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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Wo ist eigentlich der Mittelpunkt von Osnabrück?
 
Das Herz und die Niere
Zwischenüberschrift:
Sinn oder Unsinn: Wir rechnen nach
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Mathematisch gesehen ist die Stadt ein Polygon - Das Zentrum lässt sich schon mit Bleistift und Lineal bestimmen

Wo ist eigentlich der Mittelpunkt von Osnabrück?

Sinn oder Unsinn: Wir rechnen nach

Von Rainer Lahmann-Lammert

Diese Frage hat uns gerade noch gefehlt: Wo ist eigentlich der Mittelpunkt von Osnabrück? jeder hat seine eigene Theorie: Der Markt, der Dom, der Neumarkt? Oder vielleicht der Hauptbahnhof? Es gibt verschiedene Berechnungsmethoden. Und die führen natürlich zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Delphi galt einmal als der Nabel der Welt, Europas Zentrum liegt nach einer Berechnung des französischen Nationalen Geographischen Instituts im litauischen Bemotal. Den Mittelpunkt Deutschlands hat der Verband Deutscher Schulgeographen im thüringischen Niederdorla festgemacht. Osnabrück sah sich noch vor 20 Jahren als »Stadt der goldenen Mitte", aber an die geographische Mitte ihres kommunalen Gemeinwesens haben die Stadtväter keinen Gedanken verschwendet. Und das, obwohl sich die Grenzen seit 1972 nicht verändert haben.

Gott sei Dank gibt es einen Mann, der sich der Herausforderung stellt. Gerhard Heit vom Fachbereich Städtebau weiß, dass die meisten Mittelpunktberechnungen ihre Tücken haben. Wer zum Beispiel das Zentrum Deutschlands bestimmen will, muss sich entscheiden: Mit Inseln oder ohne? Mit Zwölfmeilenzone um die Inseln herum? Wenn ja, warum gerade zwölf und nicht zehn Meilen?

Zum Glück hat Osnabrück keine Inseln in seiner Grenzere-

Es gibt mehr als drei Positionen für ein virtuelles Fähnchen

gion, der Stadtplan weist ein paar markante Zacken auf, das Zentrum liegt aber erkennbar zentral. Da bietet es sich an den Flächenschwerpunkt zu ermitteln. Also, Stadtplan auf festen Karton kleben, ausschneiden und auf einer Zirkelspitze balancieren. Noch besser eignet sich eine Kugelschreibermine. Gerhard Helt hat' s gemacht und ist zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen. Der Mittelpunkt von Osnabrück befindet sich am Carolinum, dort, wo der Conrad-Bäumer-Weg über die Hase führt.

Volltreffer, das wird die Carolinger freuen. Gerhard Helt war selber mal einer. Ob er ein wenig geschummelt hat, um seine alte Penne in den Mittelpunkt zu rücken? " Ausgeschlossen, niemals!", schwört der amtliche Sachwalter von Koordinaten aller Art. Und lacht.

Ob Sinn oder Unsinn - es gibt ja auch noch andere Berechnungsformeln. Man nehme einen Stadtplan und lege im Norden, Süden, Westen und Osten Tangenten an. So entsteht ein Rechteck, begrenzt von Längen- und Breitengraden. Und dieses Rechteck hat seinen Mittelpunkt ein paar Millimeter rechts von der Stadtwerke-Zentrale, jedenfalls auf dem Stadtplan. Im wirklichen Leben kreuzen sich die Linien etwa 50 Meter östlich der Luisenstraße und 75 Meter nördlich der Alten Poststraße, irgendwo im Hinterhof der Osnabrücker Tafel. Diesen Punkt sollte man sich merken.

Die gewählte Methode lässt sich noch verfeinern. Indem man die Tangenten so lange verschiebt, bis die Stadtumrisse in das kleinst mögliche Rechteck passen. Schon haben wir den dritten Mittelpunkt. Er liegt an der Herrenteichs Straße zwischen der Hase und dem Haarmannsbrunnen. So einfach ist das. Mit Zirkelspitze, Bleistift und Lineal. Schon haben wir drei Positionen, in die sich ein virtuelles Fähnchen rammen lässt.

Aber wer gibt sich im Zeltalter von Iriserkennung und Satellitennavigation schon mit so simplen Werkzeugen zufrieden? Die ganze Stadt ist digitalisiert, millimetergenau, und Gerhard Helt kann per Mausklick auf den hintersten Zipfel in Atter oder am Gut Waldhof zugreifen. Soll doch die Maschine sagen, wo Osnabrück seine goldene Mitte hat.

Die Leute vom Fachgebiet Geodaten arbeiten mit einem Programm namens GIS, das bei Bedarf den Mittelpunkt einer unregelmäßigen Fläche berechnen kann. Mathematisch gesehen ist die Stadt ein Polygon, ein Vieleck, und allerlei gedachte Linien - nennen wir sie gerichtete Vektoren - bilden nun eine endlose Zahl von Schnittpunkten, aus denen der Computer den Zentroid ermittelt.

Da haben wir ihn, unseren ultimativen Mittelpunkt. Wieder im Hinterhof der Osnabrücker Tafel. Dieses Mal vielleicht 72 Meter nördlich von der Alten Poststraße und 48 Meter östlich der Luisenstraße. So ganz genau lässt sich das nicht aus der Karte ablesen. Aber diese Stelle liegt so haarscharf neben dem

Hier etwas abstoßen und dort etwas eingemeinden?

Zentrum des Rechtecks aus Längen und Breitengraden, dass man vom einen zum anderen Punkt rüberspucken könnte.

Reiner Zufall, die Stadt ist nun einmal so unregelmäßig geschnitten. Hier und dort hat sie ein paar herausragende Ecken und Kanten, während Ihr an anderer Stelle etwas fehlt. Pye reicht mit seiner Nordspitze unnötig weit ins Wallenhorster Territorium, dagegen ist Büren schon auf den ersten Blick erkennbar ein unangenehmer Stachel im Fleisch von Osnabrück. Hier etwas abstoßen, dort etwas eingemeinden? Dann könnte die Stadt eines Tages kreisrund sein wie ein Teller. Mit etwas Geschick ließe sich das Rathaus genau in der Mitte platzieren. Dann brauchte sich niemand mit der komplizierten Berechnung unübersichtlicher Flächen zu quälen. Beim Blick über den Tellerrand stellt sich aber die Frage, wo andere den Mittelpunkt von Osnabrück vermuten. Immerhin führen viele Wege nach Osnabrück, und zahlreiche Wegweiser liefern Kilometerangaben, die ja auf irgendeinen Punkt zielen müssten. Theoretisch. Praktisch verlieren sie sich irgendwo im Zentrum. Das Straßenbauamt hat immer nur die Entfernungsangaben aus der Postkutschenzeit hochgeiechnet, und niemand hat' s gemerkt. Wie weit kommt eine Autofahrerin, wenn sie sich exakt an die Angabe hält . Osnabrück 31 km"? Anneliese Türnau vom Niedersächsischen Landesamt für Straßenbau lüftet das Geheimnis: Bei kleineren Orten bis zur Kirche, zum Rathaus oder zum Marktplatz im Zentrum. Schwieriger wird es, wenn diese Punkte an untergeordneten Straßen liegen und vielleicht gar nicht angefahren werden können. Dann soll der Suchende möglichst nah an das Zentrum herangeführt werden. Keine DIN-Norm hilft hier weiter. Dem Landesamt genügt schon eine Ringstraße um die Altstadt. In Osnabrück ist das der Wall.

Wer sich jetzt mit Navigationssystem und Kilometerzähler auf die Pirsch begibt und die Zahlen auf den Wegweisern kontrollieren will, wird vielleicht enttäuscht sein. . Es handelt sich um Annäherungswerte", beschwichtlgt Anneliese Türnau, " das bedeutet nicht, dass Sie mit der Angabe eine rechtlich verbindliche Information erhalten." Hatte ja auch niemand erwartet bei einem so wichtigen Thema.

Das Herz und die Niere

Till hat seine eigene Theorie, wo der Mittelpunkt der Stadt zu finden ist. Für ihn ist es eine unumstößliche Tatsache, dass das Herz von Osnabrück aus Altstadt und Neustadt besteht, jahrhundertelang hat sich die Stadt aus diesen beiden Hälften zusammengesetzt. Auf jedem Stadtplan ist das Zentrum deutlich zu erkennen. Es hat die Form einer Niere. Nach Tills Theorie kann der Mittelpunkt nur dort liegen, wo Alt- und Neustadt zusammenstoßen - am Neumarkt. Wer mit Bleistift und Lineal das geometrische Zentrum der Niere bestimmt, entdeckt es nur wenige Meter vom Neumarkt entfernt, auf dem Wendehammer der Großen Hamkenstraße. Till fühlt sich von diesem Befund in seiner eigenen Theorie bestätigt. Der Neumarkt ist also der organische Mittelpunkt von Osnabrück, das Zentrum mit Herz und Niere. Das sollte all jenen zu denken geben, die den Neumarkt nur als Ort automobiler Verstopfung kennen. Dieser Platz war einmal ein Markt, voller Leben, mit vielen Menschen. Er hatte es verdient, so umgebaut zu werden, dass er wieder im Mittelpunkt steht. Till hofft, dass dafür 2002 die richtigen Weichen gestellt werden. Bismontag

STADTPLAN AUF DEM ZEIGEFINGER BALANCIERT: Gerhard Heit vom Fachgebiet Geodaten hat den Flächenschwerpunkt an der Hase ausgemacht, direkt neben dem Carolinum. Foto Jörn Martens

BIS HIERHIN UND NICHT WEITER: Die Wegweiser nach Osnabrück enden am Wall. Das weiß auch Michael Thomalla von der Straßenmeisterei in Bad Iburg. Fotomontage: Michael Hehmann
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert, Till


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