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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Die Wolke von Tschernobyl hat bei uns ihre Spuren hinterlassen
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Als die Osnabrücker lernten, mit der Maßeinheit Becquerel umzugehen: Heute vor 20 Jahren explodierte der Unglücksreaktor
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Originaltext:
Die Wolke von Tschernobyl hat bei uns ihre Spuren hinterlassen

Als die Osnabrücker lernten, mit der Maßeinheit Becquerel umzugehen: Heute vor 20 Jahren explodierte der Unglücksreaktor

rll OSNABRÜCK. Man konnte nichts sehen, nichts riechen, nichts schmecken. Und dennoch ahnten in Osnabrück viele, dass die Wolke aus Tschernobyl angekommen war. Sie hatten Recht. Aber Messwerte wurden tagelang unter Verschluss gehalten.

Heute vor 20 Jahren explodierte der Reaktor des 1500 km entfernten Atomkraftwerks in Weißrussland. Zehn Tage später ließ sich nicht mehr verheimlichen, dass der radioaktive Fallout auch hier auf Kinderspielplätzen und Rasenflächen niedergegangen war, dass Freilandgemüse und Frischmilch die Geigerzähler ticken ließen.

Der Reaktorkatastrophe folgte die Informationskatastrophe. Vom Innenministerium wurden Messwerte zurückgehalten, stattdessen kamen aus Hannover Beschwichtigungen, die viele Menschen erst recht beunruhigten.

" Es gab Menschen, die haben Geigerzähler gekauft" Karin Augustin, damals Pressesprecherin

Oberstadtdirektor Dierk Meyer-Pries protestierte bei der Landesregierung, die Stadt verließ sich lieber auf die Strahlungsmessungen der Fachhochschule und trommelte Fachleute aus Osnabrück zusammen.

Aber die waren sich völlig uneins über die Gefährdung, berichtet Karin Augustin, damals Leiterin des Presse- und Informationsamts. Was der Radiologe Dr. Jürgen Mellmann von der Strahlenklinik als alltägliche Dosis bezeichnete, erschien dem FH-Physiker Prof. Wilhelm Prigge schon als bedenklich. Dazu kam noch, dass in Niedersachsen höhere Grenzwerte akzeptiert wurden als im benachbarten Nordrhein-West-falen, was nicht nur bei den vielen WDR-Hörern der Region Verunsicherung hervorrief.

Karin Augustin stampfte kurzfristig ein Bürgertclefon aus dem Boden, das an manchen Tagen von über 1000 Anrufern in Anspruch genommen wurde. Übrigens auch von vielen aus dem Landkreis, weil es dort keine vergleichbare Hotline gab. Die Besorgnis sei sei zwar in den meisten Fällen nicht zerstreut worden, meint Karin Augustin heute, aber viele Anrufer seien schon froh gewesen, über ihre Ängste sprechen zu können. " Es gab sogar Menschen, die haben sich Geigerzähler gekauft", erzählt sie.

Am Bürgertelefon: Kann Augustin, da- - mals Presseamtsleiterin.

Wenn es ums Essen ging, war nur noch von Becquerel (bq) die Rede - einer Maßeinheit, die vorher kaum jemand kannte. Kopfsalat 180 bq, Schnittlauch 1245 und Petersilie 7647 - vor allem Mütter von kleinen Kindern waren alarmiert. Niemand rührte noch Petersilie an, obwohl sich die Strahlungswerte ja stets auf ein ganzes Kilo bezogen.

Demo angemeldet: Anton Große, seit langem AKW-Gegner.

Gegen Atomkraft, für bessere Information: Demonstration am 9. Mai 1986 in der Innenstadt.

Die höchsten Belastungen fanden sich aber nicht im Gemüse, sondern in Luftfiltern von Klimaanlagen und Motoren. Erst Wochen nach dem Unglück wurde bekannt, dass Filter einer Belüftungsanlage im KJärwerk Evers-burg mit 48000 bq (Cäsium-137) belastet waren. Ganz arglos hatte ein junger Mitarbeiter die Einsätze gewechselt und sich dabei kontaminiert Solcherart belastete Filter gehörten " in die Endlagerung", konstatierte ein Strahlungsexperte damals.

" Wir sind noch glimpflich davongekommen " Reinhard Fedeler, Arzt

Immer wieder verkündeten die Manager der Energiekonzerne, dass eine Reaktorschmelze in Deutschland nicht passieren könne. Aber damit wollten sich auch in Osnabrück viele nicht zufrieden geben. Anton Große hatte sich schon vorher in der Anti-AKW-Bewegung engagiert. Er meldete die große Demonstration am 9. Mai an. Für eine umfassende Information der Bevölkerung - und für eine Abschaltung aller Atomkraftwerke. " Die Demo war ein ganz schöner Erfolg", sagt Anton Große heute, nach Auskunft der Veranstalter marschierten 3000 Teilnehmer mit.

Bei der Schlusskundgebung auf dem Ledenhof sprach Reinhard Fedeler von der Ärzte-Initiative zur Verhinderung eines Atomkrieges (IPPNW). Seine Überzeugung, damals wie heute: Rein rechnerisch gebe es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es alle 30 Jahre zu einem Atomunfall komme.

Im Rückblick auf die Tschernobyl-Katastrophe lautet sein Resümee: " Unsere Gegend war nicht so sehr betroffen, wir sind noch glimpflich davongekommen." Und doch habe das Reaktorunglück auch für unsere Region bis heute Auswirkungen. Für Fedeler ist die Strontium-und Cäsium-Belastung im Boden Anlass genug, beim Verzehr von Pilzen Vorsicht walten zu lassen.

Diese Auffassung teilt auch Prof. Wilhelm Prigge (80), der im übrigen Befürworter der Atomenergie ist. Als Leiter des Laboratoriums für Kernstrahlungstechnik und angewandte Radioaktivität hat der FH-Physiker damals Messwerte für Osnabrück geliefert. Zu einem Zeitpunkt, als die Landesregierung dafür keine Notwendigkeit sah.

Warnte vor Strahlung: Reinhard Fedeler. Ärzte-Initiative IPPNW.

Die Tschernobyl-Strahlung im Waldboden lasse die Detektoren heute immer noch ausschlagen, berichtet der emeritierte Professor. Das Cäsium-137 wandere durch den permanenten Strahlung gemessen: Prof. Wilhelm Prigge. Physiker.

Kreislauf immer wieder an die Oberfläche. Und das werde auch noch eine Weile so bleiben, denn die Halbwertszeit beträgt 30 Jahre. So hat die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bis heute Spuren hinterlassen.

Für Susanne MC Leod sind deshalb auch Haselnüsse seit 1986 tabu. Als der Reaktor explodierte, war sie gerade im 8. Monat schwanger. Sie erinnert sich genau, dass ihr Mann Karim mit der Schreckensmeldung in den Garten kam, wo sie gerade die Sonne genoss. " Ich persönlich hatte keine Angst um meine Gesundheit", sagt die Mutter von drei Kindern heute. Aber sie musste immer an die schwangeren Frauen in der verseuchten Zone denken. Auch deshalb hat die Familie dreimal Tschernobyl-Kinder aufgenommen.

Haselnüsse sind tabu: Susanne MC Leod war damals schwanger.


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