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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Wo dieses Licht herrscht, tritt man in eine neue Epoche"
Zwischenüberschrift:
100 Jahre Elektrizität: "Unbedingt modern sein" im Museum Industriekultur
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Von Rainer Lahman-Lammert

Was hat unsere Welt wohl am stärksten verändert. Die Dampfmaschine? Das Internet? Die Elektrizität? Die Dampfkraft entfaltete sich hinter verschlossenen Türen, das World Wide Web zeigt uns Altbekanntes in neuer Verpackung. Aber der elektrische Strom hat vor 100 Jahren alles Dagewesene buchstäblich in den Schatten gestellt. An diese Zeit des Umbruchs, an Elektrizität und Zeitgeist um 1900, erinnert das Museum Industriekultur in Osnabrück mit seiner Ausstellung " Unbedingt modern sein", eröffnet wird.

Vor 100 Jahren wurde in Osnabrück das Elektrizitätswerk an der Luisenstraße eröffnet. Wie in vielen Städten stieß die neue Energie bei vielen Zeitgenossen auf Vorbehalte. Andere sahen in der Elektrizität das Wundermittel, das, selbst Kraftlosigkeit und Impotenz kurieren sollte. Und in der Werbung jener Zeit war der Strom nicht etwa gelb, sondern weiblich - Im Gegensatz zur männlich besetzten Dampfkraft, wie Museumsleiter Rolf Spilker unterstreicht. Elektrizität, das war nicht mehr die Brachialgewalt der frühen Industrialisierung, sondern eine »naturnahe", vielleicht auch " sanftere" und " ästhetischere" Kraft.

Für die Stadtmenschen zwischen Gründerzeit und Jugendstil begann das elektrische Zeitalter mit einer Erleuchtung in Gestalt der Bogenlampe, die an die- Stelle der trüben Gasbeleuchtung trat. " Tritt man ein, wo dieses Licht herrscht, als käme man nicht in einen neuen Stadtteil, sondern in eine neue Epoche", notierte der dänische Literaturhistoriker Georg Brandes 1882, nachdem er in Berlin am Potsdamer Platz die ersten elektrischen Bogenlampen gesehen hatte.

Die andere Seite der Medaille: Mit der Elektrifizierung begann der noch heute oft beklagte hektische Alltag in den Städten. Künstler haben das zuerst bemerkt und in ihren Werken festgehalten. Einige Beispiele sind in der Ausstellung zu sehen.

Es waren die Kaufleute, die als erste auf die elektrische Beleuchtung setzten. " Licht lockt Leute" lautete der Slogan, der bis heute aktuell geblieben ist. Es dauerte nicht lange, bis Glühlampenhersteller wie Philips oder Osram erkannten, dass sich aus der Angst vor dunklen Machenschaften Kapital schlagen lässt. Auf einem Plakat von 1912 verscheucht ein strahlender Saubermann in klassischer Post das lichtscheue Gesinde. Bemerkenswert, wie die Unterweltler dargestellt sind, als Zwitterwesen zwischen Mensch und Vampir.

Rapide hat das elektrische Licht die Städte verändert. Nicht ganz so spektakulär mag auf den ersten Blick erscheinen, wie der Strom alle anderen Bereiche des menschlichen Lebens umgekrempelt hat. Ob Haushaltsgeräte, Nachrichtenübertragung oder Straßenbahn, Theater, Kino oder Medizin - wir haben uns so sehr daran gewähnt, dass wir bei einem Stromausfall nur noch hilflos Däumchen drehen können.

Wie die Elektrizität das Arbeitsleben verändert hat, zeigt die Ausstellung am Beispiel der Transmissionen, die nach und nach aus den Fabriken verschwanden. Diese gefährlichen Riemenübertragungen aus der Dampfmaschinenzeit,

Mit der Elektrifizierung begann die Hektik

die bis zu 80 Prozent der Antriebsenergie schluckten, waren in der Maschinenbauwerkstatt bei der AEG schon 1896 passe. Stattdessen wurde jede Werkzeugmaschine von einem eigenen Elektromotor angetrieben. Ein Prinzip, das sich auch für kleinere Einheiten anbot, vor allem im Handwerk.

Zu Beginn des 20 Jahrhunderts wurde die Elektrizität als " Motor der Wirtschaft" gefeiert, Ende der 20er Jahre war es normal, einen Stromanschluss zu haben. Von dieser allgemeinen Entwicklung profitierten in Osnabrück Betriebe wie das Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk (Kupferkabel), die Papierfabrik Kämmerer (Isolierpapier) und das Stahlwerk (Straßenbahnschienen).

Auf den technischen Wandel jener Jahre ist Herbert Marx später in seinen Erinnerungen " Das andere Vaterland nahm ich mit" eingegangen: " Die Konfrontation mit diesen und anderen technischen Neuerungen innerhalb zweier Jahrzehnte ist wohl einmalig und dürfte von keiner anderen Generation als der zu Beginn dieses Jahrhunderts angetretenen erreicht worden sein. Die umwälzenden Entwicklungen, die wir über uns ergehen ließen, ja mitmachen mussten, haben das Leben sehr bequemer und komfortabler gemacht, aber auch die Unrast gesteigert."

Andere haben vom " nervösen Zeitalter" gesprochen. Der

Bei einem Stromausfall stehen wir hilflos da

Begriff Neurasthenie machte die Runde, mit Krankheitsbildern von Schlafbeschwerden bis zu Verdauungsstörungen. Aber auch darauf hatte die Elektrotechnik selbstverständlich eine Antwort. Die Ausstellung im Museum Industriekultur zeigt allerlei skurrile Geräte, die mit " heilenden elektrischen Strahlen" die passende Therapie versprachen. Heute würden wir vor diesen Apparaten entsetzt weglaufen und einen ganz anderen Schmerzensschrei ausstoßen: " Hilfe, Elektrosmog!"

Die Ausstellung " Unbedingt modern sein" über Elektrizität und Zeitgeist um 1900 ist vom 14. Oktober bis zum 3. Februar im Museum Industriekultur in Osnabrück zu sehen, und zwar an zwei Orten: Im Haseschacht am Fürstenauer Weg und im nahe gelegenen Magazingebäude am Süberweg. Parallel dazu findet die Kunstausstellung " Schicht im Schacht. Licht im Schacht" statt. Öffnungszeiten: Mittwochs bis sonntags 10 bis 18 Uhr. Führungen für Gruppen und Schulklassen nach vorheriger Vereinbarung unter Telefon 0541/ 9 12 7846.

" NACHLICHT" heißt diese Schwarzlicht-lnstallation von Christina Kubisch im Hasestollen. Mit dem Projekt " Schicht im Schacht Licht im Schacht" begleitet der Museums- und Kunstverein die Ausstellung . Unbedingt modern sein" im Museum Industriekulturüber die Kunstausstellung berichten wir ausführlich auf der Seite " Feuilleton". Fotos: Klaus Lindemann

STROM MACHT MÜDE MÄNNER MUNTER: Eine Zeitungsanzeige aus der Zeit, als man der Elektrizität noch allerlei Wunderdinge nachsagte (1904).

LICHTSCHEUE GESTALTEN lassen sich mühelos vertreiben. Eine Werbebotschaft um 1912.

ELEKTRISCHES LICHT macht die Städte schöner, aber auch hektischer. Das war die Botschaft, mit der viele Künstler die Elektrifizierung des Alltags begleiteten. Links das Bild " Nachtbeleutung" von Lesser Ury (1889). Rechts das Plakat " Germany wants to see you" von Jupp Wiertz (1929).

ENERGIE IST MÄNNLICH, Strom ist weiblich. Jedenfalls in der Werbung, die manches über den Zeitgeist vor 100 Jahren aussagt. Dieses Plakat für die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft enstand 1888.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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