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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ganz zeitlos oder nur so eine Mode?
 
Offene Stellen, offene Fragen
 
Der lange Weg zur neuen Großen Straße
 
Die Große Straße um 1873
Zwischenüberschrift:
Die Große Straße ist fertig: Über die Schwierigkeit der Architekten, einer Fußgängerzone ein neues Gesicht zu geben
 
Als am Neumarkt noch das alte Zuchthaus stand
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wie eine Straße zum " Zitat" wird

Von Rainer Lahmann-Lammert

Die neu gestaltete Große Straße wird am Donnerstag eröffnet. Es gab sie schon, als in Osnabrück noch kein Haus stand. Zuerst war sie nur ein Fußweg durchs Feuchtbiotop. Jahrhundertelang blieb sie eine bescheidene Ackerbürgergasse. Doch als Krönung ihres Daseins wurde sie vor 100 Jahren zur Schaufensterflaniermeile geadelt. Mit jeder neuen Nutzung hat die Große Straße ihr Gesicht verändert. Jetzt ist - rein äußerlich - wieder mal ein neues Zeltalter angebrochen. Und da fällt auf, dass die Stadväter mit dem neuen Outfit ins 19. Jahrhundert zurückgestolpert sind: Links und rechts Bürgersteige, dazwischen die Straße. Alles durchgehend gepflastert und karg möbliert. Nur, dass die Pflastersteine jetzt aus China kommen und die Bürgersteige keine Stolperkante mehr haben. Fragt sich nur: Haben wir es hier mit einer neuen Mode zu tun oder mit einer Rückkehr zur klassischen Form?

Der Bruch kam 1972, als gegen den Willen vieler Geschäftsleute die Autos aus der Osnabrücker Hauptstraße verbannt wurden. Vielleicht war es ein Reflex der Planer, den Charakter der neugeschaffenen Fußgängerzone mit sichtbaren Verkehrshindernissen zu betonen. So bekam die Große Straße nach dem Vorbild anderer Städte Pflanzkübel und Sitzelemente aus Waschbeton, Kugelleuchten und Vitrinen. Was damals als letzter Schrei galt, machte Osnabrück jedoch verwechselbar mit jeder beliebigen City. Als Ende der 90er Jahre über eine Neugestaltung nachgedacht wurde, sprachen sich alle Teilnehmer eines von der Stadt ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs für das Freiräumen der Großen Straße aus. " Das hatte nicht nur gestalterische, sondern auch funktionale Gründe", sagt Stadtbaurat Jörg ElIinghaus. Das Ergebnis war eine Rückkehr zur alten Straße oder, wie Ellinghaus es ausdrückt, zum " Zitat der alten Straße". Die Vorstellungen, wie dieser Grundkonsens - Bürgersteig, Straße, Bürgersteig - umgesetzt werden sollte, gingen allerdings weit auseinander. Prof. Raimund Beckmann, der in Osnabrück u.a. die Große Domsfreiheit, den Domhof und den Platz vor dem Theater gestaltet hat, konnte die Jury mit seinem Entwurf nicht überzeugen. Er wollte deutlich machen, dass die Große Straße gegenüber ihrem mittelalterlichen Grundriss breiter geworden ist.

Scharfe Kanten und Biegungen sind im Laufe der Zeit zurückgenommen worden, der Straßenraum hat sich vergrößert. Beckmann schlug vor, diesen alten Straßenraum mit einer Stelenreihe in Erinnerung zu rufen. Als Pflastermaterial kam für ihn nur eine Mischung in Frage, die auch Piesberger Karbonquarzit enthält. Doch der regionale Aspekt wurde mit Blick auf die Kosten schnell verworfen. Warum überhaupt China-Granit? Das Hamburger Büro WES & Partner, das den Architektenwettbewerb gewonnen hat, wollte Sandstein - wegen seiner warmen gelblichen Farbe und des damit verbundenen mediterranen Flairs. Doch der erschien den städtischen Planern nicht fest genug. Etwas Härteres musste her, Granit. Den gab es aus China zum unschlagbaren Preis, allerdings, wie sich bald herausstellte, in miserabler Qualität. Als die Umgestaltung der Großen Straße längst mit dem Etikett " Pleiten, Pech und Pannen" behaftet war, kamen die Verantwortlichen nach hektischer Suche auf die Idee, einen grauen China-Granit mit entsprechendem Festigkeitsnachweis zu importieren.

" Betongrau" nennt Raimund Beckmann dieses Ergebnis und spottet, da hätte man ja gleich Betonstein nehmen können. Sein Architektenkollege Prof. Hinnerk Wehberg vom Hamburger Büro WES & Partner ist auch nicht zufrieden mit der Entwicklung. Nie wieder werde er die Bauleitung anderen überlassen, kündigte er gegenüber unserer Zeitung an. Wehberg ist auch mit anderen Ergebnissen nicht glücklich. Er wollte weitere Bäume in der Fußgängerzone aufstellen, allerdings an markanten Stellen, " überall dort, wo Brüche sind". Doch das scheiterte am Einspruch der Geschäftsleute.

Beim Straßenprofil, wo die klassische Linie schmale Gehwege und einen breiten Mittelteil gefordert hätte, wurden ebenfalls Zugeständnisse gemacht: Mit Rücksicht auf die Stöckelschuhfraktion mussten die fußgängerfreundlich gepflasterten Seitenstreifen breiter werden.

Dennoch bleibt die Absicht erkennbar, der Großen Straße einen zeitlosen Charakter einzuhauchen. Nicht einmal Leuchten stören diesen von Kargheit bestimmten Ansatz. Sie schweben hoch über den Köpfen der Passanten an Stahlseilen und muten an die Ursprünge der Elektrifizierung an. Klassisch? Oder nur eine Modeerscheinung? " Vielleicht", sagt Stadtbaurat Jörg Ellinghaus, " aber das hat einen gewissen Witz und stört nicht die Gestaltung." Wenn man das eines Tages ändern wolle, sei das kein Problem.

Die Große Straße in Waschbeton hat 28 Jahre gehalten. Auf wie viele Jahre ist das neue Erscheinungsbild programmiert? Architekt Wehberg ist überzeugt, dass die zurückhaltende Gestaltung eine gute Voraussetzung ist, um lange Zeiträume zu überstehen. Stadtbaurat Ellinghaus glaubt, dass der " öffentliche Raum" Große Straße im " neuen Design" so klassisch geprägt ist, dass es sich erübrigt, Modeströmungen hinterherzujagen: " Ich hoffe, dass es ziemlich lange hält."

Für den Architekten Raimund Beckmann stellt sich die Frage anders. Wie lange eine Gestaltung hält, sei von der Gesellschaft abhängig. Eine neue Nutzung verändere auch das Gesicht. Zum Beispiel, wenn sich das Einzelhandelsgeschehen wie in vielen Städten der USA in die glitzernden Mails am Stadtrand verlagert. Oder wenn der E-Cornmerce die Oberhand gewinnt. " Dann", sagt Beckmann, " können wir unsere Fußgängerzonen einstampfen."

Die Große Straße um 1873

Als am Neumarkt noch das alte Zuchthaus stand

Das unten abgebildete Foto aus unserem Zeitungsarchiv zeigt die Große Straße in ihrer ursprünglichen Pflasterung wahrscheinlich um 1873, als der Umbruch zur modernen Geschäftsstraße gerade begonnen hatte. Noch überwiegen zweigeschossige Bauten, aber der Trend zu mehr Geschossen lässt sich schon deutlich ablesen. Am Neumarkt stand noch das von Johann Conrad Schlaun 1755 erbaute Zuchthaus (helles Gebäude mit drei übereinander liegenden Fenstern), das 1874 dem Landgericht weichen musste. Nach Auskunft des städtischen Denkmalpflegers Bruno Switala wurde das helle Gebäude mit dem Walmdach an der linken Straßenseite 1873 errichtet. Das Tageblatt-Haus davor bekam zehn Jahre später ein zusätzliches Stockwerk aufgesetzt.

Der lange Weg zur neuen Großen Straße

Von Michael Schwager

Mitte der 90er Jahre fürchtet der Einzelhandel um die Anziehungskraft der Großen Straße. Im Mai 1996 werden erste Ideen präsentiert. Blumenkübel, Vitrinen übergroße Werbefläche, das alles soll raus.

Im August 1996 belebt der Vorschlag die Diskussion, einen Teil der Straße zu überdachen.Im November 1996 wird die Idee diskutiert, die Arkaden zu schließen.

Anfang 1997 - wenige Monate vor dem 25-jährigen Bestehen der Fußgängerzone - wird ein Ideenwettbewern initiiert. Im September 1997 liegt ein erster Entwurf des Hamburger Architekturbüros Wehberg, Eppinger. Schmidtke (WES) vor.

Im | uli 1998 sollen die Anlieger mit ins Boot geholt werden. Die Stadt will eine Hälfte der Modernisierungskosten bezahlen, die andere sollen die Hauseigentümer übernehmen. Ein privater Bauträger, die Deutsche BauBeCon, soll die Bauherrenschaftübernehmen.

Die öffentlich Diskussion um das Material beginnt im September 1998. Die Stadt hat am Jürgensort für 80 000 Mark sechs Musterflächen aus Granit anlegen lassen. In einer Zeitungsumfrage entscheidet sich die Mehrheit im Oktober 1998 für einen gelblichen Granit der Marke Soleil mit behauenen Kanten. Kritiker fragen zu diesem Zeitpunkt, warum man sich auf Granit festgelegt hat und nicht auch Beton- oder Ziegelstein in die Überlegungen eingbezogen hat. Außerdem wird der Vertrag zwischen BauBeCon und Anliegern kontrovers diskutiert.

Die Anlieger beteiligen sich nicht im gewünschten Maße, so dass führende Geschäftsleute im Sommer 1999 versuchen, Zweifler zu überzeugen. Im Oktober 1999 sind 80 Prozent der Anlieger im Boot.

Im September 1999 entsteht auf dem Bauhof eine neue Probefläche. Noch vor dem Weihnachtsgeschäft.

1999 beginnt der Abbau der Vitrinen und Blumenkübel.

Im Frühjahr 2000 entbrennt die Diskussion um den China-Granit. Er werde nicht von Sträflingen produziert, beruhigt die Verwaltung. Die Kaufleute werden nervös, weil sich wegen Lieferverzögerungen nichts tut. Anfang Mai 2000 kommt das Material und die Straßenbauer legen los.

Dann der Schock: Nach 14 Tagen treten Materialmängel auf. Gutachter werden eingeschaltet. Nach wenigen Tagen steht fest: Der Stein taugt nichts. Während die Verantwortlichen eine Lösung suchen, bricht erneut die Materlaldiskussion los. In einer Zeitungsumfrage votiert eine klare Mehrheit für dunklen Betonstein.

Der Rat entscheidet sich im September 2000 für grauen Granit. Um das Weihnachtsgeschäft nicht zusätzlich zu stören, soll erst zum Jahresbeginn 2001 weitergearbeitet werden.

Zwischenzeitlich wird auch nach den Verantwortlichen für das Desaster gesucht. Der damalige Tiefbauamtsleiter gerät im Oktober 2000 in Korruptionsverdacht. Er wird beurlaubt. Die Ermittlungen dauern an.

Im Februar 2001 geht es mit grauem Granit weiter. Im März kommt raus: Das Projekt wird deutlich teurer. Mehrkosten von rund 600 000 Mark werden entstehen. Wer zahlt? Die Kommunalaufsicht wird eingeschaltet.

Im März 2001 liegt ein Steine-Frachter in Bristol fest, dann müssen Steine im August 2001 mit dem Flugzeug herbeigeschafft werden. Am kommenden Donnerstag wird die neue Große Straße eröffnet. Die Nachbesserungsarbeiten laufen.

Offene Stellen, offene Fragen

Till freut sich mit allen Verantwortlichen, dass die Große Straße nun endlich so weit ist, dass sie offiziell eröffnet werden kann. Wenngleich immer noch ein paar Quadratmeter und ein paar Fragen offen sind. Die Fragen verkneift er sich angesichts der Vorfreude auf den Festakt vorerst: Aber wissen würde er zum Beispiel schon ganz gern, wer die Steinsendung per Luftfracht bezahlt hat. Offiziell hüllt man sich in Schweigen. Hinter vorgehaltener Hand wird aber gemunkelt, der Tiefbauunternehmer habe einem großen Kaufhaus in der Nähe des Jürgensorts einen Gefallen tun wollen. Zu MobilEmotion sollte vor den Geschäftstüren alles fertig sein. Schön, wenn sich die Menschen gegenseitig Gefallen tun. Jetzt ist dort auch noch ein blauer Teppich ausgerollt. Er verhüllt eine noch unbedeckte Restfläche an einem Baum. Wohl nur ein Provisorium, denn der Teppichboden unterscheidet sich von seinem Umfeld: nichts hochwertiges, nicht aus dem Fernen Osten, schätzungsweise fünf Mark pro Quadratmeter. Bismontag

Fotountertitel

NÜCHTERN, GRAU, ABER KLASSISCH: Das neue Pflaster in der Großen Straße ist fertig. Wird dieses Outfit länger als 28 Jahre halten? Foto: Gert Westdörp

DIE KLASSISCHE LINIE: Auf diesem Foto ist die Große Straße um 1873 zu sehen (Blick von der Georgstraße Richtung Neumarkt). Bei späteren Umbauten wichen die Häuser weiter zurück.

ENTRÜMPELT: 28 Jahre lang haben Waschbetonkübel, Kugelleuchten und Vitrinen das Bild der Großen Straße bestimmt - und sie damit verwechselbar gemacht (fotografiert im Februar 1999).
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert, Michael Schwager, Till


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