt" wird jetzt nach brennbaren und nicht-brennbaren Materialien sortiert. Am Ende des Zerhackens, Siebens, Blasens stehen Auffangbehälter für eisenhaltige Metalle, Nicht-Eisen-Metalle, Steine, Glas und Batterien. Die Batterien sind ein Juckepunkt: Die giftigen Energiespender müssen von zwei Mitarbeitern von Hand aussortiert werden. Ein undankbarer Job. " Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass die Batterien nicht in den Hausmüll gehören", sagt Betriebsleiter Rudolf Hellmer. Eisenhaltiges ist relativ leicht zu trennen: Ein starker Magnet nimmt das Eisen an sich.

Leichtes Material wird einfach herausgepustet, das schwere fällt auf ein Förderband und nähert sich der nächsten Station. 150 Aggregate sind hintereinander geschaltet, erklärt Hellmer. Am Ende spuckt die Anlage das Stabilat aus, ein Brennstoff, der zu fast 60 Prozent aus organischen Substanzen besteht und den Brennwert der Braunkohle besitzt. Es wird zum Beispiel in der Zementindustrie als Brennstoff eingesetzt. Mitte Januar wird der Stoff aus der ersten Rotte durch die Sortierung geschleust. Im März/ April soll die Anlage optimal eingestellt sein.

Und wo ist der Ehering? Der würde im Sieb für nichteisenhaltige Metalle der Größe bis acht Millimeter hängen bleiben. Theoretisch könnte man ihn dort herausfischen, doch das darf man nicht: " Streng verboten", sagt Bernd Mutz. Das " Produkt" dürfen Mitarbeiter nicht anrühren, es gehört Herhof.

So wird aus Müll Brennstoff

1 Im Bunker wird der Müll gesammelt, danach zerkleinert.

2 So leer wird die Rotte nie wieder zu sehen sein. Die Betonschale ist 30 Meter lang.

3 Die Rotte gärt. In der Hitze veraampft die Flüssigkeit. Der Müll verliert 30 Prozent seines Volumens.

4 Zerkleinern und sieben: Bernd Mutz an einem der 150 Aggregate.

5 Ein Sieb, das fingergroße Stücke aus dem Müll aussortiert.

6 Die Luft wird in einem von Herhof entwickelten Verfahren durch Hitze gereinigt. Zwei Linien sichern den Dauerbetrieb. Endprodukt ist das Stabilat, das den Brennwert von Braunkohle hat. Das erste Stabilat aus Osnabrücker Müll wird Mitte Januar produziert.

Zur Sache: Die Firma Herhof
Hermann Hofmann und der Müll

Hermann Hofmann, Gründer und Namensgeber des Unternehmens Herhof, ist 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz für die Erfindung des Trockenstabilat-Verfahrens ausgezeichnet worden. Das Unternehmen aus dem hessischen Solms-Niederbiel hat heute 120 Mitarbeiter. 1997 ging die Pilotanlage in Aßlar (Lahn-Dill-Kreis) in den Regelbetrieb. Es folgten Anlagen in Dresden, Rennerod und Venedig. Weitere werden in Fulda, Kassel, Hersfeld-Rotenburg, im Raum Nordhessen, im Oberen Elbtal, Brandenburg und Belgien gebaut. Seit 2033 ist die Herhof Holding AG im Besitz der Treasury Holdings LtD, ein in Dublin und London ansässiges Finanzierungsunternehmen. Das Trockenstabilat-Verfahren schont natürliche Ressourcen, sagt Herhof, und macht aus Müll Brennstoff. Allerdings ist der Brennstoff nicht überall willkommen: Der Osnabrücker Rat lehnt die Verbrennung des Stabilats im Stadtgebiet ab. (Dazu mehr in der morgigen Ausgabe.)

RUDOLF HELLMER, Betriebsleiter bei Herhof.

FÜTTERUNG DER ANLAGE: 3, 5 Tonnen Müll können die Greifarme in die Zerkleinerungsanlage schütten. Damit beginnt die Aufbereitung.

EIN GEWIRR aus Förderbändern, Trichtern, Sieben, Zerkleinerern. Noch steht die Sortierungsanlage still. Mitte Januar soll die erste Charge des getrockneten Hausmülls sortiert werden.

Neue OZ - Thema der Woche
Wohin mit dem Müll?

Montag:
Der Piesberg: Ende eine Ära

Dienstag:
Sortleren, verwerten: Die Herhof-Anlage

Mittwoch:
Wie Braunkohle: Stabilat als Energie

Donnerstag:
Brauchen wir noch den gelben Sack?

Freitag:
Was kostet künftig die Mülltonne?
Autor:
Wilfried Hinrichs, Michael Hehmann


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