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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Eine ganz große Koalition zog die Fäden
Zwischenüberschrift:
Wie der Haller Willem wieder aufs Gleis kam - Land, Kreis, Stadt und Stahlwerk in einem Boot
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück (we/ hin)
" Ein Geschenk des Zufalls" - das ist die Haller-Willem-Reaktivierung, die Freitag groß gefeiert wird, für den früheren Oberkreisdirektor Klaus-Eberhard Holl. Der Rückblick zeigt: Wie oft im Polit-Alltag spielten nicht nur Sachaspekte eine Rolle, sondern vor allem übergeordnete Interessen.

Ende März 2000 gab es im Landtag in Hannover das erste Abstimmungssignal - der Reaktivierungsantrag von CDU und Grünen wird mit den Stimmen der damaligen SPD-Mehrheit an den Fachausschuss verwiesen, um das Wirtschaftslichkeitsgutachten der Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) abzuwarten. Nicht einmal sechs Monate später flog der damalige SPD-Ministerpräsident Sigmar Gabriel per Hubschrauber ein, um im Kreishaus am Schölerberg den Beschluss zur Reaktivierung der Bahnstrecke Osnabrück-Dissen/ Bad Rothenfelde zu verkünden. Die Politik hatte im Expresstempo für ein Happy End gesorgt - obwohl die nackten Fakten eigentlich gegen den Haller Willem sprachen.

57 stillgelegte Bahnlinien hatte die Landesnahverkehrsgesellschaft in einer Wirtschaftlichkeitsstudie untersucht. Nachverkehr ist immer ein Zuschussgeschäft. Der Fahrkartenverkauf reicht nicht, um die Kosten für Fahrweg und Betrieb zu deken. Als wirtschaftlich gilt, wenn eine Strecke 35 bis 40 Prozent der Kosten durch das Fahrgeld erwirtschaftet. Das Wirtschaftlichkeitsgutachten aus dem Jahr 2000 geht von 3200 Fahrgästen täglich aus, etwa die Hälfte davon sollen Neukunden sein. Die Gutachter errechneten ein jährliches Defizit von 6, 1 Millionen Mark, also rund 3, 1 Millionen Euro.
Trotzdem sei der Haller Willem ein echter Gewinn, sagt das Gutachten. Denn die Kosten-Nutzen-Analyse betrachtet die Strecke allein unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Auf der Habenseite werden zum Beispiel die eingesparten Betriebskosten für den individuellen Autoverkehr verbucht. Wer vom Auto auf den Zug umsteigt, erspart der Allgemeinheit Geld, das dem Haller Willem gutgeschrieben wird. Zeitersparnis und Umweltvorteile werden als Geldwert einkalkuliert. Die Gutachter berücksichtigen sogar die höhere Sicherheit der Bahn. Unfallschäden werden " monetär bewertet". Kurzum: Jeder Autounfall bringt rein rechnerisch Pluspunkte für den Haller Willem.

Unter dem Strich steht der Kosten-Nutzen-Quotient.
Der Haller Willem erreichte den " Spitzenwert von 1, 59. Ein positiver Wert bedeutet, dass die Strecke volkswirtschaftlich mehr einbringt als sie kostet, auch wenn es betriebswirtschaftlich genau umgekehrt ist. Vier Strecken schafften es am Ende in die Endauswahl.

Dass der Haller Willem dort schließlich das Rennen machte, hatte einen besonderen Grund: Der Güterverkehr wurde zum Joker. Landeschef Gabriel stellte die Weichen, indem er das Stahlwerk Georgsmarienhütte GmbH mit ins Benutzer-Boot holte. Die Mit-Reaktivierungsbewerber hatten zwar eine bessere Rentabilität zu bieten, aber nur auf die Personenbeförderung gesetzt. Doch der Haller Willem konnte dank Stahlwerks-Chef Jürgen Grossmann die Wirtschafts-Karte spielen. Das machte am Ende den entscheidenden Unterschied aus.

Am Ende hatten alle etwas vom Haller Willem: Ministerpräsident Gabriel konnte demonstrieren, dass nicht nur im Raum Hannover mit Millionen etwas für die Infrastruktur getan wird. Die Stadt bekommt eine die Oberzentrumsfunktion stärkende Schienenverbindung mit Optionen, und der Landkreis musste sich zwar mit rund 20 Prozent an den Kosten beteiligen, erhielt aber das Signal, dass die Landesregierung die Pläne für den A33-Lückenschluss unterstützen wird.

Ironie der Geschichte: Der Güter-auf-die-Schiene-Ansatz wird erst einmal nicht Realität. Grund: Zum einen wären die Kosten, die " Hütte" wie geplant direkt über eine Dütetal-Brücke an die Haller-Willem-Strecke anzuschließen, viel zu hoch gewesen. Zum anderen lässt die Stundentaktdichte des Fahrplans vorerst keine zusätzlichen Güterzüge zu. Die gefundene Stahlwerkslösung: Der Landkreis beteiligte sich durch seine Tochter " Verkehrsgesellschaft Osnabrücker Land (VLO) als Mehrheitsgesellschafter an der " Georgsmarienhütte Eisenbahn- und Transport GmbH" (GET),

HISTORISCHER MOMENT: Der damalige Ministerpräsident Sigmar Gabriel (Zweiter von links) verkündet am 21. September 2000 im Osnabrücker Kreishaus zusammen mit Landrat Manfred Hugo (links), dem damaligen Oberkreisdirektor Heinz-Eberhard Holl und CDU-Parlamentarier Georg Schirmbeck (rechts) den Beschluss, den Haller Willem zu reaktivieren. Archivfoto: Detlef Heese
Autor:
we, hin


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