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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Häuser und Heide: Das Erbe der Bauern verschwindet
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Fachleute befürchten den Verfall eines Teils der ländlichen Kultur: Deshalb inventarisieren sie das Erhaltene, um es es dann zu schützen
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Fachleute befürchten den Verfall eines Teils der ländlichen Kultur: Deshalb inventarisieren sie das Erhaltene, um es es dann zu schützen

Von unserem Redakteur Tobias Böckermann

Osnabrück

Größer, schneller, mehr: Dieser Dreiklang der Landwirtschaft ist relativ neu. Denn nicht immer entschied im Wesentlichen der Wettbewerb um niedrige Preise und hohe Produktionen darüber, was modernes Landleben ausmacht. Jahrhundertelang führten die Bauern ein anderes Leben: viel mehr mühselig als beschaulich und allenfalls aus heutiger Sicht romantisch. Aber es war ein Leben, das kulturell eigenständige Leistungen statt einheitlicher Standards hervorbrachte: Häuser und Haustiere, Pflanzen und Landschaften, Maschinen und Bräuche - immer wieder anders, aber immer regionaltypisch. Die Initiative AgrarKulturerbe bemüht sich um eine bundesweite Bestandsaufnahme des Verbliebenen.

" Landwirtschaft leistet seit langem herausragende kulturelle Beiträge", sagt Dietrich Rieger, Vorsitzender der Frankfurter Gesellschaft für Agrargeschichte (GfA), die das Projekt ins Leben gerufen hat. " Leider werden die Leistungen in derÖffentlichkeit nicht immer angemessen honoriert. Die Osnabrücker Bauernhaus-Kulturlandschaft im Artland ist ein bezeichnendes Beispiel." Der Versuch, die 600 Fachwerkanlagen als UNESCO-Weltkulturerbe einzustufen, sei gescheitert, obwohl die Gebäude ein für Nordwesteuropa einmaliges Zeugnis ländlicher Baukultur seien. Professor Helmut Ottenjahn, ehemaliger Leiter des Museum sdorf es Cloppenburg, hat das " offensichtliche Fehlen einer unterstützenden Lobby" ausgemacht. Wer denke beim Begriff Weltkulturerbe schon an Bauernhöfe statt an Schlösser, Klöster oder Kirchen?

" Wer denkt schon an Bauernhöfe?"

Die Initiative Agrarkulturerbe will gegensteuern. Schon im Jahr 2001 forderte Ottenjahn eine Aufwertung des kulturellen Erbes der Bauern, GfA-Chef Rieger schafft seitdem mit einigen Mitstreitern dafür die Grundlagen. Erster Schritt: Man verschafft sich einen Überblick über erhaltenswerte Überlieferungen. Das Bamberger Institut für Kultur-, Unternehmens- und Sozialgeschichte (ifkus) erhielt dafür den Auftrag, und Leiter Andreas Dornheim betätigt sich bereits seit Juni 2003 als Jäger und Sammler. Mit seinen Mitarbeitern schreibt der Historiker hunderte Museen, Archive, Vereine, Verbände, Landkreise und Privatleute an, um von ihnen Informationen über ihren Beitrag zum Erhalt wertvoller Kulturfragmente zu bekommen. Die Angaben fließen in eine Datenbank ein, die im Sommer 2005 unter der Adresse www.agrar-kulturerbe.de der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Eine erste vorläufige Fassung soll am 15. November 2004 ins Netz gestellt werden. " Derzeit sind schon 2500 Datensätze angelegt", sagt Dornheim. " Der Rücklauf ist inzwischen ganz beträchtlich."

Der Aufbau der Datenbank ist aber nur ein erster Schritt. Sind erst einmal genügend Daten vorhanden, will die Initiative bewerten, sortieren und dann entscheiden: Was ist tatsächlich erhaltenswert, was ist besonders gefährdet, und wo muss sofort gehandelt werden? Anfang Oktober wurde der lange geplante Wissenschaftliche Rat konstituiert. Er soll auf besonders kritische Beispiele des Verfalls von Zeugnissen des Agrarkulturerbes hinweisen und die Öffentlichkeit und die Politik für die Problematik sensibilisieren. Auch an die Einrichtung einer jährlichen Preisverleihung für besonderes Engagement wird gedacht. Landwirte, die besonders schöne und interessante Höfe oder historische schriftliche Unterlagen besitzen, können sich ab sofort über Andreas Dornheim an den Rat wenden.

" Überlieferungen Teil unserer Identität"

Die Initiative hat bereits namhafte Förderer gewinnen können, unter ihnen Gerd Sonnleitner (Präsident des Deutschen Bauemverbandes), Manfred Nüssel (Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes) und Philip Freiherr von dem Bussche (Präsident der Deutschen Landwirtschafts Gesellschaft). Für alle drei steht fest: Landwirtschaft hat auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte eindrucksvolle Zeugnisse bäuerlichen Wirtschaftens und ländlicher Kultur geschaffen. " Sie sind Teil unserer Identität und zu wertvoll, als dass wir nicht alle Anstrengungen aufbieten müssten, um weitere Gefährdung und Zerstörung zu verhindern."

Insgesamt werden für das Projekt rund 240.000 Euro benötigt, 190.000 konnten bisher als Spenden eingeworben werden. Zu den Geldgebern zählen unter anderem die Südzucker AG, die Hannover Messe und der Landmaschinenfabrikant Bernard Krone aus dem emsländischen Spelle. Krones Credo: " Nur wer die Grundlagen kennt, kann darauf eine lebenswerte Zukunft aufbauen." Deshalb will der Unternehmer helfen, " die durch Zeit und Kriege geretteten bescheidenen Reste an Agrarkultur zu sichern und für nachfolgende Generationen erlebbar zu machen." Wenn der Staat sich am Sozialetat verausgabe, müsse eben bei der Erledigung wichtiger Aufgaben wie in den USA verstärkt privates Engagement aushelfen.

Kontaktadressen: Gesellschaft für Agrargeschichte, Dr. Dietrich Rieger, Eschborner Landstraße 122, 60489 Frankfurt, www.agrar-geschichte.org Institut für Kultur-, Unternehmens- und Sozialgeschichte (ifkus), Dr. Andreas Dornheim, Schützenstraße 41. 96047 Ramherg

Was gehört zum Agrarkulturerbe?

Agrarlandschaften

Unter anderem Almen, Wallhecken und Heiden.

Fischerei/ Teich-und Waldwirtschaft

U.a. Fischwehre, Hudewälder, Reste der Köhlerei.

Ländliche Baukultur

Regionale Haustypen, Stallungen und Scheunen.

Ländliche Sachkultur

Landmaschinen, Arbeitsgeräte, Mobiliar und Kleidung.

Handwerksbauten/ Werkstätten Z.B. von Schmieden, Müllern oder Torfstechern.

Historische agrarindustrielle Bauten

Z. B. Produktionsstätten von Rübenzucker und Schnaps.

Religiöse Bauten und Denkmäler

Z.B. Dorfkirchen, Kapellen, Pfarrhäuser oder Bildstöcke.

Bauten der Verwaltung und Gemeinschaft

Z. B. Gemeindehäuser und Schulen.

Bauliche Zeugnisse des Adels auf dem Lande

Gutshäuser, Landsitze, Amtshöfe.

Wegenetze

Hohlwege, Furten, Brücken, Poststationen.

Wasserbauten

Kanäle, Schleusen, Wehre.

Biologische Überlieferungen

Historische Bodenprofile, Pflanzen und Tiere.

Zeugnisse immaterieller Kultur Z. B. Hochzeitsbräuche.

Schriftliche Überlieferungen und Sammlungen

Urkunden, Akten, Zeitungen, Kirchenbücher.

Ton-, Bild- und elektronische Überlieferungen

Sammlungen von Filmen und Fotos, Datenbanken.

Energiegewinnung/ Mühlen

Wind- und Wassermühlen.

Regionale Besonderheiten

EIN GULFHAUS IM OSTFRIESISCHEN STIL. Heutiger Standort ist das Museumsdorf in Cloppenburg. Bauerngärten wie dieser gehören ebenso wie die Bauform des Hauses zu den typischen Überlieferungen agrarischer Kultur. Fotos: Böckermann (2)

GLEICH ZWEI RELIKTE DES AGRARKULTURERBES: Bentheimer Landschaf und Sandheide im Natur-Schutzgebiet Mansenberge bei Berßen im Emsland. Die Schafrasse entstand regional in der Graf- schaft Bentheim und im Emsland und trug ebenso wie die etwas leichteren Heidschnucken zum Enstehen weitläufiger Heiden bei. Heute sind die Schafe selten und Heiden fast verschwunden.

EIN TYPISCHER BAUERNHOF IM ARTLAND. Prachtvolle Gebäude wie dieses findet man noch rund 600-mal in der Gegend um Bersenbrück. Der Versuch, die historisch bedeutsamen Bauernhöfe als Weltkulturerbe zu schützen, scheiterte allerdings
Autor:
Tobias Böckermann


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