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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Süsterstraße: Gift gefährdet Grundwasser
Zwischenüberschrift:
Altlast auf Betriebsgelände — Stadt sucht Verursacher
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Extrem hohe Konzentrationen an Chlorkohlenwasserstoffen gefährden das Grundwasser auf dem ehemaligen Tolo-Gelände an der Süsterstraße 14. Ein Gutachten der Firma Prüftechnik belegt, daß hochgiftige und krebsverdächtige Verbindungen wie Chloroform, PER und Trichlorethen in den Boden gesickert sind. Wegen der schwerwiegenden Verseuchung sprechen sich die beteiligten Fachleute und Behörden für eine schnelle Sanierung der Altlast aus aber die Stadt versucht seit einem Dreivierteljahr vergeblich, den Verantwortlichen zu finden.

Das Tor ist verschlossen, die Fenster sind eingeschlagen. Anwohner klagen über den " Schandfleck" an der Süsterstraße und fragen, ob sich denn kein Investor für das innenstadtnahe Gelände neben der Johannisschule findet. Seit die Tolo Chemie ihre Produktionsstätte und das Lager 1987 an den Fürstenauer Weg verlegte, verfallen die Gebäude in der Neustadt zusehends.

Vor einem Jahr schien es, als würde anstelle des " Schandflecks" ein schmuckes Wohn-und Geschäftshaus mit Arztpraxen und Anwaltskanzleien entstehen. Eine Immobilienfirma präsentierte einen Kaufinteressenten, die Stadt entschied eine Bauvoranfrage positiv. Einen Haken hatte die Angelegenheit: Das Gelände sollte frei von Altlasten sein.

Als die Prüfungstechniker ihren Befund vorlegten, platzte eine Bombe. 70 Mikrogramm Chlorkohlenwasserstoffe (CKW) auf einen Liter Wasser sind für Chemiker das Alarmzeichen dafür, daß eine Sanierung notwendig ist. An der Süsterstraße registrierten die Gaschromatographen aber Werte bis zu 3470 Mikrogramm.

Festgestellt wurden " extrem hohen Mengen an Trichlormethan, Trichlorethen und Tetrachlorethen", wie das Gutachten ausweist. Alle drei Verbindungen wurden jahrzehntelang als Lösemittel verwendet, etwa zum Entfetten von Metallen. Heute gelten teilweise Anwendungsverbote. Trichlormethan ist auch als Chloroform bekannt: Die süßlich riechende Flüssigkeit kann Leber-, Herz- und Nierenschäden verursachen, sie wirkt betäubend und führt bei Überdosierung zum Herzstillstand. Laut Umweltbundesamt wird eine krebserzeugende Wirkung angenommen, außerdem gehört Chloroform zu den " gewässerschädigenden Substanzen, die bereits in geringen Mengen Fische und niedere Organismen schädigen".

Nicht minder gefährlich ist das nachgewiesene Tetrachlorethen, aus der chemischen Reinigung auch als PER bekannt. Wegen seiner hohen Fettlöslichkeit lagert sich das Reinigungsmittel bei Menschen und Tieren im Fettgewebe an. Nervöse Störungen, Leber- und Nierenschäden können die Folge sein.

Laut Gutachten bleiben die CKWs aufgrund ihres spezifischen Gewichts nicht an der Oberfläche des Grundwassers, sondern sinken ab, bis sie auf eine Sperrschicht im Boden treffen. Die Chemiker von Prüftechnik vermuten deshalb, " daß in größerer Tiefe eine oder mehrere CKW-Lachen vorliegen, die mit dem Grundwasserleiter in Verbindung stehen und somit Fahnen ausbilden."

Nähere Aufschlüsse könnten aber erst weitere Bohrungen geben - bisher stießen die Rammkernsonden nur bis zu einer Tiefe von fünf oder sechs Metern vor. Dafür wurde aber bisher kein Auftrag erteilt. Der Investor ließ das Projekt fallen wie eine heiße Kartoffel, inzwischen mußte er sogar Konkurs anmelden. Und der Makler, der sicher ist, daß er das Gelände jeden Tag verkaufen könnte", wenn nicht die Altlast wäre, verweist auf die Stadt.

Chemikalien versickert

Das Ordnungsamt, laut Amtsleiter Rolf Elbracht seit Ende Mai informiert, strebte zunächst eine Lösung auf freiwilliger Basis an. Aber zum einen ist die Rechtslage alles andere als überschaubar, zum anderen will niemand die Verantwortung für die Altlast übernehmen. Das Grundstück ist Eigentum der Erbengemeinschaft Möllering. Vielen Osnabrückern ist der Name noch aus der Mineralölbranche bekannt.

Möllering handelte bis in die sechziger Jahre nicht nur mit Heizöl und Treibstoff, sondern auch mit Desinfektionsmitteln; außerdem reinigte sein Unternehmen vor Jahrzehnten ölgetränkte Putzwolle und Tücher im Auftrag der damaligen Deutschen Reichsbahn. In den sechziger Jahren ging aus dem Betrieb die Tolo Chemie hervor, die sich vor allem mit Reinigungschemikalien einen Namen machte. Erschwerend für die Ermittlungen des Ordnungsamtes ist, daß die schädlichen Chemikalien schon vor Jahrzehnten in den Boden gesickert sein könnten.

Die Tolo GmbH erhielt von der Stadt die Aufforderung, unverzüglich weitere Untersuchungen zu veranlassen und ein Sanierungskonzept zu erstellen. Aber die Firma fühlt sich nicht verantwortlich für alles, was vor 1984 geschehen ist, wie Geschäftsführer Frank Fiebig gegenüber unserer Zeitung erklärte. Und seitdem sei an der Süsterstraße " mit absoluter Sicherheit nicht mehr mit chlorierten Kohlenwasserstoffen gearbeitet worden." Auch das Verwaltungsgericht hat inzwischen entschieden, daß der Tolo GmbH die Verantwortung für die Bodenverseuchung nicht nachgewiesen werden könne.

Die Suche nach den Verantwortlichen geht also weiter. Ihre nächste Verfügung will die Stadt an eine Kommanditgesellschaft richten, die ebenfalls zum Firmenverbund gehört. Falls auch diese Bemühungen scheitern, sieht sich Ordnungsamtsleiter Elbracht zum Mittel der Ersatzvornahme gezwungen: Weil Gefahr im Verzug ist, erteilt die Stadt den Auftrag zur Sanierung der Altlast und gibt die Rechnung weiter an den Verursacher. Sofern sich ein Verursacher findet.Rainer Lahmann-Lammert

MIT CHEMIKALIEN VERSEUCHT: Das ehemalige Betriebsgelände der Tolo Chemie an der Süsterstraße 14. Foto: Michael Hehmann
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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