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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Das Aha-Erlebnis kommt erst, wenn man drin ist
 
Zu spät für Remarques Geburt
 
Für eine Mark zu haben
 
"So diente ich schon bei meiner Geburt der Wissenschaft!"
Zwischenüberschrift:
Von außen original, von innen komplett neu: Das zweite Leben der Hebammenlehranstalt an der Knollstraße beginnt
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Originaltext:
Von außen original, von innen komplett neu: Das zweite Leben der Hebammenlehranstalt an der Knollstraße beginnt

Das Aha-Erlebnis kommt erst, wenn man drin ist

Weil KME Baufachleute für den Umgang mit Kupfer schulen will, bleibt Osnabrück ein wertvolles Baudenkmal erhalten

Von Rainer Lahmann-Lammert

Wo ein Wille ist, ist auch ein Handwerker. Oder ein Architekt. Noch vor wenigen Jahren wollte die KM Europa Metal AG die alte Hebammenlehranstalt an der Knollstraße abreißen. Jetzt richtet der Betrieb in dem 100 Jahre alten Baudenkmal ein modernes Schulungszentrum ein. Und beschert Osnabrück damit ein Glanzlicht, das seinesgleichen sucht. " KME-Forum" nennt sich die neue Bildungsstätte, in der Bauhandwerkern und Architekten der sachgerechte Umgang mit den Produkten von Europas größtem Kupferhersteller nahe gebracht werden soll. Startschuss ist am 24. April.

Ebenso wie das benachbarte Landcskrankenhaus gibt die frühere Geburtsklinik diesem Abschnitt der Knollstraße ein Gesicht. Wegen seiner " herausragenden Qualitäten" ist der Bau im Stil der Neo-Renaissance Anfang der 90er Jahre in das Denkmalregister des Landes Niedersachsen aufgenommen worden. Aber erst jetzt, nach der umfassenden Sanierung, zeigen sich seine Werte in voller Schönheit.

Zu unterscheiden sind äußere und innere Werte. Während die Fassade den Eindruck vermittelt, als sei den Planern jedes Detail von 1903 heilig geblieben, kommt das Aha-Erlebnis beim Betreten des Gertrudenberger Schlösschens. Zwar gibt es noch Zimmer, die den Zuschnitt aus alten Hebammenzeiten erkennen lassen, aber sie bestimmen nicht mehr das Bild. Innen wurde rigoros, aber mit Blick auf das Ganze entkernt und umgebaut. Eine neue Statik musste her, mit Tonnen von Stahl und Beton. Ein Neubau ist da entstanden, der großzügig und offen wirkt.

Stählerne Säulen im matten Eisenglimmergrau heben sich von weißen Wänden ab, die Naturmaterialien der Parkettböden bilden dazu einen warmen Kontrast. Alles das ist neu, selbst die Türen und Zargen wurden ausgewechselt - weil die Originale während des Leerstands feucht geworden sind und Risse bekommen haben, wie Peter Vor dem Berge, der Leiter der KME-Bauabteilung berichtet. Authentisch sind immerhin die Treppengeländer mit ihren floralen Motiven. Dass die Treppen um zehn Zentimeter angehoben wurden, weil die modernen Fußbodenaufbauten sonst nicht gepasst hätten, merkt niemand.

Ist das alles noch denkmalgerecht? Der Osnabrücker Denkmalpfleger Bruno Switala, dessen strenger Blick für das Authentische manchen Bauherrn nervös macht, schüttet überschwänglich seinen Segen aus: " Ich find' s super!" Er war es, der sich schon 1989 gegen den Abriss aussprach und damit anfangs auf allerlei Widerstände aus Politik und Verwaltung stieß. Für ihn ging ein Traum in Erfüllung als KME den Schatz an der Knollstraße für sich selbst entdeckte. Übrigens auch für die Betriebskrankenkasse BKK firmus. Sie ist in den südlichen Trakt gezogen und eröffnet ihre neue Geschäftsstelle schon am Montag.

Aber letztlich hat die Hoffnung des Industriebetriebes, das Geschäft mit Kupferblechen und Kupferrohren auszubauen, die alte Hebammenlehranstalt gerettet. KME lädt Händler, Bauhandwerker, Installateure, Architekten und Planer nach Osnabrück ein, um ihnen die Bandbreite der Anwendungen mit Kupfer zu veranschaulichen. Das denkmalgeschützte Renaissanceschlösschen an der Knollstraße bietet dem KME-Forum einen stilvollen Rahmen. Und bringt neues Üben in ein Baudenkmal, dessen Verlust dem Stadtbild weh getan hätte.

EIN NEUBAU hätte nicht das Flair: Das KME-Forum zieht in die ehemaligen Hebammenlehranstalt an der Knollstraße. Wo früher Kinder auf die Welt kamen, werden demnächst Architekten und Baufachleute geschult.

ALTES UND NEUES stilvoll kombiniert: Von innen ist die alte ehemalige Hebammenlehranstalt ein Neubau. Aber die Fenster und die original erhaltenen Treppengeländer erinnern an ihre Ursprungszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Zu spät für Remarques Geburt

Wer zwischen 1904 und 1925 in Osnabrück das Licht der Welt erblickte, tat es mit großer Wahrscheinlichkeit in der Privinzial-Hebammenlehranstalt an der Knollstraße. Auch Erich Maria Remarque? Ein Satz in seinem Roman " Der schwarze Obelisk" legt das nahe. Aber die Geburtsklinik an der Knollstraße 16 wurde 1903 / 1904 gebaut, Remarque war schon am 22. Juni 1898 auf die Welt gekommen. Wahrscheinlich in der alten Hebammenlehranstalt an der Knollstraß 7, Baujahr 1867. Der Altbau brannte 1902 ab. Als Ersatz wurde ein Jahr später die neue Provinzial-Hebammenlehranstalt errichtet. 1925 trat das Säuglings- und Entbindungsheim der Stadt Osnabrück an der Caprivistraße an ihre Stelle. Das Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk (OKD), der Vorgängerbetrieb von KME, übernahm das Gebäude an der Knollstraße. Bis in die 80er Jahre diente die alte Hebammenlehranstalt als Sitz der Verwaltung.

NEUER GLANZ nach 100 Jahren: Das KME-Forum zieht in die alte Hebammenlehranstalt an der Knollstraße.

" So diente ich schon bei meiner Geburt der Wissenschaft!"

In seinem Roman " Der schwarze Obelisk" beschreibt Remarque das Leben in einer Provinzstadt namens " Werdenbrück" Ende der 20er Jahre, also in der Zeit der Inflation und Massenarbeitslosigkeit. Ähnlichkeiten mit Osnabrück sind kein Zufall, sondern erlebt. Die Hebammenlehranstalt taucht als " Gebäranstalt" auf, das Landeskrankenhaus als " Irrenanstalt". Hier ein Auszug aus dem Roman:

" Ich trage in meiner Hand eine Flasche Rothschen Korn und sitze auf der letzten Bank der Allee mit dem vollen Blick auf die Irrenanstalt. In meiner Tasche knistert ein Scheck auf harte Devisen: 30 volle Schweizer Franken. Die Wunder haben nicht aufgehört: Eine Schweizer Zeitung, die ich seit zwei Jahren mit Gedichten bombardiert habe, hat in einem Anfall von Raserei eines angenommen und mir gleich den Scheck geschickt. (...)

Ein Taschentuch aus feinstem Batist flattert in meiner Brusttasche, ich bin ein Kapitalist auf der Wanderschaft, die Rote Mühle liegt mir zu Füßen, wenn ich will, in meiner Hand blinkt der Champagner des furchtlosen Trinkers, des Niegenug-Trinkers, der Trank des Feldwebels Knopf, mit dem er den Tod in die Flucht schlug - und ich trinke gegen die graue Mauer mit dir dahinter, Isabelle, Jugend, mit deiner Mutier dahinter, mit dem Bankbuchhalter Gottes, Bodendiek, dahinter, mit dem Major der Vernunft, Wernicke, dahinter, mit der großen Verwirrung dahinter und dem ewigen Krieg, ich trinke und sehe gegenüber, links von mir die Kreis-Hebammenanstalt, in der noch ein paar Fenster hell sind und in der Mütter gebaren, und es fällt mir erst jetzt auf, dass sie so nahe bei der Irrenanstalt liegt - dabei kenne ich sie und sollte sie auch kennen, denn ich bin in ihr geboren worden und habe bis heute kaum je daran gedacht! Sei gegrüßt auch du, trautes Heim, Bienenstock der Fruchtbarkeit, man hat meine Mutter zu dir gebracht, weil wir arm waren und das Gebären dort umsonst war, wenn es vor einem Lehrgang werdender Hebammen geschah, und so diente ich schon bei meiner Geburt der Wissenschaft! Gegrüßt sei der unbekannte Baumeister, der dich so sinnvoll nahe dem anderen Gebäude gesetzt hat! Wahrscheinlich hat er es ohne Ironie getan, denn die besten Witze der Welt werden immer von ernsthaften Vordergrundmenschengemacht. Immerhin - lässt uns unsere Vernunft feiern, aber nicht zu stolz auf sie sein und ihrer nicht zu sicher! (...)

Die Flasche ist leer. Ich werfe sie fort, so weit ich kann. Sie fällt mit einem dumpfen Laut in den weichen, aufgepflügten Acker."

Am Ende des 1956 erschienenen Romans findet sich ein weiterer Hinweis auf die Orte der Handlung. Man merkt, es muss Werdenbrück sein:

" Die einzigen beiden Gebäude, die völlig unbeschädigt geblieben sind, sind die Irrenanstalt und die Gebäranstalt - hauptsächlich deshalb, weil sie etwas außerhalb der Stadt liegen. Sie waren sofort wieder voll belegt und sind es noch. Sie mussten sogar beträchtlich erweitert werden."

ÄHNLICHKEITEN mit Osnabrück sind kein Zufall: Erich Maria Remarque 1928. Foto: bpk/ Hedda Walther

Für eine Mark zu haben

Till hat insgeheim ans Portemonnaie gegriffen, als es vor ein paar Jahren hieß, KME wolle die ehemalige Hebammenlehranstalt für eine Mark verkaufen. Für eine Mark, das ist der Stoff für die kühnsten Träume. Aber die Sache hatte natürlich einen Haken: Wer sich auf das Geschäft einlassen wollte, hätte gleich ein paar Millionen Mark für die Sanierung bereitstellen müssen. Oder sogar ein paar Millionen Euro. Da fehlte Till einfach das nötige Kleingeld. Schade. Nun hat KME selbst in die Schatulle gegriffen und das Baudenkmal an der Knollstrafse saniert. Till muss neidlos anerkennen: Die Sache hat sich gelohnt, so schön hätte er es nicht hinbekommen, jedenfalls nicht mit eigenen Mitteln. Vielleicht ein anderes Mal für einen Euro. Bismontag

BKK jetzt an der Knollstraße

Die Betriebskrankenkasse firmus zieht als Mieterin von KME in den stadteinwärts gelegenen Gebäudeteil der ehemaligen Hebammenlehranstalt. Schon am Montag, 10. März, wird die neue Geschäftsstelle an der Knollstraße 16 eröffnet.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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