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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Vatter, das war der Direktor"
 
Legende um einen Brunnen
Zwischenüberschrift:
Haarmann-Nachlass geht ans Museum
 
August Haarmann, der Patriarch mit dem Rauchebart: Preußische Sparsamkeit und eiserne Strenge galten als seine Tugenden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
August Haarmann, der Patriarch mit dem Rauschebart: Preußische Sparsamkeit und eiserne Strenge galten als seine Tugenden

" Vatter, das war der Direktor"

Haarmann-Nachlass geht ans Museum

Von Rainer Lahmann-Lammert

Den Haarmannsbrunnen kennen alle, aber wer war August Haarmann? Als Erfinder, Generaldirektor und Geheimer Commerzienrat gehörte der Patriarch mit dem Rauschebart vor 100 Jahren zu den bekanntesten Figuren der Stadt. Das Museum Industriekultur hat jetzt mehrere Kisten Interessanter Dokumente aus seinem Nachlass erhalten, mit Fotos, Veröffentlichungen und skurrilen Fundstücken.

Bis zum 31. März muss die Bremerin Gertrud Haarmann das Haus am Heger-Tor-Wall 24 leerräumen. Es hat einmal ihrem Großvater gehört. August Haarmann starb 1913, sieben Jahre vor der Geburt seiner Enkelin. Aber die 81-Jährige hat ein Bild von ihm im Kopf, so wie es früher an der Wand hing: " Er war tüchtig und von allen respektiert", sagt sie. Wenn sie nach den nach den markantesten Tugenden Ihres Großvaters gefragt wird, kommen Gertrud Haarmann Humor und Strenge in den Sinn. In dem Haus am Heger-Tor-Wall lebte bis zum April 2001 ihr Bruder, der Rechtsanwalt Heino Haarmann. Nach seinem Tod hat die Gewerbelehrerin aus Bremen zusammen mit den Kanzleiangestellten vom Keller bis zum Dach gründlich aufgeräumt. Eine Fundgrube für Rolf Spilker, den Leiter des Museums Industriekultur. Berge von Dokumenten durfte er mitnehmen. Darunter viele Ansichten, die das Osnabrücker Stahlwerk in der Zeit August Haarmanns zeigen. Das war zwischen 1872 und 1911.

Als Generaldirektor des Georgs-Marien-Bergwerks- und Hütten-Vereins war August Maarmann der Chef von fast 8 000 Arbeitern und Angestellten. Zu der Aktiengesellschaft gehörten damals die Stahlwerke Osnabrück und Georgsmarienhütte, bis zu ihrer Schließung 1898 auch die Kohlezeche auf dem Piesberg. Als Ingenieur und Erfinder hatte August Haarmann eine Reihe von Patenten, die sich auf Eisenbahngleise bezogen. Zum Beispiel den Zwlllingsschienen-Oberbau, die zweiteilige Schwellenschiene oder den Starkstoß-Oberbau.

Obwohl das Bessemer-Stahlwerk in Osnabrück nach der Entwicklung des Thomasverfahrens nicht mehr konkurrenzfähig war, sicherte ihm Haarmann durch den Absatz seiner Eisenbahnkomponenten Beschäftigung. So konnte sich der Betrieb halten, obgleich die Aktionäre manches Mal auf ihre Dividende verzichten mussten. Denn der Generaldirektor drängle darauf, die Gewinne zu Investieren. " Was sollten diese Leute denn ohne mich und meine Patente anfangen?", fragte der Patriarch mit dem Rauschebart selbstgefällig.

In der Biografie, die die Handschrift seines Sohnes Allan trägt, werden August Haarmann die Tugenden Arbeitsamkeit, Ausdauer, Ordnung, Sparsamkeit, Rechtlichkeit, Strebsamkeit, Gemeinsinn, Vaterlandsliebe und Humanität nachgesagt. Das glorifizierende Werk, das in den 30er Jahren erschienen ist, preist ihn sogar als ersten Nationalsozialisten im Geiste. Eine zweifelhafte Ehre, die sich August Haarmann nicht antun musste, weil er schon 20 Jahre früher an einer Lungenentzündung gestorben war.

Von der eisernen Strenge die seine Enkelin noch gespürt hat, berichtet auch der wandernde Bäckergeselle Carl Fischer in seinen " Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters". Fischer, der eine Zeitlang im Osnabrücker Stahlwerk gearbeitet hat, zitiert zwei Ingenieure, die über den Alten schimpfen: " Ach, der hat ja kein bisschen Bildung!" Ein Gießereiarbeiter weiß sofort, was Sache ist: " Denen hat Vatter Bescheid gesagt."

" Vatter", schreibt Carl Fischer, " das war der Direktor. Die Leute hatten ihm von Anfang an einen Spitznamen gegeben und nannten ihn Vatter Grausam, aber in den letzten Jahren hörte man den vollen Namen nur noch selten..."

August Haarmann hatte selbst einmal klein angefangen, als eines von zehn Kindern einer Bäckersfamilie in Blankenhelm an der Ruhr. Er wurde Bergmann und sparte sich durch viele Überstunden das Geld für ein Studium zusammen. Als Ingenieur im Hüttenwerk Neuschottland spezialisierte er sich auf den Eisenbahnoberbau, später wurde er in Hattingen Walzwerksdirektor. 1872 ging der junge Mann nach Osnabrück, wo er zunächst dem Vorstand des Eisen- und Walzwerks angehörte und 1890 zum Generaldirektor des Georgs-Marien-Bergwerks-und Hüttenvereins aufstieg.

Als Fabrikant besuchte Haarmann die Weltausstellungen seiner Zeit diesseits und jenseits des Atlantiks, um die neusten Produkte der Schienentechnik zu präsentieren. Über seine Reiseeindrücke verfasste er ausführliche Berichte, in denen immer wieder sein Hang zur Sparsamkeit durchschimmert. So mokierte er sich 1889 in Paris über sein Quartier, " das sich am treffendsten mit einem Hühnerstall vergleichen lässt", aber dennoch 16, 5 Francs pro Nacht gekostet habe.

In Chicago, vier Jahre später, fiel dem knauserigen Preußen auf, wie unbekümmert die Amerikaner aus dem Vollen schöpften:

Schabernack mit dem Reichskanzler

" In dieser Beziehung ist es bezeichnend, dass ein amerikanischer Reporter, welcher in Finland etwas zu erkunden hatte, der telegraphischen Abgabe seiner Nachrichten noch sieben ganze Kapitel aus dem ersten Buch Moses folgen ließ, nur um zu verhindern, dass in den nächsten Stunden das Kabel von der Concurrenz benutzt werden könne."

Kein Zweifel, der Alte hatte Humor. Rolf Spilker vom Museum Industriekultur hat einige Anekdoten ausgegraben, die vom Geheimen Commerzienrat stammen.

Als Graf Caprivi, der Nachfolger Bismarcks als Reichskanzler Osnabrück besuchte, besichtigte er auch das Stahlwerk und das von Haarmann aufgebaute Gleismuseum. Mit einem klappernden Schachtkorb inszenierte der Generaldirektor für seinen Gast eine virtuelle Reise in ein 400 Meter tiefes Bergwerk. Und freute sich diebisch, als der Reichskanzler auf seinen Schabernack hereingefallen war.

Das Stahlwerk hat sich bis in die 80er Jahre halten können, das Gleismuseum ging an den preußischen Staat. Noch heute sind die Exponate im Deutschen Technik-Museum Berlin und im Verkehrsmuseum Dresden zu sehen. In Osnabrück erinnert der Haarmannsbrunnen an den Partiarchen alter Schule. Als ehrenamtlicher Senator der Stadt (heute heißt es Beigeordneter) engagierte er sich in der Kommunalpolitik. Damals plante die Stadt, den Herrenteichswall abzureißen, Haarmann war dafür. Er änderte jedoch seine Meinung, als sich der Hannoversche Städtetag für den Erhalt der mittelalterlichen Befestigungsanlage aussprach. Und setzte sich durch.

Um der Sache einen repräsentativen Abschluss zu geben, wurde 1909 der Jugendstilbrunnen am damaligen Möserplatz errichtet. Der Geheime Commerzienrat August Haarmann stiftete dafür die Bronzefigur des Bergmanns. So setzte er nicht nur seinen Arbeitern, sondern vor allem sich selbst ein Denkmal.

Legende um einen Brunnen

Till weiß, dass sich Legenden oft viel länger halten als die Anlässe, auf die sie gemünzt sind. Deshalb will er heute mit einer Legende aufräumen, die in Osnabrück immer wieder gern verbreitet wird. Der Haarmannsbrunnen, so heißt es, erinnere an das Bergwerksunglück im Piesberg vom 7. September 1893. Damals kamen neun Bergleute ums Leben, weil sie bei einem Wassereinbruch erstickten. Richtig ist, dass August Haarmann damals Generaldirektor des Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins war. Die von ihm gestiftete und vom Bildhauer Adolf Graef-Fürstenau ausgeführte Brunnenfigur zeigt einen Bergmann bei der Arbeit. In dem herabstürzenden Wasser sehen manche Beobachter den Bezug zum Bergwerksunglück. Aber der Haarmannsbrunnen sollte ein Arbeiterdenkmal sein, mehr nicht. Das lassen sämtliche Dokumente aus seiner Entstehungszeit erkennen. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf die vermissten Bergleute. Till hat schon vor Jahren darauf hingewiesen. Aber es scheint, dass es sich noch nicht überall herumgesprochen hat.Bismontag.

Fotountertitel

DIE ALTE BESSEMEREI des Stahlwerks auf einem Bild des Malers Otto Bollhagen, der sich auf Industriemotive spezialisiert hatte.

DER PATRIARCH: August Haarmann (1840 - 1913)

ZUM 70. GEBURTSTAG am 4. August 1910 erhielt August Haarmann diese Schmuckmappe vom Aufsichtsrat. Seine Enkelin Gertrud Haarmann hat sie jetzt dem Museum Industriekultur vermacht. Fotos: Gert Westdörp

DER MENSCH als Größenvergleich: Eine Schiffsschraube, poduziert im Osnabrücker Stahlwerk um 1890.

DAS ARBEITERDENKMAL: Haarmann stiftete die Brunnenfigur und schuf sich selbst ein Denkmal.

DAS STAHLWERK um die Jahrhundertwende: Links das Verwaltungsgebäude, Haarmanns Arbeitsplatz.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert, Till


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