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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Lodernde Flammen durften nicht verlöschen
 
Züge werden umgeleitet - Busse als Ersatz
 
Innenminister lobt Feuerwehr
 
Schon zweiter Zugunfall
 
Die Aufräumarbeiten dauern lange
 
Der Schreck sitzt noch in den Gliedern
Zwischenüberschrift:
Zugunglück: Gespenstische Szenen in der Nacht - Aufräumarbeiten dauern an - Behinderungen im Bahnverkehr
 
In Schinkel wurde eine Katastrophe verhindert - 86 Anwohner mussten ihre Häuser verlassen
 
Spezialkräfte unterstützen die Bahn - Gleise und Weichen völlig demoliert
Artikel:
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Originaltext:
Zugunglück : Gespenstische Szenen in der Nacht +++ Aufräumarbeiten dauern an +++ Behinderungen im Bahnverkehr

Lodernde Flammen durften nicht verlöschen

In Schinkel wurde eine Katastrophe verhindert - 86 Anwohner mussten ihre Häuser verlassen

Von Beate Dammermann (Text) und Michael Hehmann (Fotos)

Osnabrück

Was ist mit dem Lokführer? Liegt er noch schwer verletzt in der umgekippten, brennenden Zugmaschine, nur wenige Meter von dem noch größeren Flammeninferno entfernt? " Wir kommen nicht an die Lok, es ist zu gefährlich. Die Hochspannungsleitungen sind herabgefallen. Wir können nichts tun", sagen fast verzweifelt die Feuerwehrleute. Erst nach über einer halben Stunde die Erleichterung: Beide Lokführer hatten sich selbst retten können, sind in Sicherheit.

Es war eine dramatische Nacht in Schinkel. Doch ebenso wie für die beiden Lokführer endete sie für hunderte Bürger, die nur einen Steinwurf entfernt von der Bahnlinie an der Bremer Brücke ahnungslos in ihren Betten schliefen, glimpflich. " Osnabrück hat großes Glück gehabt", sagt am Mittag der Feuerwehrmann und Chemie-Experte der Firma Bayer, Rolf Marwede, mit sehr ernstem Gesicht.

" Zugunglück, Explosion" wussten die Feuerwehrleute nur, die gegen 23.30 Uhr am Mittwochabend zur Bremer Brücke rasten. Sie fuhren auf eine 80 Meter hohe und 30 Meter breite Flammenwand zu, die den Himmel taghell erleuchtete und bis Hasbergen zu sehen war. " Madrid", schoss es so manchem durch den Kopf, " jetzt auch hier?"

Fast unerträgliche Hitze prallte Einsatzleiter Klaus Fiening und seinen Kollegen von der Feuerwehr entgegen, als sie die kleine Stichstraße von der Bohmter Straße zu den Gleisen hochhasteten. Sie wussten nicht, was brennt. Wie viele Waggons? Welche Chemikalien? Jeden Augenblick hätte es eine Explosion geben können.

" Es bestand allerhöchste Lebensgefahr", sagt Gesamteinsatzleiter Heiko Schnittker später und sein Kollege Jan Südmersen ergänzt: " Wenn solch ein Kesselwagen explodiert, steht im Umkreis von 500 Metern kein Haus mehr. Kein Mensch überlebt".

Keine Zeit zu zögern, eine Katastrophe muss verhindert werden. " Nur massenweise Wasser hilft", entscheidet Klaus Fiening, und die Männer bringen, so dicht es eben geht, Wasserwerfer an die Flammen heran. Erst eine halbe Stunde später erfahren sie von der Bahn, dass die Waggons mit Propangas gefüllt sind. Jetzt kann noch besser eingeschätzt werden, wie die gefährlichen Stoffe reagieren und wie sie bekämpft werden müssen.

" Saubere Arbeit, gut reagiert", lobt Chemie-Experte Marwede später. Die Feuerwehrleute mussten bei ihrer gefährlichen Arbeit einen Balanceakt schaffen: Das Propangas, das aus einem leckgeschlagenen Kessel strömt und sich entzündet hat, darf nicht völlig gelöscht werden. Sonst würde es eine Gaswolke bilden, die über dem nahen Wohngebiet explodieren könnte. Das Propan muss langsam und kontrolliert verbrennen. Das dauert Stunden. Der Boden neben den Gleisen hat sich vollgesogen, immer wieder schießen hohe Flammensäulen sogar durch den Löschschaumteppich hindurch. Morgens um 6 Uhr die letzte: 25 Meter hoch. Gleichzeitig müssen drei weitere Waggons, gefüllt mit Propan und Propylen, gekühlt und vor einer Explosion bewahrt werden. 250 Feuerwehrleute aus Stadt und Umkreis, Polizei, Bundesgrenzschutz und Technisches Hilfswerk sind im Einsatz. Sofort nach dem Unfall werden zwei Häuser an der Schinkelstraße evakuiert, später weitere Anwohner. 86 werden bis in die Morgenstunden in der Gesamtschule Schinkel von der Sondereinsatzgruppe Rettung betreut.

Sicherheit geht vor. Die Feuerwehrbereitschaft " Umwelt" des Landkreises nimmt Messungen zum Erkennen von explosionsfähigen Dämpfen vor. Gesundheitsgefährdungen der Anwohner durch Rauch oder andere Stoffe wurden nicht festgestellt.

Am Morgen wird das Ausmaß sichtbar: Der Zug mit 20 Waggons fast völlig zerstört, Wagen ineinander verkeilt, Masten umgerissen, Gleise verbogen. Die Lok ausgebrannt. Das alles nur wenige Meter von der Brücke über die Bohmter Straße entfernt.

Vormittags hofft Bahnhofsmanager Horst Bollmann noch, dass die Hauptstrecke nach Norden bald wieder für seine Züge freigegeben wird. Seit 6 Uhr versuchen er und seine Kollegen, Reisenden zu helfen, die ihren Zug erreichen müssen - der aber Osnabrück nicht anfahren kann. Schon in der Nacht war es zu erheblichen Verspätungen auf dem deutschen Streckennetz gekommen, weil den Zügen die wichtige Nord-Süd und West-Ost-Achse durch Osnabrück versperrt war.

Chemie-Fachleute rechnen jedoch mit tagelanger Sperrung der Nordstrecke. Gestern Abend wurde damit begonnen, das Flüssiggas aus den umgekippten Kesseln zu bergen: Wasser wurde eingefüllt, das das Propangas verdrängt. Die verbleibenden Gase werdenüber den Tanks abgefackelt. Solange dies dauert, dürfen wegen anhaltender Explosionsgefahr keine Züge auf den anderen 20 Nachbargleisen fahren.

Züge werden umgeleitet - Busse als Ersatz

Osnabrück (d.)

Der Unfall auf der Bremer Brücke ereignete sich ausgerechnet auf der Nordverbindung Bremen-Diepholz-Osnabrück. Bis die Gefahrstoffe entsorgt sind (die Bahn hofft, bis Freitagmittag, es kann aber auch bis Sonntag dauern), bleibt die Strecke gesperrt. Die Fernzüge vom Ruhrgebiet nach Norden werden über Minden, Nienburg und Verden in beiden Richtungen um Osnabrück herumgeleitet, ebenso die Züge aus Holland. Die Regionalzüge Bremerhaven, Bremen, Diepholz nach Osnabrück beginnen und enden in Bohmte. Von dort zum Osnabrück Hauptbahnhof bzw. von Osnabrück nach Bohmte setzt die Bahn Busse ein. Die Deutsche Bahn rät Reisenden, sich in den kommenden Tagen vor Fahrtantritt zu informieren, ob die Sperrung noch besteht. Nicht betroffen von der Streckensperrung sind die Verbindungen der Nordwest-Bahn.

Innenminister lobt Feuerwehr

Hannover (d.)

Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann hat gestern den Einsatz der hauptamtlichen und freiwilligen Feuerwehrleute bei dem Zugunglück an der Bremer Brücke gelobt. In Hannover würdigte er " das professionelle und besonnene Vorgehen". Sie hätten durch das kontrollierte Ausbrennen Schaden von den Bürgern und der Umwelt abgewandt und durch das Kühlen der anderen Kesselwagen Schlimmeres verhindert. Er dankte auch den Helfern von Polizei, Bundesgrenzschutz und Technischem Hilfswerk. Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip war schon in der Nacht zum Unfallort gekommen, hatte sich über die Iage informiert und den Helfern gedankt.

Schon zweiter Zugunfall

Osnabrück (d.)

Fachleute warnen seit Jahren vor den Gefahren: Jeden Tag rollen Gefahrgutzüge durch die deutschen Städte. In Osnabrück ist am Mittwoch zum zweiten Mal ein solcher Zug verunglückt: In der Nacht zum 17. Februar 2002 war im Güterbahnhof ein Kesselwagen mit Atrylnitril aus den Gleisen gesprungen und in Brand geraten. Die mehrere Millionen Euro teure Sanierung des Erdreichs ist bis heute nicht abgeschlossen. Das Unglück 2002 war der bislang größte Chemieunfall im Bereich der Deutschen Bahn AG gewesen.

AM MORGEN wird das ganze Ausmaß des Unglücks im Bahnhof allmählich sichtbar. 20 Waggons sind fast völlig zerstört. Die Löschmannschaften versuchen pausenlos, die Flammen mit Schaum und Wasser einzudämmen.

VIELE ZÜGE konnten Osnabrück gestern nicht erreichen. " Ausfall" hieß es auf der Anzeigetafel im Hauptbahnhof.

DIE RESTE des veerunglückten Güterzuges. Über 15 Waggons hatten sich ineinader verkeilt. Warum es zu dem Unfall kam, muss jetzt das Eisenbahnbundesamt klären.

MIT EINEM FELDFLUGLÖSCHFAHRZEUG kam die Feuerwehr vom Flughafen Münster / Osnabrück den Osnabrücker Feuerwehren in der Nacht zu Hilfe.

Die Aufräumarbeiten dauern lange

Spezialkräfte unterstützen die Bahn - Gleise und Weichen völlig demoliert

Nach den gespenstischen Bildern der Unglücksnacht wurde bereits am Donnerstagmorgen mit den Aufräumarbeiten auf den Gleisen begonnen.

Spezialkräfte rückten am Vormittag an: 20 Männer der Werkfeuerwehren von BASF und Bayer. Die Experten gehören zu TUIS, dem Transport- und Informationssystem der Chemischen Industrie. Sie helfen und beraten bei Unfällen mit Chemikalien und kümmern sich in Osnabrück zunächst einmal darum, die umgekippten und mit Propangas gefüllten Kesselwagen zu leeren.

Anschließend werden Spezialkräne anrücken, um die ineinander verkeilten Waggons von den Gleisenzu hieven. Nur starke Spundwände hatten verhindert, dass abgerissene Teile in den famila-Markt gerutscht waren.

In den Tagen danach müssen die Gleise und Weichen repariert werden.

Die Bohmter Straße blieb gestern für den Verkehr offen. Geschlossen hingegen die umliegenden Märkte: Auf ihren Parkplätzen standen Dutzende Einsatz- und Hilfsfahrzeuge.

Bildunterschriften:

GESPERRT: Vom Berliner Platz bis zur Schützenstraße war die Bohmter Straße bis in die frühen Morgenstunden abgeriegelt. Zu sehen waren nur die Feuerwehrleute, die sich um die Wasserversorgung für den großen Löscheinsatz kümmerten.

GESTERN ABEND war es endlich so weit: Die Leerung der drei verunglückten Kesselwagen, die mit Propangas und anderen Chemikalien gefüllt sind, konnte beginnen.

EIN GEFÄHRLICHER EINSATZ nahe an den Kesselwagen, die jederzeit explodieren können.

VON EINEM " SCHEPPERN" wurden Franz und Christian Englich aus dem Schlaf gerissen.

REISENDE Richtung Bremen wurden vom Hauptbahnhof mit Bussen nach Bohmte gefahren.

Der Schreck sitzt noch in den Gliedern

Osnabrück (dh) Wegen des Zugunglücks mussten in der Nacht zum Donnerstag 86 Osnabrücker aus ihren Wohnungen evakuiert werden. Gestern Mittag stand vielen von ihnen der Schock noch im Gesicht geschrieben. Wir haben mit Anwohnern der Oststraße gesprochen.

DIE 74-JÄHRIGE Ehrentraut Drosselmeier hatte besonders große Angst davor, dass das Feuer auf die Häuser übergreift. Für Gefahrguttransporte hat sie nur bedingt Verständnis: " Die werden ja schon nachts durchgeführt, aber es ist ja nicht das erste Mal, dass so ein Unfall passiert. Die Behörden sollten über bessere Sicherungsmaßnahmen nachdenken."

" EVAKUIERT ZU WERDEN ist schon sehr unangenehm", sagt Marion Rabe. Die 33-jährige machte sich aber mehr Sorgen um ihre Kinder als um sich selbst. Ihre Schützlinge fürchteten sich sehr vor einer großen Explosion. " Viel schlim- ' mer ist, dass wir erst am frühen Morgen aus den Medien erfahren haben, was genau los ist", ärgert sich die junge Mutter.

GABRIELE OBRENOVIC wurde telefonisch von ihrem Bruder über den Unglücksfall in Kenntnis gesetzt. " Ich habe das Ganze erst für einen Scherz gehalten, bis ich aus dem Fenster schaute und das Desaster sah", berichtet die 43-Jährige über die Schreckensnacht. " Minuten später stand auch schon die Feuerwehr vor unserer Tür, um uns zu evakuieren."

" DIE GANZE SZENERIE war so unwirklich. Ich kam mir vor wie in einem Film. Als ich schließlich begriffen habe, was geschehen ist, war ich die Erste, die vor lauter Hektik die Wohnung verlassen wollte", schildert die 19-jährige Sabrina Obrenovic. Angst habe sie vor allem deswegen verspürt, weil die Feuerwand in unmittelbarer Nähe wütete.

Fotos: Michael Hehmann
Autor:
Beate Dammermann


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