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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Mit der Stereolupe den Versagern auf der Spur
 
Immer noch gefährlich
 
Luftbilder waren nur Leihgaben
 
Es ginge alles schneller, wenn...
Zwischenüberschrift:
In Hannover werden Luftbilder aus osnabrück ausgewertet
 
Nach der Luftbildauswertung müssen die Bergungstrupps die Arbeit schaffen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Mit der Stereolupe den Versagern auf der Spur

In Hannover werden Luftbilder von Osnabrück ausgewertet

Von Beate Dammermann (Text)

und Michael Hehmann (Fotos)

Brille auf, Brille ab. Noch ein blick durch die Lupe auf das alte Foto. Manchmal bis der Kopf raucht und schmerzt. Im Blickfeld ein schwarz-weißes Gewirr: Straßen, zerstörte Häuser und überall kleine Krater von Explosionen. Osnabrück nach einem der vielen Bombenangriffe im 2. Weltkrieg. Wo nur konnte noch ein winzig kleiner Punkt sein, der auf eine nicht detonierte Bombe hinweist, eine Bombe, die auch heute noch " tickt"?

Bevor in Osnabrück, wie in diesem Jahr wieder, systematisch Blindgänger gesucht und entschärft werden können, hat Carsten Lerch, Vermessungstechniker beim Dezernat Kampfmittelbeseitigung (KUD) in Hannover, die Verdachtspunkte aus den Luftbildern " herausgeholt". Der 36-Jährige ist der Auswerter für Osnabrück, genauer gesagt, für den südlichen Teil des Regierungsbezirks Weser-Ems.

Wieder ein genauer Blick durch die Stereolupe, die ein räumliches Sehen ermöglicht. Der Auswerter muss die Bodenbeschaffenheit an diesem Ort kennen, denn die Krater und Punkte können täuschen. Ein Fünf-Zentner-Blindgänger hinterlässt manchmal denselben Krater wie eine detonierte 25-Kilo-Bombe, ein 36-Zentner-Blindgänger sieht aus wie eine explodierte Fünf-Zentner-Bombe. " Anfänger können schon mal einen Strohmmasten oder eine Kuh für einen Einschlag halten, so schlecht ist teilweise die Qualität der alten Luftbilder", erzählt Lerch.

Hat er einen Schatten auf dem Foto als möglichen Blindgänger identifiziert, zeichnet er ihn auf einer Karte ein. Niedersachsen ist in 7 500 Planquadrate eingeteilt, jede dieser Grundkarten gibt einen Ausschnitt von 2 mal 2 Kilometern im Maßstab 1: 5000 wieder. Vermessungstrupps (Mitarbeiter des KBD und von Fremdfirmen) suchen anschließend auch mit Hilfe von Satelliten-Navigation diesen Verdachtspunkt, sondieren, graben - und stoßen vieleicht auf den Blindgänger.

Oder auch nicht. Schon während des Krieges wurden Blindgänger entschärft, doch niemand dokumentierte die Einsätze. Nach dem Krieg ging es weiter, Osnabrück hatte bis 1974 sogar ein eigenes Bombenbergekommando. Doch die notierten höchstens: " Fünf Zentner Bombe in der Dodesheide entschärft." " Ich messe vielleicht einen Verdachtspunkt ein, der schon lange keiner mehr ist", sagt Lerch. Deswegen werden auch die Berichte von Heimatforschern und alte Zeitungsartikel zu Rate gezogen. Norbert Lauxterrnann, Sprengmeister, Osnabrücker Feuerwehrmann und Koordinator zwischen den Einsatzkräften und Bombenräumern, ist für die Auswerter in Hannover schon ins Staatsarchiv " getaucht": " Manchmal finden sich Hinweise in alten Polizeitagebüchern", berichtet er von Erfolgserlebnissen.

Bomben werden immer gefährlicher

Carsten Lerch beugt sich wieder über ein Luftbild von Osnabrück. Nur selten hat er eine komplette Serie der ganzen Stadt. Wie die vom 3. April 1945 als die Bomber vier Mal über die Hasestadt hinwegflogen und ihre tödliche Last abwarfen. Und die Kameras in den Flugzeugen alles dokumentierten.

80 000 Sprengbomben und 460 000 Brandbomben fielen in den Kriegsjahren, zehn Prozent waren " Versager", die es auch heute noch zu finden gilt. Denn der Sprengstoff verrottet nicht, die Blindgänger werden von Jahr zu Jahr gefährlicher, bis hin zu Selbstdetonationen. Im kommenden Jahr werden, auf den Grundlagen der Arbeit von Carsten Lerch, Sprengmeister Thomas Gesk und seine Truppe wahrscheinlich wieder einige Monate in Osnabrück nach den gefährlichen Blindgängern suchen. Voraussichtlich. " Andere Städte im südlichen Weser-Ems-Gebiet wollen auch, dass wir kommen", sagt der Vermessungsingenieur. Es kann auch etwas Unvorhergesehenes passieren, wie ein Großprojekt. Dann muss Carsten Lerch Bilder anderer Orte aus dem Archiv ziehen und auswerten und der Bombenbergungstrupp wird umgeleitet. Osnabrück hätte dann zwar Ruhe, aber keine Sicherheit.

Es ginge alles schneller, wenn...

Nach der Luftbildauswertung müssen die Bergungstrupps die Arbeit schaffen

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD), Ende der 40er Jahre gegründet und mehrfach umbenannt, ist eine Behörde der Bezirksregierung Hannover unter der Fachaufsicht des Umweltministeriums und für ganz Niedersachsen zuständig.

Die systematische Suche nach Blindgängern wurde für den KBD aber erst möglich, als in den 80er Jahren die Luftbilder von den Alliierten zur Auswertung freigegeben wurden. 48 Mitarbeiter hat der KBD heute: Die Vermessungstechniker in Hannover, die Männer der Vermessungs- und Bombenbergungstrupps, Mitarbeiter, die die entschärften Blindgänger abholen, und solche, die sie in Münster sprengen oder verbrennen. Chef der Truppe ist Thomas Tegtmeyer.

Seit zwei Jahren wird, auf der Grundlage der Auswertungen von Carsten Lerch, in Osnabrück planmäßig nach Blindgängern gesucht, im kommenden Jahr geht es weiter. Kann man das Aufspüren der gefährlichen Blindgänger nicht beschleunigen? " Theoretisch ja", sa-

Dezernat wurde mehrmals umbenannt

gen die Mitarbeiter des KBD. Und dann kommen viele " Wenns".

Wenn man mehr als die vorhandenen drei Bombenbergungstrupps hätte, sich Tausende Osnabrücker mindestens ein Mal pro Woche evakuieren ließen und die Kräfte von Polizei und Hilfsorganisationen nur noch dafür zur Verfügung stünden. Und wenn man andere Teile Niedersachsens, die ebenso belastet sind, vernachlässigen würde. Oder wenn man auch dort noch mehr Sprengmeister einsetzen würde.

Um die Luftbildauswertung zu beschleunigen, hatte der Präsident des Landesrechnungshofes, Wolfgang Meyerding, vor kurzem vorgeschlagen, seine ehemalige Behörde, den Landesbetrieb Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen", zu beteiligen. " Es liegt doch nicht nur an der Auswertung", sagt dazu der Osnabrücker Sprengmeister Norbert Lauxtermann. Allein zwölf Verdachtspunkte, die Carsten Lerch bei der Luftbildauswertung in Hannover entdeckt hatte, konnten in diesem Jahr nicht " abgearbeitet" werden.

" Unsere Vermessungsingenieure haben außerdem eine Spezialausbildung in Munitionskunde", ergänzt KBD-Leiter Tegtmeyer. Eine reine Auswertung gehe auch auf Kosten der Sicherheit. " Unsere Leute arbeiten wie ein Dreigestirn zusammen: Der Auswerter, der Vermesser und der Sprengmeister stehen in ständigem Kontakt.

Zusammenarbeit wie ein " Dreigestirn"

Denn es gibt immer wieder unklare Situationen und Nachfragen", berichtet Tegtmeyer.

Unterstützung könnte er sich jedoch bei den Bauanträgen vorstellen. Denn wer heute bauen will, muss das Grundstück (falls es davon ein Luftbild gibt) vom KBD prüfen lassen. " Dann könnten wir uns voll auf die gezielte Blindgängersuche konzentrieren."

Luftbilder waren nur Leihgaben

Vor, während und nach den Bombenangriffen auf Deutschland und andere Länder, aber auch bei reinen Aufklärungsflügen wurde aus den Flugzeugen der Alliierten aus Höhen zwischen 10 000 und 24 000 Fuß fotografiert. Es galt, Ziele zu finden, Treffer zu registrieren - und die Piloten zu kontrollieren. Nach dem Krieg wurden die Luftaufnahmen in Tausende Kartons gepackt und in der Universität von Keele, nördlich von Birmingham, gelagert.

1986 wurden sie zur Auswertung freigegeben. In teilweise desolatem Zustand kamen die Papierabzüge nach Niedersachsen und mussten erst einmal gewässert und gebügelt werden. " Man hat damals gedacht, es wären 30 000 Fotos auszuwerten, doch es waren schließlich über 200 000", weiß Einsatzkoordinator Thomas Tegtmeyer.

Dabei sind, weil es so viele waren, nicht einmal alle Luftbilder zur Auswertung in Deutschland gebliehen: Die Fotoserien der Angriffe zwischen 1941 und 1943 sind schon bald nach England zurückgeschickt worden. Auch die Bilder von 1944 / 45 waren nur befristet ausgeliehen, und man musste sich beeilen, sie zu kopieren. Außerdem dachte man damals noch, es reiche aus, auf den zuletzt aufgenommenen Fotos nach Blindgängern zu suchen. Das erwies sich im Nachhinein als Irrtum: Neue Krater überdeckten alte, auch im Krieg veränderten sich Landschaften, pflügten Bauern die Felder.

Theoretisch könnten die Bombensucher die Luftaufnahmen der ersten Kriegsjahre heute wieder in Keele anfordern. Allerdings sind die Zeiten des freundlichen Ausleihens vorbei: 50 bis 60 britische Pfund verlangt die Universität heute für einen Abzug - und das ist bei der Fülle der Bilder unbezahlbar. Außerdem ist die Qualität der Fotos über 50 Jahre nach dem Krieg nicht besser geworden: Die stecknadelgroßen Hinweise auf Blindgänger verblassen schon.

Doch selbst wenn der Kampfmittelbeseitigungsdienst sämtliche Bilder hätte, könnten die Auswerter nicht alle Blindgänger orten: Manche Bilder fehlen, weil die Bomber abgeschossen wurden. Auf anderen Fotos verdecken Bäume oder Sträucher die Bombentrichter, manchmal war einfach schlechtes Licht. Oder die Bilder wurden aus einem ungünstigen Winkel aufgenommen und sind für eine exakte Auswertung unbrauchbar.

Parallel zu den Luftbildern kamen ab 1986 bergeweise Pläne der damaligen Angriffsrouten. Und dann hieß es, Luftbilder und Flugrouten zusammenzuführen und den jeweiligen Zielen und Städten zuordnen. " Mittlerweile kann ich ihnen nach einem Blick auf ein Luftbild sagen, wo geknipst wurde. Die Oker oder die Elbe, die Küste oder die Gleise in Osnabrück - im laufe der Zeit erkennt man die typischen Merkmale jeder Gegend Niedersachsens", sagt Auswerter Siegfried Glombik,

Immer noch gefährlich

Till war schon häufig dabei, wenn in Osnabrück nach einer Bombe gesucht und der Blindgänger entschärft wurde. Deshalb war es für ihn interessant, sich in Hannover umzusehen, wo die Suche mit der Auswertung der Luftbilder ihren Anfang nimmt. Doch egal, ob beiden Auswertern in der Landeshauptstadt oder den Sprengmeistern vor Ort, er hörte immer denselben Satz: Die alten Bomben und die Munition sind auch nach fast 60 Jahren noch unheimlich gefährlich. Wer je gesehen hat, mit welchem Respekt und manchmal auch wahnsinniger Vorsicht die Sprengmeister damit umgehen, bekommt davon einen Eindruck. Morgen wird im Fledder wieder eine Zehn-Zentner-Bombe entschärft und von den Bürgern, die von der Evakuierung betroffen sind, ist wieder viel Verständnis gefordert. Doch jeder, der am Sonntag oder bei anderen Bomben, das Haus verlassen muss, sollte bedenken: Es ist besser, ein Mal das Haus kurzfristig zu verlassen, als zu erleben, dass eine der verrottenden Bomben von allein detoniert und großen Schaden anrichtet. Bismontag

GESUCHT, gefunden und entschärft: Ein Blindgänger

OSNABRÜCK in den Kriegsjahren. Auf dem Luftbild, fotografiert nach dem Angriff, links die Katharienkirche, darunter die Turnhalle und die Möser-Mittelschule. Quer durch das Bild verläuft die Katharienenstraße, am rechten Bildrand sieht man den Wall, ganz rechts das Regierungsgebäude.

LUFTBILD aus dem Bomber: Der zerstörte Ringlokschuppen, die Hamburger Straße, die Bahnlienie.

STARK VERGRÖSSERT: Die Bahnlinie durch die Wüste und Einschlagskrater. Ist der kleine Punkt (Pfeil) ein heute noch gefährlicher Blindgänger tief im Erdreich?

DIE STEREOLUPE ist bei der Auswertung der Luftbilder das wichtigste Hilfemittel für Carsten Lerch (Fotos oben), außerdem (Foto unten) das Archiv mit Tausenden Luftbildern.

Autor:
Beate Dammermann, Till


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