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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ist Stauffenberg heute noch tragbar?
 
Kein Vorbild, kein Demokrat
Zwischenüberschrift:
Das Graf-Stauffenberg-Gymnasium Osnabrück und sein schwieriger Namenspatron
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück GSG diese Abkürzung steht in anderen Städten meist für Geschwister-Scholl-Gymnasium″. In Osnabrück ist das Gymnasium mit den drei Buchstaben nicht den Widerstandskämpfern der Weißen Rose, sondern dem Hitler-Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg gewidmet. Der Namenspatron wollte zwar die nationalsozialistische Diktatur beenden, dennoch sehen ihn heutige Historiker kritisch. Stauffenberg war kein Demokrat, er wünschte sich einen autoritären Staat, und er sah Osteuropäer als Untermenschen an. Thomas Grove, Geschichtslehrer und seit einem Jahr Leiter des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums, setzte sich in einem Vortrag vor dem Historischen Verein kritisch mit dem Namenspatron seiner Schule auseinander. Muss das GSG in Osnabrück jetzt umbenannt werden?

Osnabrück Das Osnabrücker Graf-Stauffenberg-Gymnasium (GSG) hat einen schwierigen Namenspatron. Graf Stauffenberg wollte Hitlers Tyrannei beenden, aber keine Demokratie errichten. Die Deutschen sah er als Herrenrasse, die Osteuropäer als Untermenschen. Als Vorbild sei er ungeeignet, meint Schulleiter Thomas Grove aber als didaktische Herausforderung ein Glücksfall. Nein, Thomas Grove will das Graf-Stauffenberg-Gymnasium nicht umbenennen. Er war selbst Schüler des GSG, studierte Lehramt mit Schwerpunkt Geschichte und wurde vor einem Jahr zum neuen Direktor seiner alten Penne berufen. Somit hat er hautnah erlebt, wie sich der Klang des Namens Stauffenberg im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Die Jahreshauptversammlung des Historischen Vereins Osnabrück (HVO) bot ihm nun Gelegenheit, die Dinge in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu rücken.

Dazu kam es, weil die turnusmäßige Versammlung wegen des Corona-Abstands in einem großen Saal stattfinden musste. Grove bot dem HVO (vollständige Bezeichnung: Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück) dafür die Aula des Gymnasiums an. Als Hausherr ließ er sich von der Vorsitzenden Birgit Kehne nicht lange bitten, die Bedeutung des Namensgebers seiner Schule kritisch zu beleuchten.

Das Graf-Stauffenberg-Gymnasium wurde als 4. Osnabrücker Jungengymnasium gegründet und erhielt seinen heutigen Namen im Mai 1967. Grove hat herausgefunden, dass in Deutschland nur zwei Schulen nach dem Hitler-Attentäter benannt sind und dass die Abkürzung GSG in anderen Städten meist für Geschwister-Scholl-Gymnasium steht. Dass dem Mann mit der Bombe in Osnabrück eine Schule gewidmet wurde, zeuge von einer positiven Sicht der damals Verantwortlichen auf seinen Freiheitswillen und seinen Widerstand, erklärte der GSG-Direktor.

Die Explosion

Eine Haltung, für die es in der Bevölkerung zum damaligen Zeitpunkt aber nur bedingt Rückhalt gegeben habe. Was 1967 aus der Sicht Groves fehlte, war der Blick auf das Menschenbild von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Für ihn waren nicht alle Menschen gleich″, führte der Schulleiter aus. Stauffenberg sei kein Demokrat gewesen, stattdessen habe er sich einen autoritären Staat gewünscht. Kann so einer im 21. Jahrhundert Vorbild sein? Vor diese Frage werden Fünftklässler gestellt, wenn sie am GSG ihre ersten Wochen absolvieren. Eine Praxis, die sich schon Jahre vor seinem Dienstantritt ergeben hat, wie Grove berichtete.

Die Schüler bekommen ein Foto zu sehen, das den von der Bombenexplosion zerstörten Besprechungsraum im Führerhauptquartier Wolfsschanze″ zeigt. Und wenn sie sich dazu geäußert haben, werden sie vor das Direx-Zimmer geführt, wo ein künstlerisch verfremdetes Porträt des Mannes zu sehen ist, der diese Explosion herbeigeführt hat. Diese Erfahrung erziehe zu kritischem Denken, hielt Grove fest.

Stauffenberg sei kein Held, kein Idol und kein Vorbild, aber er werde für seinen Mut und seine Freiheitsliebe geschätzt, auch wenn sein Menschenbild und seine Vorstellungen vom Staat abzulehnen seien. Der Schulleiter kann dem Hitler-Widersacher aber etwas abgewinnen, das andere Protagonisten nicht vermitteln. Auf dem von ihm zitierten Arbeitsblatt ist das so formuliert: Wir schätzen das didaktische Potenzial, welches die Auseinandersetzung mit unserem Namensgeber bietet.″ Auf diesen Spannungsbogen könnten die Kollegen an einer Anne-Frank-Schule oder einem Geschwister-Scholl-Gymnasium nicht zurückgreifen, vermerkte Grove.

Was ist mit Calmeyer?

Der 1970 geborene Historiker machte aber auch deutlich, dass er heute nicht mehr für Stauffenberg plädieren würde, wenn eine Schule neu zu benennen wäre. Das sei für ihn jedoch kein Anlass, das GSG umzubenennen. Selbst wenn sich der Blick auf den Verschwörer des 20. Juli 1944 in den nächsten 20 oder 30 Jahren weiter verändern sollte, werde der Name mit einiger Wahrscheinlichkeit unangetastet bleiben, bekundete Grove. Da lag es in der Luft, auch auf den aktuellen Namensstreit für die Villa Schlikker einzugehen. Aus dem ehemals Braunen Haus″ soll ein Ort der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus werden. Ein solches Haus sei unfassbar geboten″, unterstrich der GSG-Chef.

Aber darf diese Einrichtung nach Hans Calmeyer benannt werden, dem Mann, der in den Niederlanden Tausende Juden vor dem Holocaust gerettet hat, andere aber der Vernichtungsmaschine der Nazis preisgab? Die Urteilsbildung zu Calmeyer finde er schwieriger als bei Stauffenberg, gestand Grove. Er könne nur aus seiner persönlichen Sicht etwas dazu sagen: Ich bin gegen den Namen Hans-Calmeyer-Haus.″

Bildtexte:
Wie das Graf-Stauffenberg-Gymnasium mit seinem Namensgeber umgeht, erklärte Schulleiter Thomas Grove vor dem Historischen Verein.
Ein schwieriger Namenspatron: Claus Graf Schenk von Stauffenberg.
Fotos:
André Havergo, dpa
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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