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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Labor zum Spottpreis verkauft - FH misst Strahlung nicht mehr
Zwischenüberschrift:
"Wir mussten Handschuhe anziehen" Das Foto des Jahres
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Von Rainer Lahmann-Lammert

OSNABRÜCK. Viele Osnabrücker glauben zwar, dass an der Fachhochschule in Osnabrück regelmäßig die Radioaktivität gemessen wird. Doch die FH hat das Labor für Strahlungsmesstechnik längst verkauft. Zu einem Spottpreis, wie sich der emeritierte Professor Wilhelm Prigge empört.

Wie gut, dass wir die Fachhochschule haben, dachten viele, als der Fallout von Tschernobyl über Osnabrück niederging. Immerhin gab es hier im Gegensatz zu anderen Städten seriöse Messungen der Radioaktivität Nach der Reaktorkatastrophe setzte sich die Stadt Osnabrück für ein kontinuierliches Messprogramm ein - und war zufrieden, als das in der Fachhochschule installiert wurde.

Schon in den Wochen nach dem GAU wurden im Institut für Radiologie und Strahlenschutz der Fachhochschule verstrahlte Lebensmittel, Böden oder Luftfilter aus der Region untersucht Damit leistete Institutsleiter Prof. Wilhelm Prigge seinen TJeitrag, die von Hysterikern und Be-schwichtigern aufgeheizte Diskussion mit nüchternem Datenmaterial zu versachlichen.

Sein Nachfolger Prof. Dr. Peter Kästner baute das Labor mit hochsensibler Technik weiter aus und veranlasste kotinuierliche Messungen. Jeden Tag wurde mit einem Zählrohr auf dem Dach der Fachhochschule die Gammastrahlung in der Luft ermittelt. " Ein Ereignis wie Tschernobyl würden wir sofort bemerken", erklärte Kästner zum 10. Jahrestag der Reaktorkatastrophe. Doch das ist Schnee von gestern. Als Kästner 2002 in den Ruhestand ging, war es vorbei mit den Strahlungsmessungen, und das Labor wurde aufgelöst Vertragliche Verpflichtungen für die Messungen habe es nicht gegeben, sagt FH-Pressesprecherin Lidia Uffmann, wohl aber das wissenschaftliche Interesse eines engagierten Professors.

Kernstrahlungsmesstechnik galt nicht als Pflichtfach, somit stand es den Studenten frei, sich damit zu befassen. Fest steht, dass das Interesse deutlich nachgelassen hat Prof. Kästner bringt das auch mit dem von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg in Verbindung: " Die Ausbildung zum Nuklearspezialisten wird in Deutschland zurückgefahren."

So haben letztlich die Nachwirkungen von Tschernobyl zur Abschaffung des Messlabors geführt. Für den mittlerweile 80-jährigen Prof. Wilhelm Prigge ein Ärgernis. Das Labor sei in jahrelanger Arbeit aufgebaut worden, und dann werde die hochempfindliche Technik " für ' nen Appel und ' n Ei" verkauft.

Immerhin: Eine kontinuierliche Überwachung findet statt, flächendeckend in ganz Deutschland. 2150 Stationen gehören zum Radioaktivitätsmessnetz IMIS des Bundesamtes für Strahlenschutz, eine davon befindet sich am Stadtrand In Düstrup. Alle Stationen zeichnen rund um die Uhr die Strahlungswerte auf und geben sie online weiter. Auch das ist eine Konsequenz aus dem Reaktorunfall.

" Wir mussten Handschuhe anziehen"

Das Foto des Jahres

rll OSNABRÜCK. Tschernobyl in Osnabrück: Das Bild, das alles auf den Punkt bringt, ist auf dem Piesberg entstanden. Zwei Männer werfen Salatköpfe auf den Müll. 800 Kisten, eine ganze Lkw-Ladung voll. Unser Fotograf Michael Hehmann war mit der Kamera dabei, am 15. Mai 1986. So entstand für Osnabrück das Foto des Jahres.

Horst Tiede, der Mann mit dem Kittel rechts auf der Rampe, arbeitete damals als Kraftfahrer beim Erzeugergroßmarkt. Er erinnert sich, dass ein paar herren von demLandwirtschaftlichen Untersuchungsamt Oldenburg in den Betrieb kamen und Proben nahmen. Daraufhin sollte der Salat vernichtet werden. Er hatte eine Strahlenbelastung zwischen 20 und 180 Becquerel (bq) pro Kilo - weniger als der Richtwert für Gemüse, der in Niedersachsen 250 bq betrug, aber unverkäuflich. Schließlich galt im benachbarten Nordrhein-Westfalen ein Richtwert von nur 180 bq, und daran orientierten sich auch die Verbraucherschützer. Das Zeug kam also auf den Müll.

" Wir mussten uns Handschuhe anziehen", erinnert sich Horst Tiede, der heute als Ruheständler i Schinkel wohnt. Die Reaktor-Katastrophe bleibt für ihn unvergessen. Er bedauert: " Die Menschheit lernt ja nicht daraus!"
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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