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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Von der Abfallrinne in die Industrie
Zwischenüberschrift:
Tierkörperverwertung in Icker
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Von Conny Mönster

BELM. Berge eines rotbraunen, sandartigen Gemisches türmen sich in der Lagerhalle. Breite Lkw-Radspuren ziehen sich durch den Belag, es riecht nach Silo, ein bisschen nach Erde, deftig und schwer. Der Geruch von Tiermehl.

Die Landschaft drum herum könnte romantischer kaum sein. Saftige Wiesen, umgrenzt von Bäumen mit frischen, hellgrünen Blättern. Eine bäuerliche Idylle, in die die ausladende Anlage nicht recht zu passen scheint. Mehrere Lagerhallen und - türme, ein riesiger Filter, daneben eine Kläranlage, alles eingebettet in eine betonierte Fläche, auf der unentwegt Lastwagen kreuzen. Lastwagen mit einer Ladung, bei deren Anblick sich den meisten Menschen der Magen umdrehen würde.

Die Tierkörperbeseitigungsanlage SNP Icker (die Abkürzung steht für " Schlachtnebenprodukte") entsorgt und verarbeitet das weiter, was Schlachtereien wegwerfen: Innereien, Därme, Borsten, Klauen, auch verendete Haus- und Nutztiere landen hier. Insgesamt 600 bis 1000 Tonnen pro Tag, eingesammelt im Landkreis Osnabrück und einem Dutzend weiterer Kreise, etwa Diepholz, Schaumburg, Warendorf, Hochsauerlandkreis und Hamm. 1000 von insgesamt 2, 7 Millionen Tonnen so genannter Schlachtnebenprodukte, die pro Jahr in Deutschland anfallen.

Andreas Schawe ist ein groß gewachsener Mann mit graumeliertem Bürstenhaarschnitt. Er ist seit gut drei Jahren Werksleiter der SNP Icker, kam zu diesem Beruf " wie die Jungfrau zum Kinde" und weiß mittlerweile eines: " Zu diesem Job muss man auf ganzer Linie stehen." Etwa wenn ihn wie vor kurzem eine Besuchergruppe mit Vorurteilen konfrontiert, nach denen in Icker Hunde zu Seife verarbeitet werden und die Krematorien den ganzen Tag nicht abkühlen. " Verbrannt wird hier gar nichts, und tierisches Fett kann in der Oleo-Industrie zwar verarbeitet werden, spätestens seit BSE wird es aber ausschließlich zu technischen Zwecken verwendet", sagt der gelernte Elektriker.

BSE - noch immer ein Reizwort. Seit im Dezember 2000 das erste deutsche Rind an der " Bovinen Spongiformen Enzephalopathie" erkrankte, stehen die Zeichen auf Sturm. Tiermehl geriet als BSE-Multiplikator in die Schlagzeilen, mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet, obwohl Herkunft und Übertragungsweg des Erregers noch immer nicht ganz geklärt sind. " Die Seuche ist existent, aber nicht flächendeckend ausgebrochen", weiß Schawe. Das solle auch so bleiben. Tiermehl und - fett an Nutztiere zu verfüttern ist darum seit nunmehr sechs Jahren verboten.

Vier Jahre sei er " direkt an der Front" gewesen, sagt Schawe. " Direkt an der Front", das bedeutet unter anderem Schichtarbeit an der " unreinen Seite" der Anlage. Da, wo die Kadaver und Abfälle ankommen und sich keiner sicher sein kann, ob mit ihnen nicht doch Krankheiten und Keime eingeschleppt werden - trotz rigider Hygienevorschriften. " Darum ist die Desinfektion und Sterilisation der wichtigste Teil im Produktionsprozess", betont Schawe.

Der " Produktionsprozess" bei der SNP Icker beginnt mit der Zerkleinerung des tierischen " Rohmaterials". Riesige Förderanlagen bugsieren die Fleischmassen in den so genannten " Brecher", eine Art überdimensionalen Fleischwolf, der das Material bis auf eine Größe von maximal 50 Millimetern zermalmt. " Damit alles gut durchdampft werden kann", erklärt Schawe.

" Zu diesem Job muss man auf ganzer Linie stehen"
Andreas Schawe, Werksleiter

Die anschließende 20-minütige Drucksterilisation bei drei Bar und 133 Grad Celsius - in Deutschland seit 1927 vorgeschrieben, da sie als sicherer Weg zur Vernichtung von Krankheitserregern gilt - trennt in der nun breiigen Masse Fett und Eiweiß. Und darum geht es hier in Icker: diese beiden Komponenten herauszufiltern und aus ihnen Energieträger zu machen.

Heizen mit Bestandteilen toter Tiere - ein unappetitlicher und befremdlicher Gedanke. Andreas Schawe hat nach 20 Jahren bei der SNP Icker aber nur Augen für Kilowatt und Kubikmeter. " Wir denken hier in Energie pro Tonne", sagt er. Und fügt hinzu, dass Tiermehl einen Heizwert ähnlich wie Braunkohle habe und Tierfett einen wie Schweröl.

Die tierischen Endprodukte gelangen nicht in die Heizkeller von Privathaushalten, sondern befeuern die SNP-eigene Dampfkesselanlage, zudem Kraftwerke, werden in Biogasanlagen verwendet oder - zumindest die Produkte der Kategorie III, also das lebensmitteltaugliche Abfallmaterial - landen in der Petfood-Industrie und damit im Futternapf von Hund und Katze.

Die Menschen machten sich selten Gedanken über das, was im Fressnapf ihrer Vierbeiner liege, sagt Schawe. Es gelte zudem, zwischen Haustieren und Nutztieren einen klaren Unterschied zu machen. " Man muss manche Dinge auch als normal und gegeben annehmen", erklärt er. Nutztiere seien nun einmal da, weil sie einen gewissen Nutzen brächten, nämlich die Produktion von Fleisch. Bei der Produktion fielen logischerweise Abfälle an, die wiederum weiterverwertet oder entsorgt werden müssten. " So ist der Kreislauf, da muss man professionell denken", skizziert der Werksleiter seine Berufsphilosophie.

Wenn aber - was auch täglich vorkommt - verendete oder eingeschläferte Haustiere aus Tierarztpraxen im " Brecher" landen, muss auch Schawe noch manches Mal schlucken. " Das ist beileibe kein schöner Anblick", sagt er. Als eine ältere Dame vor einigen Jahren ihre geliebte Katze bei der SNP abgegeben habe, habe sie die Tränen nicht zurückhalten können, erinnert sich der dreifache Familienvater. Das könne er nicht vergessen. Trotz seiner Berufsphilosophie.

Das Unternehmen

Die SNP wurde im Jahr 2000 gegründet. Mit ihren insgesamt fünf Tochtergesellschaften verarbeitet sie knapp 20 Prozent des in Deutschland anfallenden Rohmaterials. In Icker sind 150 Mitarbeiter beschäftigt. Zur SNP Icker gehören drei Zwischenbehandlungsbetriebe in Bad Sassendorf-Lohne, Steyerberg und Bargdorf. Das Entsorgungsgebiet der SNP erstreckt sich von Schleswig-Holstein über Hamburg, Bremen, Teile von Niedersachsen bis zum Landkreis Olpe in Nordrhein-Westfalen. Die SNP gehört einem niederländischen Konzern an. Insgesamt 2, 7 Millionen Tonnen so genannter Schlachtnebenprodukte fallen pro Jahr in Deutschland an. Das Material wird in drei Kategorien eingeteilt. Zu den Kategorien l und II gehört Material, das nicht in den Handel zurückgelangen darf, speziell Risikomaterial von Rindern wie etwa Hirn oder Rückenmark. Kategorie-l-Abfälle werden ausschließlich thermisch verwertet. Kategorie III beinhaltet lebensmitteltaugliches Material, das unter anderem in der Petfood-Industrie verarbeitet wird.

Dicke Luft herrschte in Icker bis vor rund 25 Jahren. Seit Anfang der Achtziger setze die SNP Icker auf biologische Abluftbehandlung, erklärt Werksleiter Andreas Schawe. Foto: Mönster

Alles läuft automatisch: In der SNP Icker verarbeiten Maschinen Schlachtabfälle zu Mehl und Fett. Produktionsleiter Michael Greife koordiniert den Ablauf. Foto: Mönster
Autor:
Conny Mönster


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