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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Eine Stätte edler Körperpflege"
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Von Arbeitslosen in der Wüste aus dem Boden gestampft
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Originaltext:
" Eine Stätte edler Körperpflege"

Von Arbeitslosen in der Wüste aus dem Boden gestampft

Von Michael Schwager

Das Werter, das am Eröffnungstag des Mokaubades vor 75 Jahren herrschte, ist den Veranstaltern des | ubiläumsprogramms jetzt am 5. August nicht zu wünschen: Es regnete in Strömen an jenem 7. August 1926, als die Schwimmsportler das neue Freibad im Stadtteil Wüste mit Pauken und Trompeten in Besitz nahmen. In nicht viel mehr als drei Monaten war eine innenstadtnahe Badeanstalt entstanden, auf dem neuesten Stand ihrer Zeit.

" Der erste Eindruck ist überwältigend", hieß es in einer Sonderseite des Osnabrücker Tagesblatts vor der Eröffnung. Dem Verfasser fiel nach dem Durchschreiten des Portals vor allem der Sprungturm mit der Zehn-Meter Plattform auf. Die Tribüne gegenüber war zunächst nur ein Sandwall mit Betonaufbauten.

Erst zu Beginn der 30er Jahre wurde die Anlage für die Zuschauer auf die jetzige Größe erweitert und um die beiden markanten Türme ergänzt, östlich des Sprungturms befand sich das Frauenbad, westlich davon das Familienbad. Allein diese beiden Becken hatten eine Länge von je 41 Metern. Sie grenzten an das Sportbecken, das mit seinen 100 Metern Länge den damaligen Anforderungen für Internationale Schwimmwettkämpfe entsprach. Auf den Trennwänden zwischen dem großen und den beiden kleineren Becken standen zwei Aufsichtstürme.

Die riesigen Becken wurden mit Wasser aus einem Quellteich versorgt, aus dem auch heute noch das Wasser fürs " Moskau" sprudelt. 1 000 Kubikmeter Wasser entsprangen der Quelle täglich. In fünf Tagen waren die Bassins damit komplett gefüllt. Zum aufwärmen des Wassers bediente man sich damals schon der Sonnenenergie: Bevor das Wasser an seinem Bestimmungsort ankam, durchquerte es langsam ein 80 Meter langes, 15 Zentimeter flaches Vorwärmebecken. Das mit 10 bis 11 Grad aus der Quelle sprudelnde Nass erwärmte sich dabei auf 17 bis 20 Grad.

Der Eröffnungstag war ein Riesenfest, trotz des miesen Wetters. Rund 1 000 Zuschauer verfolgten den Aufmarsch der Schwimmvereine und Sportgruppen, die in Begleitung von Blaskapellen und Schalmeienorchestern einzogen.

In den vorangegangenen Jahren war Schwimmen zu einem beliebten Volkssport geworden. Und 1925 hatte sich plötzlich die Chance ergeben, die stark gestiegene Nachfrage nach Bademöglichkeiten zu befriedigen Der Seifenfabrikant Frömbling hatte sich bereit erklärt, 24 000 Quadratmeter in der Wüste zum Selbstkostenpreis von 40 000 Mark abzugeben. Bürgervorsteher August Hölscher hatte daraufhin das Projekt auf den Weg gebracht.

Ein großer Teil der Arbeiten war von Arbeitslosen geleistet worden. Die Kosten wurden unter anderem von der " produktiven Erwerbslosenfürsorge" getragen - Freibadbau als frühe Arbeitsbeschaffungsmaßnaahme also. Auch die Preise erscheinen heute sozialverträglich: Ein Kind zahlte für eine Einzelkarte 10 Pfennig, Erwachsene 25 Pfennig. Allerdings: Der damalige Badleiter Adolf ElIinghaus verdiente 70 Mark im Monat, wie sich sein Sohn Herbert erinnert. Für die armen Osnabrücker gab es damals dann noch die Möglichkeit, samstags ab 17 Uhr ganz umsonst in den Genuss des kühlen Nasses zu kommen. Herbert Ellinghaus: " Die Schlange stand dann manchmal bis zur Limberger Straße und die Mitarbeiter seines Vater hatten Mühe gehabt, alle Badegäste vor dem Sprung ins Becken unter die Dusche zu bekommen.

Dann wurde einfach die Chlordosis erhöht: Einen Messbecher mehr aus dem Glasballon, fertig. Im Umgang mit dem hochgiftigen Desinfektionsmittel, so erinnert sich der Zeitzeuge, sei man ohnehin nicht zimperlich gewesen. Sein Vater habe sich nur aufgeregt, wenn seine Kollegen die Dosis im weißen Dienstanzug ins Wasser gemengt hatten. Denn schon winige Chlorspritzer ätzten kleine Löcher in den Dress.

6 000 bis 8 000 Besucher passierten damals an warmen Sommertagen die Kasse. Das Badrestaurant war ein regelrechtes Ausflugslokal, auf dessen Terrasse es auch noch nach dem Ende des Badebetriebs weiterging. Wir Kinder schliefen oben im Wirtschaftsgebäude und konnten manchmal nicht einschlafen, weil das Grammophon immer wirder , Gold und Silber...' dudelte", berichtet der zweite Sohn des Oberschwimmmeisters von seinen Erfahrungen. Für Herbert Ellinghaus und alle seine Freunde war das Moskau aber vor allem eine Riesenspielwiese. Auch außerhalb der Saison. An den schrägen Wänden des Sprungbeckens versuchten sich die Burschen mit Fahrrädern als Steilwandfahrer: . Da haben wir ' Frickenschmidt' gespielt", freut sich der fast 80-Jährige heute noch über den Schabernack von damals.

Die Honoratioren sahen die Anlage dagegen ganz als groben Fortschritt für die Ertüchtigung und Gesunderhaltung der Stadtbevölkerung Der Tageblatt-Redakteur schrieb damals: " So möge diese großstädtische Anlage, deren Eröffnung am kommenden Sonnabend in die wechselreiche Stadtgeschichte ein neues - man kann ruhig sagen - Ruhmesblatt fügen wird, nach dem Wunsche der Stadtverwaltung eine Stätte edler Körperpflege werden!"

Chronik

1925 beschließt der Rat der Stadt, auf dem Gelände " In der Moskau" ein Freibad zu bauen.

1926, am 7. August, wird das Freibad nach nur dreimonatiger Bauzeit in strömendem Regen eingeweiht. Am 5. September 1926 strömen 10 000 Menschen ins Bad. Eine Liegewiese gab es noch nicht. Die Tribüne und ihre Türme werden in den 30er Jahren endgültig ausgebaut.

Im 2. Weltkrieg wird das Gelände von rund 80 Bomben getroffen. Das Wirtschaftsgebäude mit Restaurant und Schwimmmeisterwohnung wird zerstört, eine Luftmine reißt den Sprungturm ins Becken.

1945 lässt die britische Militärverwaltung das Freibad für die Besatzungstruppen renovieren.

1946 dürfen auch die Osnabrücker wieder in die kühlen Fluten springen.

1954 wird ein neuer Zehnmeterturm errichtet.

1985 entsteht eine 83 Meter lange Rutsche.

1997 zur Sommersaison, wird das Bad nach einer grundlegenden Umgestaltung wiedereröffnet.

1998 ab September, können die Badegäste auch eine ganz neue Kleinschwimmhalle nutzen.

Von wegen gute alte Zeit

Till hält eigentlich nichts von Kulturpessimismus. Andererseits rufen die vielen Klagen über die Schlechtigkeit der Mitmenschen, die Till oft , am Telefon zu hören bekommt, auch bei ihm gelegentlich das unbestimmte Gefühl hervor: Irgendwie wird alls immer schlimmer. Statistisch erwiesen ist das freilich nicht, und dann und wann erfährt er Dinge aus der vermeintlich guten alten Zeit die zeigen: Auch in den 20em war nicht alles Gold, was glänzte. Herbert Ellinghaus zum Beispiel, Sohn des ersten Moskau-Schwimmmeisters, berichtete jetzt, dass schon damals betrunkene Rowdys im " Moskau" manchmal nachts ihr Unwesen trieben. Sein Vater hatte deshalb einen Schäferhund und - zum Schutz der Tageseinnahmen - sogar eine Dienstpistole. Schlägereien gab' s ebenfalls, manchmal sogar mit erheblichen Verletzungen. Und geklaut wurde auch Hat das Gefühl, dass alles schlechter wird, vielleicht auch damit zu tun, dass die unangenehmen Erinnerungen eher beiseite geschoben werden als die schönen? " Früher war alles besser", Till wird derartigen Allgemeinplätzen künftig noch skeptischer begegnen. Bisübermorgen

JUX UND DOLLEREI beim Schwimmfest: Hier unternimmt " Papa Pilo" Daviter mit der Familie eine Kahnpartie im Sportbecken. Foto: Sammlung Ellinghaus

DAS WAHRZEICHEN für das " Moskau" waren lange Zeit die Zehnmetertürme. Der erste stürzte bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg ins Becken. Foto: Sammlung Ellinghaus

IN MILITÄRISCHER MARSCHORDNUNG zogen die Schwimmer zu den Wettkämpfen ins Moskau ein. An der Limberger Straße gab es in den 20er Jahren noch keine geschlossene Bebauung.

Foto: Sammlung Ellinghaus

DAS NEUE NOSKAU: Der Sprungturm bietet als höchste Absprungmöglichkeit zwar nur noch ein Drei-Meter-Brett. Dafür kann man seit der Erneuerung des Bades jetzt auch in einer Halle schwimmen.

IN DEN 60er Jahren, in denen diese Aufnahme entstand, herrschte an Sommertagen wieder buntes Treiben. Ein neuer " Zehner" war entstanden, im Stil der Wirtschaftswunder-Architektur. Foto: Archiv

DIE TRIBÜNEN-TÜRME entstanden erst später. Auf diesem Bild von einem Schwimmfest um 1930 sieht man eines der Gebäude noch im Bau. Foto: Sammlung Ellinghaus
Autor:
Michael Schwager, Till


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