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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Gemüse und Blumen am Westerberg
Zwischenüberschrift:
Die Gärtnerei Ellebrecht produzierte bis 1972 an der Osnabrücker Wilhelmstraße
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Großflächige Gewerbebetriebe haben es meistens schwer, in Städten zu überleben. Das gilt auch für Stadtrandlagen, wenn die Wohnbebauung sich immer weiter ins Grüne hineinfrisst. Von dieser Entwicklung betroffen war auch die Osnabrücker Gärtnerei Ellebrecht, die sich am attraktiven westlichen Stadtrand zunehmend von Einfamilienhäusern umzingelt sah.

Josef Ellebrecht senior (1906–1990) und sein gleichnamiger Sohn (Jahrgang 1943) gaben den Betrieb an der Wilhelmstraße 135 im Jahr 1972 auf und siedelten nach Wallenhorst-Hollage um. Ein Grund war, dass die angepachteten Flächen in Osnabrück weit auseinanderlagen und rationelle Betriebsabläufe erschwerten. Dazu kam besagter Siedlungsdruck″: Der westliche Stadtrand mit seiner Nähe zu den Naherholungsgebieten Heger Holz und Rubbenbruch entwickelte sich immer mehr zu einem begehrten Wohngebiet.

Vonseiten der Stadt waren Signale gekommen, die obere Wilhelmstraße als Bauland für Ärzte frei zu machen. Denn am westlichen Ende sollte das neue Großkrankenhaus entstehen. Während man 1965 noch den Middelberg′schen Steinbruch als Standort des auszulagernden Klinikums favorisierte, waren 1969 die Würfel für den Finkenhügel gefallen. Im Steinbruch konnte man dadurch den Botanischen Garten der Universität anlegen, während die Wilhelmstraße an ihrem höchsten Punkt zur Sackgasse wurde, weil man den Gebäuderiegel des neuen Krankenhauses quer davor legte.

1924: Der Anfang

Von alldem war 1923 noch keine Rede, als Josef Ellebrecht seine Gärtnerlehre bei Conrad Niemann an der Lotter Straße erfolgreich beendet hatte und eine selbstständige berufliche Existenz anstrebte. Die kleine Hofstelle an der Wilhelmstraße, die Josef mit seiner verwitweten Mutter und den Geschwistern seit 1920 bewohnte, schien geeignet, da umliegende Flächen sich günstig pachten ließen. Josef und sein Bruder Friedrich gründeten dort um 1924 das genaue Datum ist nicht bekannt eine Gärtnerei, bauten Gewächshäuser und kultivierten Blumen und Tomaten.

Die Zusammenarbeit der Brüder hielt nicht lange. Friedrich stieg aus und machte eine eigene Gärtnerei mit angeschlossenem Blumenladen in der Ameldungstraße am Schölerberg auf. Josef betrieb die Pflanzenzucht an der Wilhelmstraße nun allein weiter, und das nicht ohne Erfolg.

In den Familienakten befindet sich ein Schreiben des Rechtsanwalts Hans Georg Calmeyer, der den Osnabrückern aus anderen Zusammenhängen inzwischen bestens bekannt ist. Calmeyer vertrat 1933 einen nach Australien ausgewanderten Bruder und forderte in dessen Namen eine Erbauseinandersetzung. Die ging offensichtlich ohne eine entscheidende Schwächung des Betriebs an der Wilhelmstraße über die Bühne. Jedenfalls kann Josef Ellebrecht einen Gärtnermeister einstellen, der die täglichen Arbeiten beaufsichtigt.

Der Firmenchef engagiert sich auch überbetrieblich. Mit vier weiteren Gärtnern gründet er um 1933 eine Absatzgenossenschaft. Nach dem Krieg entsteht daraus der Erzeuger-Großmarkt für Blumen, Obst und Gemüse in Nahne, in dem Josef Ellebrecht junior 16 Jahre lang dem Vorstand vorsitzt.

Die unmittelbar an der Wilhelmstraße gelegenen Flächen reichen für den wachsenden Geschäftsumfang nicht aus. Weitere Flächen für den Anbau von Gemüse werden hinzugepachtet, so elf Hektar in der Masch in Eversburg (heute alles bebaut) und unterhalb des Flugplatzes in Atter. Jeden Morgen fährt der Unimog mit Anhänger die darauf hockenden Erntehelfer zu den Außenflächen. Erdbeeren werden gezogen und an Gemüse hauptsächlich Blumenkohl, Kohlrabi, Wirsing und Salat. Etwa die Hälfte des Umsatzes entfällt auf Schnitt- und Topfblumen, die in den Gewächshäusern gedeihen. Viele Blumengeschäfte holen ihren Bedarf selbst an der Wilhelmstraße ab, der Rest wird über die tägliche Belieferung des Großmarkts abgesetzt.

Auf den Feldern zwischen Wilhelm- und Pfitznerstraßen wachsen Tomaten. Hier müssen die Jungpflanzen hochgebunden und die wilden Triebe abgeschnitten werden. Das sogenannte Ausgeizen″ ist eine Arbeit, mit der sich Schülerinnen aus der Nachbarschaft gerne etwas Taschengeld verdienen. Mädchenhände sind geschickter als Jungenhände″, pflegte Vater Ellebrecht zu begründen, weshalb er weiblichen Jugendlichen den Vorzug gab.

Eine von ihnen war Mariele Rofalsky aus der Brucknerstraße. Sie war 1959 13 Jahre alt, als sie häufig rüberging zur Wilhelmstraße und sich Arbeit zuweisen ließ. Es gab einen Pfennig pro ausgegeizter Pflanze, wobei eine Pflanze meistens mehrere Geiztriebe hatte. Der alte Ellebrecht hat immer großzügig aufgerundet″, erinnert sich der damalige Teenager heute, sodass man in drei Stunden ungefähr auf fünf D-Mark kam. Das war viel Geld für uns.″

Nach getaner Arbeit reihten sich die Helferinnen in der Diele an der Wilhelmstraße auf und nahmen dort ihre Lohntüten in Empfang. Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt: Vater Ellebrecht beantwortete dann geduldig alle Fragen des Mädchens, die etwa die Standorte der Pflanzen betrafen oder das richtige Düngen. Mariele studierte später Biologie. Vater Ellebrecht hat seinen Anteil daran, er hat mein Interesse für Pflanzenkunde zumindest verstärkt.″

Es gab auch ein spannendes Erlebnis, wie man das sonst eigentlich nur aus Detektivbüchern für Kinder kennt: Mariele und Freundinnen beobachteten einen Diebstahl. Auf dem Rosenfeld hinter der Krausen Eiche″, einer Landmarke westlich der heutigen Humperdinckstraße, machten sich Männer daran, Rosen abzuschneiden. Die Männer standen offensichtlich nicht auf Ellebrechts Lohnlisten. Die Mädchen liefen zum nächsten Haus, wo es ein Telefon gab, und alarmierten die Polizei. Die kam und nahm die Rosendiebe hoch. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: Aufmerksame Kinder haben einen Rosendiebstahl größeren Ausmaßes verhindert.″

Als zu Beginn der 1970er-Jahre die Krankenhaus-Planungen konkret wurden, ergriffen die Ellebrechts die Chance, große zusammenhängende Flächen am Hang des Hollager Berges zu erwerben, und siedelten den Betrieb nach Hollage um. Blumen belegten hier schon etwas mehr als die Hälfte der Anbaufläche, aber Gemüse spielte immer noch eine große Rolle.

Das wirkte sich schmerzlich aus, als 1986 die Atomkatastrophe von Tschernobyl radioaktive Wolken um die Welt schickte. Obwohl Ellebrechts Gemüse nachweislich keine radioaktiven Belastungen aufwies, wollte niemand mehr Freilandgemüse haben. Den Inhalt von 2000 Kisten unverkäuflicher Ware mussten Ellebrechts Gärtner am Piesberg abkippen.

2010: Der Schlussstrich

Josef Ellebrecht junior reiste in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung der niedersächsischen Gemüsebauern nach Bonn, um von Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle eine Entschädigung für seinen Berufsstand zu erlangen, was in bescheidenem Umfang auch gelang. Für den eigenen Betrieb aber zog er die Konsequenz, nur noch Zierpflanzen anzubauen.

In den Folgejahren wuchs der Betrieb zu einer der ersten Adressen für Beet- und Balkonpflanzen im Osnabrücker Land heran, die Produktionsflächen wurden nochmals erheblich gesteigert. Mit der Fachhochschule Osnabrück bestand eine Partnerschaft. Gartenbaustudenten konnten bei den Ellebrechts die Abläufe in einem Produktionsbetrieb mit Endverkauf erleben und Arbeiten darüber schreiben. Generationen von Auszubildenden haben hier ihr Handwerk gelernt, die jetzt deutschlandweit als Gartenbau-Ingenieure in der Forschung oder in Produktionsbetrieben ihre Frau und ihren Mann stehen. Zu manchen Ehemaligen besteht immer noch reger Kontakt.

2010 zogen Josef und Ursula Ellebrecht aus Altersgründen einen Schlussstrich und verkauften ihren Betrieb. Dort ist heute Gärtner Wolfgang Haucap in ähnlicher Weise tätig.

Bildtexte:
Das landwirtschaftliche Gebäude in der Bildmitte ist die Gärtnerei Ellebrecht in den frühen 1960er-Jahren. Die Hochhäuser am Lotter Kirchweg sind bereits erbaut, rechts davon erkennt man den spitzen Bonnus-Kirchturm.
Josef und Ursula Ellebrecht im Jahr 2010.
Josef Ellebrecht senior (1906 1990).
Der heutige Blick aus einem Wohnhaus an der Pfitznerstraße auf das ehemalige Gärtnerei-Areal auf dem Westerberg zeigt Gartengrün zwischen lockerer Bebauung.
Gewächshäuser und Freilandkulturen der Gärtnerei Ellebrecht an der Osnabrücker Wilhelmstraße, die diagonal durchs Bild läuft.
Blick aus entgegengesetzter Richtung vom Hochhaus Lotter Kirchweg auf die Gärtnerei Ellebrecht.
Aus dieser Perspektive ist rechts diagonal verlaufend die noch nicht asphaltierte Mozartstraße zu sehen.
Fotos:
Archiv/ Jens-Peter Dierks, Archiv Joachim Dierks, Archiv Ellebrecht
Autor:
Joachim Dierks


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