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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Zwangsarbeit: Gleise schleppen bei Minusgraden
 
Wie zertretenes Kinderspielzeug
Zwischenüberschrift:
Die Zerstörung der Reichsbahn in Osnabrück
 
Der Bau der Umgehungsbahn in Haste
 
Der Bombenkrieg traf vor allem die Osnabrücker Bahnanlagen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Vor 60 Jahren: Kriegsende in Osnabrück
Der Bombenkrieg traf vor allem die Osnabrücker Bahnanlagen

Osnabrück (de) Am 14. März 1945 herrschte eine trügerische Normalität in Osnabrück. Es war warm, die ersten Bäume zeigten ihre Knospen, und ein provisorisches Kino sollte eröffnet werden. Um 14.59 Uhr, so schreibt es Wido Spratte in seinem Buch " Im Anflug auf Osnabrück", fielen die ersten Bomben. Ein Hauptziel dieses Angriffs: die Reichsbahn. Waggons, Bizarr verbogene Bahngleise und Lokomotiven, die aussahen wie zertretene Modelleisenbahnen - das sind die Bilder der Reichsbahn aus den letzten Kriegsjahren. Auch an diesem Tag trafen Spreng- und Brandbomben die ohnehin verwüsteten Bahnanlagen. Das Schienennetz rund um Osnabrück war ein vorrangiges Ziel der Alliierten, denn Osnabrück bildete mit der Kreuzung seiner beiden Linien Hannover-Rheine und Münster-Bremen einen wichtigen verkehrstechnischen Knotenpunkt.
Der Osnabrücker Horst Kemper erinnert sich noch gut an einen Angriff, den er als junger Mann am 13. September 1944 am Hauptbahnhof miterleben musste. " Ich war damals mit meinen Eltern zum Bahnhof gegangen, um meinen Bruder abzuholen, der bei der Marine war", erzählt Kemper. " Wir haben bereits auf dem Bahnsteig gestanden und auf den Zug gewartet, als plötzlich Fliegeralarm gegeben wurde." Sie seien dann sofort in den Luftschutzkeller am Bahnhof gelaufen. Bis auf seinen Vater. " Der war Eisenbahner und wollte lieber oben bleiben", sagt Kemper.
Als Mutter und Sohn nach dem Angriff wieder ans Tageslicht kamen, standen der ganze Bahnhof und die ganze Stadt in Flammen. " Das war furchtbar", schüttelt Horst Kemper schaudernd den Kopf. " Wir wollten wieder zurück nach Hause in die Heinrichstraße und konnten nicht. Die Straßen waren versperrt. Wir mussten Umwege laufen und kamen erst nach zwei bis drei Stunden in der Heinrichstraße an."
Dieser Angriff habe zusammen mit den letzten Bomben des Palmsonntagsangriffs 1945 zu den größten Vernichtungswerken gehört, die Osnabrück über sich ergehen Kissen musste, schreibt Jahre später Wido Spratte. " Osnabrück mit seinen historischen Bauten versank fast gänzlich in Schutt und Asche." Die Folgen für die Reichsbahn seien furchtbar gewesen. Bahnsteige, Gleisanlagen, Dächer, Plattformen und Stahlkonstruktionen seien kaum wiederzuerkennen gewesen. Eingelaufene Züge hätten nicht mehr rechtzeitig genug abfahren können und seien von Bomben getroffen worden. Bilanz eines vergleichbaren Angriffs auf die Reichsbahn am 7. Mai 1944: Von den 150 km Gleisen des Verschiebebahnhofs wurden 75 km und von den 95 km Gleisen des Hauptbahnhofs rund 50 km vernichtet.

Osnabrück (de) " Die Erinnerungen werde ich nie vergessen. Diese armen Menschen" - Kornelia Bohne blickt nachdenklich in die Ferne. Sie war damals 25 Jahre alt, als direkt vor ihrer Haustür holländische Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen eine Umgehungsstrecke für die zerstörte Reichsbahn bauen mussten.

Die heute 86-Jährige wohnte damals allein mit ihrer Mutter auf dem elterlichen Bauernhof in Haste. " Die Arbeiter haben damals unter schrecklichen Bedingungen gelebt", erinnert sie sich. " Die meisten Arbeiter hatten nichts bei sich bis auf die Kleidung, die sie trugen", so Bohne. " Sie wurden in Holland einfach so von der Straße geschleppt, wie sie waren, Musiker in schwarzen Anzügen und Hotelpagen in Uniformen."
Der damals zwanzigjährige Holländer Jan Edelstein war einer von ihnen. Er gehörte zu den 800 Zwangsarbeitern, die 1944 bei einer groß angelegten Razzia aus Hilversum nach Osnabrück verschleppt wurden. Der Grund: Die Organisation Todt hatte es sich zum Ziel gesetzt, angesichts der massiven Zerstörungen auf den Hauptstrecken der Reichsbahn Umgehungsstrecken bauen zu lassen. Eine dieser Strecken sollte durch Haste führen und die Strecken Hannover-Rheine und Münster-Bremen verbinden. Die Arbeitsbedingungen für die Holländer jedoch waren miserabel: Bei Minusgraden mussten die Männer Schienen schleppen und waren dem Beschuss von Tieffliegern hilflos ausgeliefert. " Die Wächter hetzten mit Knüppeln hinter den Menschen her", schreibt Edelstein in dem Buch " Aufstehen! Kaffee holen!". " Es war doch selbstverständlich, dass wir diesen Menschen helfen mussten", meint Kornelia Bohne resolut. Sie habe regelmäßig um 11 Uhr ihre Haustür aufgemacht und für die Holländer ein paar Brote geschmiert, obwohl in ihrem Haus der Bauleiter der Organisation Todt Quartier bezogen hatte. Auch Kornelia Böhnes Mutter zeigte sich hilfsbereit. " Eines Tages kam ein etwa 15-jähriger Holländer ins Haus, der über ein Loch in seinem Socken klagte", erzählt Bohne. " Meine Mutter hat ihm dann sofort ein Paar neue Socken gestrickt." Die Zwangsarbeiter bedankten sich nach Kriegsende mit einem Schreiben an die Haster Geistlichkeit für die " Nächstenliebe der Haster".

Bildunterschriften:

50 KILOMETER GLEISE wurden bei einem Angriff am 7. Mai 1944 vernichtet. Die Bomben hinterließen tiefe Krater.
KORNELIA BOHNE zeigte Hilfsbereitschaft. Foto: Hehmann
UMGEWORFEN wie eine Spiel-- zeugeisenbahn.
BIZARR VERBOGENE GLEISE nach einem Bombenangriff auf das Streckennetz der Osnabrücker Reichsbahn.
Autor:
de


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