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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Nach Abbruch" an den Staat veräußert
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Schon im Mai 1938 regte Oberbürgermeister Erich Gaertner den Abriss der Synagoge an
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" Nach Abbruch" an den Staat veräußert

Schon im Mai 1938 regte Oberbürgermeister Erich Gaertner den Abriss der Synagoge an

Von Rainer Lahmann-Lammert

Schon ein halbes Jahr vor der Reichspogromnacht begann in Osnabrück ein Schacher um das Synagogengrundstück. Auf dem Areal sollte ein Anbau für die Bezirksregierung entstehen. Doch zuerst vereitelte der Krieg das Projekt, dann meldete die Jüdische Gemeinde ihre Ansprüche an. Sie wollte auf dem Grundstück ein Wohngebäude errichten. Aber die Bezirksregierung arbeitete dagegen. 1956 kam sie schließlich zu ihrem Anbau - und der steht heute noch.

Der Uni-Historiker Michael Gander hat die Machenschaften um das Grundstück an der Alten Synagogenstraße mit Dokumenten aus dem Staatsarchiv erhellt. Eine zentrale Rolle bei der Enteignung der Jüdischen Gemeinde nahm demnach Oberbürgermeister Dr. Erich Gaertner ein.

Es begann damit, dass die Gestapo, die ihr Hauptquartier im Schloss hatte, einen Fahrzeugschuppenim Schlossgarten bauen wollte - nach heutigen Verständnis zwischen Uni-Keller und Stadthalle. Um dieses sicherlich nicht denkmalwürdige Bauvorhaben zu vereiteln, schlug Gaertner im Mai 1938 eine Alternative vor: Die Gestapo könne in einem Anbau an die Bezirksregierung untergebracht werden. Deshalb solle die Stadt das Synagogengrundstück " von der nicht mehr leistungsfähigen jüdischen Gemeinde" erwerben und es " nach Abbruch" des Gebäudes an den preußischen Staat weiterveräußem. Monate, bevor in Deutschland die ersten Synagogen brannten, hatte Gaertner also angeregt, das völlig intakte jüdische Gotteshaus in Osnabrück niederzureißen.

Nazi-Mob die Synagoge in Brand. Schon am Tag darauf verfügte der Oberbürgermeister den Abriss. Anschließend war Gaertner auch in seiner Funktion als Vorsitzender der Stadtsparkasse maßgeblich an einem Tauschgeschäft beteiligt, mit dem das Grundstück nach einer Zwangsversteigerung an das Land Preußen übereignet wurde. Die Gestapo hatte zwischenzeitlich ein anderes Quartier im ehemaligen Hotel Schaumburg bezogen, aber die Anbaupläne der Bezirksregierung verselbstständigten sich. Sie überdauerten sogar den Krieg.

Im Herbst 1945 wurde das Grundstück zwar an die von Rückkehrern wiederbelebte Jüdische Gemeinde übertragen, aber die Bezirksregierung hatte immer noch einen Trumpf in der Hand. Sie arbeitete, wie Michael Gander herausgefunden hat, gegen ein Wohnungsbauprojekt, das der damalige Gemeindevorsteher Philipp Münz initiiert hatte. Mit Unterstützung des Landes sollten 23 Wohnungen für Flüchtlinge, Ausgebombte und Verfolgte entstehen.

Mit dem Bau wurde zwar begonnen, doch die Arbeiten kamen bald zum Stillstand, weil die jüdische Treuhandgesellschaft für Rückerstattungsansprüche der Jüdischen Gemeinde Osnabrück die Legitimation absprach. Der Streit dauerte Jahre, und die Bezirksregierung brauchte nur abzuwarten, bis ihr das Grundstück wie eine reife Frucht in den Schoß fiel.

Ein Aktenvermerk vom 14. Mai 1954 offenbart, dass sich der Regierungspräsident " zufrieden über die Abwicklung" geäußert habe. Am Vortag, beim ersten Spatenstich für den Erweiterungsbau, hatte er sich mit solchen Äußerungen noch zurückgehalten. Zwei Jahre später war der Anbau fertig - kleiner als in den ersten Plänen von 1938, aber in einer makabren Kontinuität.

1988 wurde bekannt, dass die Bezirksregierung eine Gedenkstätte plane, um an die Zerstörung der Synagoge zu erinnern. Vom Rat der Stadt Osnabrück wurde diese Absicht im Februar 1989 einstimmig begrüßt. Seitdem ist die Idee von einer Gedenkstätte an der Alten Synagogenstraße in den Schubladen der Verwaltung verschwunden.

NICHT GERADE DENKMALWÜRDIG waren die Pläne der Gestapo, im Schlossgarten einen Wagenschuppen zu errichten. Oberbürgermeister Gaertner schlug statt dessen einen Anbau an die Bezirksregierung vor - auf Kosten der Synagoge. Die Zeichnung links ist Bestandteil der gestern eröffneten Ausstellung in der Gedenkstätte Gestapokeller. Foto: Uwe Lewandowski

NACH DEM BRAND: Schaulustige stehen vor der zerstörten Synagoge. Das Foto wurde am 10. November 1938 aufgenommen - dem Tag, als Oberbürgermeister Gaertner den Abriss verfügte.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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