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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Kaisers Zeiten: Die Stube belegt mit neun Mann
 
Neue Hörsäle in alten Mauern
Zwischenüberschrift:
Die Artilleriekaserne am Westerberg: Ein Baudenkmal wandelt sich vom Exerzierplatz zum Hochschul-Campus
 
Investitionen von über 40 Millionen
Artikel:
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Originaltext:
Die Artilleriekaserne am Westerberg: Ein Baudenkmal wandelt sich vom Exerzierplatz zum Hochschul-Campus

Osnabrück
Im ganzen Haus duftet es süß und verführerisch. In der Kindertagesstätte Fingerhut gibt es Kaiserschmarren. Paul, Lea, Lucas und der zweite Paul - den hier alle nur " Paul O" mit seinem abgekürzten Nachnamen rufen, um Verwechslungen zu vermelden - sitzen einträchtig um den kleinen Tisch und mampfen. Kaiserschmarren mit Apfelmus ist eben ganz lecker, da sind sich die kleinen Fingerhüte einig.

Seit gut zehn Jahren gibt es die Kindertagesstätte Fingerhut an der Artilleriestraße jetzt. Der Trägerverein ging aus der Faohhochschule hervor, wollte studierenden oder an der FH arbeitenden Müttern und Vätern Hochschule und Familienphase vereinbar machen. Das ist bis heute so: In der Küche hilft heute Gunhild Grünanger aus dem Akademischen Auslandsamt der bei der Essenausgabe: " Die Kita ist eine große Hilfe für uns", so sagt sie, " deshalb gibt a auch eine lange Warteliste.

Die Kleinen aus der Blauen Gruppe um Erzieherin Ramona Zurhorst ahnen von derlei Nöten nichts. Sie genießen einfach nur das Dasein. Uad sie wissen auch nicht, dass sie ihr Haus und den weitläufigen Spielplatz vor der Tür einem historischen Glücksfall verdanken: 1993, als nach der Wende überall in Deutschland militärische Liegenschaften überflüssig wurden, übergab die Bundeswehr die alte Artilleriekaserne am Nordhang des Westerberges an die Fachhochschule Osnabrück. Das ganze Ensemble historischer Kasernenbauten mit 26.000 Quadratmeter Grundfläche wird seitdem Stück für Stück saniert und für Hochschulzwecke nutzbar gemacht.

Für den städtischen Denkmalpfleger Bruno Switala war diese Entwicklung ein " Glücksfall". Denn in Deutschland sind nur selten Kavalleriekasernen aus der Zeit um 1900 unangetastet erhalten geblieben: " Der repräsentative Baustil mit Schmuckformen der Neorenaissance zeigt bis heute die hohe Wertschätzung, die das Militär damals im Kaiserreich genießen konnte", sagt Switala dazu. " Außerdem sind bei den vorhandenen Bauten bis heute ihre Funktionen ablesbar." Deshalb wurde die Artilleriekaserne auch zu einem Besichtigungsobjekt beim morgigen Tag des offenen Denkmals in Osnabrück. Besichtigungstouren starten jeweils zur vollen Stunde (11 bis 16 Uhr) an der Wache Artilleriestraße.

Wie bei der zehn Jahre älteren Infanteriekaserne an der Caprivistraße war Auftraggeber für die Artilleriekaserne auch diesmal die Stadt Osnabrück. In einer Gesellschaft, der der kaiserliche Leutnant als Krönung der Schöpfung erschien, galten die Kosten für Grund und Bau einer Kaserne als lohnende Infrastrukturmaßnahme.

So zog denn im März 1902 die II. Abteilung des Ostfriesischen Feldartillerieregiments 62 in die neue Kaserne ein: etwa 500 Mann und 150 Pferde. Schließlich war es ohne Motoren noch harte Knochenarbeit, die in drei Batterien zu sechs Geschützen aufgestellten 18 Kanonen der Einheit ins Gelände zu bringen: Vierer-Gespanne zogen die Kanonenlafetten und die dazugehörigen Munitionswagen.

All das ist bis heute an den Kasernenbauten ablesbar: Am Mannschaftshaus, jede Stube wurde belegt mit neun Mann, statt Toiletten gab es Aborthäuschen auf dem Hof. An der zur Kita Fingerhut gewordenen Wache mit den Arrestzellen, in denen aber heute der Hausmeister sein Material lagert. An der Schmiede, den beiden Reithallen, Pferdeställen und Kanonenschuppen. Selbst der " Isolierstall für kranke Pferde" ist noch da.

Das Feldartillerieregiment 62 zog 1914 nach Westen. Das Kriegstagebuch verzeichnet penibel 652.862 Granaten, die im Krieg verschossen wurden. An seiner Stelle bezogen 500 gefangene Offiziere das mit doppeltem Stacheldraht gesicherte Areal: Franzosen, Engländer, Russen, auch fünf Inder und ein Portugiese waren für Jahre interniert. Russische Offiziere planten sogar einen Ausbruchsversuch und gruben einen Tunnel in Richtung Zaun - nicht ahnend, welchen Widerstand der Westerberg dem Unternehmen entgegensetzen würde.

Zur " Von-Stein-Kaserne" wurde die Liegenschaft erst im Mai 1938. Namensgeber war der kaiserliche General Hermann von Stein (1854-1927), übrigens ein ziemlicher Eisenfresser, der als " schroff, rau, ironisch-arrogant und zynisch" beschrieben wird.

Die Bundeswehr, deren Osnabrücker Standort dann am 5. März 1957 auf eben diesem Kasernenhof begründet wurde, hat den Namen Von-Stein-Kaserne gleichwohl fortgeführt. Sie stationierte dort Sanitäter - bis am 1. Oktober 1993 die zivile Phase unter dem neuen Hausherrn Fachhochschule begann.

GESCHÜTZ-EXERZIEREN AUF DEM RICHTPLATZ: Im Drillichzeug mussten die Mannschaften wieder und wieder auf dem Kasernenhof antreten und das Einrichten der Geschütze üben - bis jeder Handgriff buchstäblich wie im Schlaf saß. Eine Postkarte von 1904. Foto: Bildarchiv Osnabrück, Band 3

KLEINE DETAILS machen den Wert aus: Hier das frühere Aborthäuschen vor dem Giebel des Mannschaftshauses

ORIGINALGETREU ERHALTEN: DER ALTE WAGENSCHUPPEN. Das Bruchsteinmauerwerk und die Sandsteingesimse zeugen bis heute von der handwerklichen Qualität der einhundert Jahre alten Kasernenbauten. Fotos: Jörn Martens Neue Hörsäle in alten Mauern

 
Neue Hörsäle in alten Mauern

Investitionen von über 40 Millionen

Osnabrück fhv

Seminarräume in den früheren Mannschaftsstuben, Vorlesungssäle dort, wo früher in der Kantine das zähe Kommissbrot gekaut wurde, Labors in der großen Reithalle wie in der kleinen Hufschmiede gleich nebenan: Schrittweise und ganz ohne Tschingderassabum hat sich bereits in den letzten zehn Jahren die Konversion der früheren Von-Stein-Kaserne zu einem zivilen Hochschulcampus vollzogen.

Paradebeispiel dafür ist die zentrale Reithalle, aus der unterdessen ein Labor für die Verfahrenstechnik an der FH geworden ist. In den ehemaligen Auskühlställen an der Tür dampft jetzt eine hochmoderne Wärmerückgewinnungsanlage für die Laborlüftung, in der Halle selbst stehen Versuchsaufbauten für die Verfahrens- und Umformtechnik.

An Fenstern, Ziegelpfeilern, Gesimsen und Dachkonstruktion blieb gleichwohl der hohe gestalterische Aufwand sichtbar, der vor 100 Jahren für solch einen Zweckbau getrieben wurde. " Alt und neu zugleich", das sei schon ein Erlebnis, sagt denn auch Silvia Ott, Diplomingenieurin (FH) im Labor Verfahrenstechnik, über ihren Arbeitsplatz.

Heute teilen sich Universität und Fachhochschule das Areal. Derzeit wird für die Uni der Neubau Biologie eingerichtet. In der zweiten Reithalle kam ein Hörsaalkomplex hinzu. Für die Fachhochschule soll in nächster Zelt ein Umbau der Pferdeställe mit Erweiterung für die Technische Informatik entstehen.

Mehr als zehn solcher abgeschlossenen oder geplanten Projekte listet das staatliche Baumanagement für die Artilleriekaserne auf. Kostenpunkt: rund 1, 5 Millionen Euro für den Grunderwerb, aber 40 Millionen Euro für Aus- und Umbauten.

WISSENSCHAFTUCHE VERSUCHE sind die Arbeit von Silvia Ott, hier an einem Dünnschichtverdampfer in der alten Reithalle.
Autor:
fhv


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