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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Goldrausch auf dem Schrottplatz
Zwischenüberschrift:
Die Preise für Kupfer und andere Metalle sind explodiert - Das lockt Jäger und Sammler
Artikel:
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Originaltext:
Ehrlich erarbeitet, brüderlich geteilt: Dirk und Gustav haben auf dem Sperrmüll einen Anhämger voll Schrott gesammelt. Den laden sie nun bei der Firma Münz & Söhne im Osnabrücker Hafen aus.

Fotos Gert Westdörp

Von Rainer Lahmann-Lammert

OSNABRÜCK. Das Geld liegt auf der Straße: Die einen klauen Stromkabel und Regenrohre, die anderen suchen im Sperrmüll nach Kupfer. Auf dem Schrottplatz wird alles zu Gold. Die Preise an den Rohstoffbörsen sind derart explodiert, dass sich auch für kleine Krauter das Sammeln lohnt.

" Vor dem Ankauf der Ware wird gewarnt", Hinweis auf der Homepage des BDSV

Er hat mehr Ohrringe als Zähne, seine Hand zittert, weil ihm die Zigarette fehlt. Aber Dirk hat keine Zeit zum Rauchen. Per Anhänger muss ausgeräumt werden. Sein Kumpel Gustav greift schon zu. Auch er ist dental unterversorgt, hat aber schon ein paar Promille getankt. Die Namen der beiden Freibeuter sind sicherlich erfunden, aber ihre Heute haben sie sich ehrlich angeeignet. Vom Sperrmüll auf Osnabrücks Straßen.

Ein zerbeulter Kinderwagen kommt zum Vorschein, eingekeilt von einem Waschständer und einem noch halbwegs passablen Fahrrad ohne Sattel. Eine zwei Meter lange Fernsehantenne hat sich in den Speichen verhakt, beim Lösen des gordischen Knotens fallen Töpfe und Pfannen scheppernd zu Boden.

Alles Schrott, den andere Menschen an den Straßenrand gestellt haben. Für eine Tonne gibt es bei Münz & Söhne im Osnabrücker Hafen 140 Euro. Dafür müssen die beiden Jäger und Sammler mindestens zwei Anhängerladungen abliefern. Aber das Geld reicht dann erst einmal für Sprit und Zigaretten.

Luise von Schrott Scott aus Stemwede arbeitet professioneller. Mit ihrem betagten Hanumag-Transporter fährt die 37-Jährige bei Autofirmen, Elektrohändlern oder Bauern auf den Hof. Wo ihre wachen Augen eine vor sich hinrostende Waschmaschine, einen Motorblock oder Heizungstank erspähen, hilft ihrem gewinnendes Lächeln, damit diese schweren Gegenstände auf die Ladefläche ihres gelben Kleinlaslers gelangen. Auch Luise tragt dazu bei, dass die hungrige Schrottpresse am Mühleneschweg kontinuierlich Futter bekommt. Der Weltmarkt verlangt danach. AIles nur, weil die Chinesen mit ihrer Nachfrage die Preise in die Höhe getrieben haben. Mit Dumpingpreisen kämpft hingegen Stephan Vogt, der eigentlich mit Elektroartikeln und Maschinen Geschäfte machen möchte. Aber seit Geiz geil ist und Heimwerker glauben, sie konnten auch mit einer Bohrmaschine für 9, 90 Büro Löcher bohren, läuft es nicht mehr so gut. Da ist Stephan Vogt froh, wenn er bei Münz & Söhne wenigstens für seinen Schrott noch gutes Geld bekommt. 198 kg zeigt die Waage an, nach und nach wandern Elektromotoren, Trafos, Alu-Maschinengehäuse und Kupferkabel in die verschiedenen Container. Das bringt mehr ein als ein verkorkster Tag im Kerngeschäft.

" Den haben wir vom Platz geschmissen" Michael Münz junior Über einen Grabräuber

Nicht alle Kleinanlieferer lassen sich so bereitwillig in die Karten schauen, zum Beispiel die beiden Zwanzigjährigen, die nur gebrochen Deutsch sprechen und nichts so sehr scheuen wie die Kamera, Misstrauisch um sich blickend, legen sie ihre Schätze auf die Waage. Es . sind Kabel, noch mit Steckern dran, von Computern, Bügeleisen oder Stereoanlagen. Zum Teil sehen sie erstaunlich neu aus.

198 Kilo auf der Waage: Stephan Vogt (rechts) bringt eine Ladung Alummiumschrott. Uwe Hins notiert das Gewicht.

Der Preis für Kupfer ist an den Rohstoffbörsen in astronomische Höhen geklettert. Am 17. August stand er sogar bei 6574 Euro für eine Tonne Millberry-Kupfer. Das ist kalt geschälter Draht aus Kupferkabeln, Er muss sauber und ohne Fett sein, darf nicht oxidiert sein und keine verzinnten Teile oder Klemmen enthalten.

Der Goldrausch auf dem Schrollplatz lockt allerlei lichtscheue Typen auf den Plan. Metalldiebe nehmen Kabeltrommeln von Baustellen mit, Wasserhähne von Friedhöfen und Dachrinnen von Einfamilienhäusern. Selbst Kabel, die unter Strom standen, werden gekappt. Mit der Folge, dass in ganzen Straßenzügen das Licht ausgeht oder dass Züge stundenlang auf freier Strecke stehen bleiben.

Es soll Spezialisten geben, die Kupferkabel stehlen und dann in Heimarbeit vor dem Fernseher die Ummantelung abziehen. Schrotthändler zahlen für das blanke Material 4, 20 Euro pro Kilo. Aber sie wollen keinen Ärger mit der Polizei. Die Bundesvereinigung deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV) veröffentlicht auf ihrer Homepage Meldungen über Metalldiebstähle in ganz Deutschland. Zum Beispiel 17 Kupferbarren a 20 Kilo, die auf einem Güterzug nach Vöhringen verloren gingen- Oder sieben massive Kupferplatten im Wert von 14 000 Euro, die auf dem Gelände der ehemaligen Maxhütte gestohlen wurden. Alle Meldungen enden mit dem Hinweis: " Vor dem Ankauf der Ware wird gewarnt."

Auch bei Münz & Sühne sind schon verdächtige Metallteile aufgetaucht. Einmal waren es Messing- und Kupferschilder, die jemand offensichtlich von Friedhöfen geraubt hatte. " Den haben wir vom Platz geschmissen und die Polizei benachrichtigt", erzählt der 19-jährige Michael Münz junior. Der Grabräuber wurde festgenommen.

" Sieht aus wie VA, ist aber Messing!" Uwe Hins, Arbeiter auf dem Schrottplatz

Seit einigen Monaten muss jeder, der aus Metall Geld machen will, seinen Personalausweis vorlegen. So soll Dieben und Steuersündern das Leben schwerer gemacht werden. Geklaut wird natürlich auch auf dem Schrottplatz. Bei Münz & Söhne hatten es Eindringlinge schon mal auf die Halle mit den Buntmetallcontainern abgesehen. Jetzt nicht mehr, meint Uwe Hins, der auf dem Platz arbeitet: " Hier ist ein Bewegungsmelder, hier hängen überall Kameras, und hier passt nachts ein Rottweiler auf!"

Uwe Hins steht an der Waage und notiert, wie viel Kilo Kupfer. Aluminium oder Zink dabei sind- Mit Kennerblick greift er zur Feile und kratzt an der Oberfläche eines augenscheinlichen Edelstahlbehälters. Warum? " Sieht aus wie VA, ist aber Messing!", klärt er auf.

Den ausgefüllten Zettel hat er den Leuten früher immer in die Hand gedrückt. Aber auf dem Weg zum Büro kam es manchmal zu einer wundersamen Vermehrung, allerdings nur auf dem Papier. Jetzt ist Schluss mit dem Schwindel. Es zischt kurz und macht " flopp": Der Lieferzettel rast per Rohrpost zum Büro. Pfeilgeschwind und fälschunsssicher.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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