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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Vater mit 2700 Kindern
Zwischenüberschrift:
Straßenkunde: Heinrich Gerdom gründete die Heilpädagogische Hilfe
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Zwei Kommunen eine Idee: Heinrich Gerdom, auch Vater der Behinderten″ genannt, war es sowohl der Stadt Osnabrück wie auch der Gemeinde Bissendorf wert, die dankbare Erinnerung an ihn durch eine Straßenbenennung wachzuhalten. Die Bissendorfer Heinrich-Gerdom-Straße ist nahe bei den Osnabrücker Werkstätten im Ortsteil Schledehausen, während der Osnabrücker Heinrich-Gerdom-Weg in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Sutthauser Werkstätten liegt der Keimzelle aller Einrichtungen zur beruflichen Teilhabe von Behinderten, die auf Gerdom zurückgehen.

Der Heinrich-Gerdom-Weg ist wirklich nur ein Weg. Er trennt das Areal der Werkstätten vom benachbarten Autohaus an der Industriestraße und verläuft sich nach wenigen Hundert Metern im Wulfter Holz. Häuser sucht man hier vergebens. Maßgabe für die Stadtväter bei der Namensgebung 1979, zwei Jahre nach Gerdoms Tod, war wohl der Wunsch, seine″ Straße nicht irgendwo in Sutthausen zu platzieren, sondern direkt neben der Einrichtung, an der sein Herzblut hing, die 1964 als bahnbrechende Pioniertat eingeweiht und später hundertfach kopiert wurde. Denkbar wäre freilich auch gewesen, die heutige Industriestraße, die das Gewerbegebiet ringförmig durchzieht, nach ihm zu benennen. Wir waren schließlich als Erste da, alle anderen Gewerbebetriebe kamen später″, erinnert sich der langjährige Geschäftsführer der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO), Wilfried Windmöller. Aber bekanntlich kam es anders.
Gerdom kommt 1898 als Sohn eines Landwirts in Lintorf bei Bad Essen zur Welt. Er wird Volksschullehrer, unterrichtet im Sauerland und in Gelsenkirchen zumeist an sogenannten Hilfsschulen″. Er durchläuft mehrere Fortbildungskurse und besteht 1939 die Zusatzprüfung zum Hilfsschullehrer. Sein Einsatz für die Schwachen läuft dem Strom der Zeit natürlich entgegen. Durch mehrere Versetzungsgesuche gelingt es ihm, nicht in Aufgaben eingebunden zu werden, die seinem Ethos zuwiderlaufen.
Entscheidend geprägt wird Gerdom durch sein Miterleben des sogenannten Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten. Mehr als 70 000 Behinderte und psychisch Kranke werden 1940/ 41 als unwertes Leben″ ermordet. Gerdom sieht es nach dem Zusammenbruch umso mehr als seine Lebensaufgabe an, Behinderten einen menschenwürdigen Platz in der Gesellschaft zugeben. Er wechselt an die Osnabrücker Pestalozzi-Schule, deren Leiter er 1959 wird und bis zu seiner Pensionierung 1964 bleibt.
In seinem Tätigkeitsbereich muss er immer wiederer leben, dass auch lernfähige Schulabgänger keine Arbeit im ersten Arbeitsmarkt″ wie man ihn später nannte finden. Er gilt als einer der Initiatoren des zweiten Arbeitsmarkts″. Den organisatorischen Rahmen dafür schafft er mit dem Verein für Heilpädagogische Hilfe, den er 1960 zusammen mit Irmgard Kestner gründet. Als sehr geschickter Schachzug für die breite Akzeptanz erweist sich bald, dass Gerdom beide großen Konfessionen in den Vorstand holt. Kestner kümmert sich mehr um die Schaffung von Einrichtungen für Behinderte im Kindesalter, während Gerdoms Schwerpunkt die berufliche Integration ist. Los geht es 1962 mit einer Anlernwerkstatt für geistig Schwache″( so schreibt das Osnabrücker Tageblatt) in der Heger-Tor-Schule (heute Stüvehaus). Als der Bauplatz im damals noch zu Holzhausen gehörenden Sutthausen gefunden ist, nimmt Gerdom eine Hypothek auf sein Wohnhaus an der Werderstraße auf, um mit privatem Geld den Bau zu fördern. 1964 ist der erste Bauabschnitt der Beschützenden Werkstatt so weit, dass 90 Behinderte in sinnvolle wirtschaftliche Tätigkeiten etwa den Zusammenbau von Scheibenwischern für Karmann eingebunden werden können. Danach wirken viele Kräfte mit, um die HHO zur heutigen Größe zu führen: 2700 Behinderte werden in mehr als 60 Einrichtungen in Osnabrück und im südlichen Landkreis von 1400 Mitarbeitern und 500 Ehrenamtlichen betreut. Gerdom als Initialzünder wäre stolz darauf, wenn er heute sehen könnte, wie sich seine Kinder″ entwickelt haben.
Heinrich Gerdom stirbt am 10. September 1977 an den Folgen eines Verkehrsunfalls in Osnabrück.

Bildtexte:
Er vollbrachte eine bahnbrechende Pioniertat: An Heinrich Gerdom, den Gründer der Beschützenden Werkstätten″, erinnert in Sutthausen ein Weg.
Heinrich Gerdom
Fotos:
Joachim Dierks, Archiv
Autor:
Joachim Dierks


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