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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Einzigartiges Biotop am Hörner Bruch
Zwischenüberschrift:
Was eine Obstwiese im Osnabrücker Stadtteil Sutthausen mit Südtirol zu tun hat
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Zwischen dem Hörner Bruch und den Sportplätzen am Ernst-Stahmer-Weg im Osnabrücker Stadtteil Sutthausen liegt eine zehn Hektar große Streuobstwiese, die nicht nur schön aussieht, sondern als Genbank für alte Apfelsorten auch einen unschätzbaren Wert darstellt. Veredelt, gepflegt und in den auch heute noch zu bewundernden guten Zustand versetzt hat sie ein Fachmann aus Südtirol: Mathias Torggler.

Und das kam so: Die Fläche in Sutthausen gehörte zum Rittergut Osthoff in Malbergen. Gutsbesitzer Robert Jaffé (1894–1968) besaß ein Ferienhaus in Meran. Dort kam er um 1946 in Kontakt mit dem Mann, der den typisch südtirolerischen Namen Torggler trug: Obstbaumgärtner Mathias Torggler.

Obstbaumexperte kommt

Torggler geht auf Torggl″, die Weinpresse, zurück und lässt Genießer an das Törgellen″ denken also an das Einkehren in Südtiroler Besenwirtschaften zur Verkostung von jungem Wein, gebratenen Kastanien und anderen Köstlichkeiten. Aber nicht nur der Wein, auch der Obstanbau hat in Südtirol eine lange Tradition und entsprechendes Expertenwissen hervorgebracht. In Mathias Torggler erkannte der Osnabrücker Jaffé einen Mann, der in der Lage sein würde, seinen über die Jahre vernachlässigten Obstbaumbestand wieder auf Vordermann zu bringen.

Torggler wiederum hatte als Angehöriger des deutschsprachigen Bevölkerungsteils unter Repressalien zu leiden. Nach dem Zweiten Weltkrieg forcierte die italienische Regierung die Italianisierung″ des mehrheitlich deutschsprachigen Landesteils. Erste Autonomieregelungen standen vorerst nur auf dem Papier. Torggler sah für sich und seine Familie eine bessere Zukunft, wenn er Jaffés Angebot einer Stelle als landwirtschaftlicher Verwalter annehmen würde. Er siedelte 1947 nach Sutthausen um. Jaffé wies ihm als Wohn- und Arbeitsstätte das Forsthaus am Südrand des Hörner Bruchs zu, das samt Ländereien als sogenanntes Vorwerk zum Rittergut Osthoff gehörte.

Hier gab es seit 1926 einen Obstbaumbestand. Den hatte Robert Jaffé unter Zuhilfenahme geförderter Arbeitsbeschaffung für Erwerbslose anlegen lassen.

Der Sohn des jüdischen Kunstmäzenen und Hausherrn von Gut Sandfort in Voxtrup, Siegfried Jaffé, hatte 1921 Ortrud Stahmer geheiratet und war dadurch Hausherr auf Osthoff geworden. Ortrud Stahmer-Jaffé wiederum war eine begeisterte Pferdezüchterin. Ein Großteil ihrer Pferde stand, ebenso wie Milchvieh, im Sommer auf den Wiesen am Hörner Bruch. Die Obstbäume bekamen dadurch weniger Aufmerksamkeit. Insbesondere, als noch zusätzlich eine umfangreiche Hühnerfarm angelegt wurde. Auf den großen Wiesen hatten 4000 frei laufende Hühner viel Platz und konnten in 30 Ställen täglich mehr als 100 Küken ausbrüten. In der Sutthauser Ortschronik kann man nachlesen, dass im angrenzenden Wald immer noch viele Fuchsbauten auszumachen sind. Für die Füchse war die Hühnerfarm wie ein reich gedeckter Tisch. Die Zäune wurden ständig nachgebessert, trotzdem schafften die schlauen Tiere es immer wieder, sie zu untergraben.

Auf dem Hof florierte in den 1920er- und 1930er-Jahren eine Gartenwirtschaft, in der die landwirtschaftlichen Produkte abgesetzt wurden. Bei vielen Osnabrückern war diese Gaststätte besonders an den Wochenenden ein geschätztes Ausflugziel. Aus hausgemachter Produktion wurden gebratene Hähnchen, allerlei Eierspeisen, frische Vollmilch, Dickmilch mit Schwarzbrot und Zimtzucker, Schinken, Bauernbrot und andere nahrhafte Köstlichkeiten angeboten.

Nicht genug Futter

Der Zweite Weltkrieg setzte dem ein Ende. Auch die Geflügelwirtschaft im großen Stil musste aufgegeben werden, weil es nicht mehr genug Hühnerfutter gab.

Mit dem Einzug der Familie Torggler 1947 bekamen nun die Obstbäume wieder eine größere Aufmerksamkeit und wurden zu einem wirtschaftlichen Standbein des Hofes. Was nicht heißt, dass es keine Tiere mehr gab. Mathias Torgglers Enkelin Isolde Rosenthal erinnert sich neben den Kühen an eine kleine Eselherde und speziell an die Eselstute Laura, die sich vor einen Wagen spannen ließ und damit die Kinder durch die Wiesen kutschierte. Laura war bei allen Kindern sehr beliebt und auf jeden Fall das meistgestreichelte Tier in Sutthausen″, versichert Isolde Rosenthal.

1960 war Mathias Torggler 75 Jahre alt und zog sich aufs Altenteil zurück. Das Forsthaus machte er als Dienstwohnung frei für Johannes Redder und dessen Familie. Redder war auch schon zuvor beim Rittergut als Forstmeister angestellt. Bis heute lebt Redders Witwe, die 91-jährige Maria Redder, im Nebenhaus des Anwesens und erfreut sich bester Gesundheit.

Das wunderschön renovierte Haupthaus bewohnen heute Redders Tochter Margarete und Ehemann Peter Twiehaus. Margarete Twiehaus kann sich ebenfalls noch gut an die Esel erinnern. Die mussten kräftig arbeiten. Sie zogen zum Beispiel einen Anhänger mit einem großen Wassertank. Aus einem Quellteich auf dem Grundstück der früheren Gaststätte Zum Forsthaus″ holte das Gespann regelmäßig Wasser zum Tränken des Viehs. Denn noch gab es keinen Anschluss an die städtische Frischwasserversorgung.

Krise um Gut Osthoff

Die weitere Geschichte des Anwesens blieb naturgemäß nicht unbeeindruckt von der Geschichte des Gutes Osthoff und der Familie Stahmer-Jaffé, die schließlich im Konkurs der Firma Stahmer 1996 ein trauriges Ende fand. Schon vorher sah sich die Erbin Felicitas Stahmer veranlasst, die Försterei am Hörner Bruch zu verkaufen. Familie Redder nutzte die Chance und wurde Eigentümerin der Gebäude, die sie sowieso schon bewohnte, und eines Teils der Wiesen.

Ein anderer Teil stand in den 1980er-Jahren vorübergehend in der Gefahr, zu Bauland zu werden. Doch dem widersetzte sich die Stadt. Die Evangelischen Stiftungen übernahmen etwa fünf Hektar und garantierten darauf dauerhaften Landschaftsschutz. Es ist dies der größte Teil mit den ehedem von Torggler gepflegten und nachgepflanzten Obstbäumen, 285 an der Zahl.

Erhalt seltener Arten

Stiftungs-Geschäftsführer Johannes Andrews bezeichnet die Streuobstwiese als eine echte Schatztruhe der alten Sorten″, im Umkreis von hundert Kilometern um Osnabrück gibt es nichts Vergleichbares″. Neben Kirsche, Pflaume, Birne und Walnuss sind es allein 40 verschiedene Apfelsorten. Die Stiftungen bewahren diesen wertvollen Lebensraum für bedrohte Arten, zu denen auch Vögel und Insekten gehören. Im Herbst lassen sie die Äpfel ernten und pressen. Den Saft geben sie an Kindergärten und Altenheime in der Region ab. Für die fachgerechte Pflege der Bäume haben sie Jörg Langen gewonnen. Der ist in Personalunion Landschaftsgärtner und Schäfer. Seine Swaledale-Schafe halten das Gras kurz, während Langen in der Nachfolge Mathias Torgglers die Bäume beschneidet und gesund erhält.

Für den Naturschützer Friedhelm Scheel, Koordinator des Vereins Arbeitsgemeinschaft für Naturschutz Tecklenburger Land, ist die Symbiose von alten Bäumen, Schafen und seltenen Vogelarten einfach ideal: Alte Bäume weisen Hohlstellen auf, die von Höhlenbrütern geliebt werden. Der Kot der Schafe zieht Insekten an, die wiederum den Vögeln als Nahrung dienen.

Mehrmals im Jahr begleitet Scheel Jugendgruppen und Schulklassen auf die Obstwiesen und verdeutlicht ihnen den biologischen Kreislauf. Sie schauen dann auch nach den Meisen-Nistkästen und Steinkauz-Röhren, die von den Stiftungen und dem Nabu finanziert wurden. Als großen Erfolg sieht es Scheel an, dass es gelang, hier ein Brutpaar der Rote-Liste-Art Steinkauz heimisch werden zu lassen. Um diese und andere Populationen zu schützen, sind die Wiesen eingezäunt und nicht öffentlich zugänglich. Die Stiftungen bitten interessierte Naturfreunde, das zu respektieren und die biologische Vielfalt lediglich als Zaungäste″ zu genießen.

Bildtexte:
Die Äpfel reifen auf der Streuobstwiese der Evangelischen Stiftungen in Sutthausen.
Das Forsthaus am Hörner Bruch (heute Anwesen Redder/ Twiehaus) in den 1950er-Jahren, hier mit der kleinen Isolde Torggler und ihrer Mutter.
Schafzüchter und Baumpfleger Jörg Langen, hier mit seinem von der Schafszucht nicht minder begeisterten Sohn Joshua (8), hält das Gras in Schuss.
Das Eselgespann wurde in den 1960er-Jahren zum Wasserholen eingesetzt. Johannes Redder und Töchter.
Obstbaumexperte Mathias Torggler (1885–1977).
Eselstute Laura″ ist die Freundin aller Kinder, so auch der kleinen Isolde Torggler.
Die Eheleute Torggler sind auf dem Sutthauser Friedhof begraben.
Die Evangelischen Stiftungen als Eigentümer der Streuobstwiese bitten Zaungäste″ um Respekt für die vielfältigen Biotope.
Fotos:
Joachim Dierks, Archiv Torggler/ Rosenthal, Archiv/ Carolin Hlawatsch, Archiv Redder/ Twiehaus.
Autor:
Joachim Dierks


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