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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Der Tag von Sedan und die Kartoffelfrage
Zwischenüberschrift:
Vor 100 Jahren: Osnabrücker fürchten Hungerwinter / Landrat droht mit Wuchergericht
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der dritte Winter nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg steht bevor. Die Angst vor einem Hungerwinter geht um. Das Hauptnahrungsmittel, die Kartoffel, ist aus dem Boden. Jetzt ist die Zeit des Einkellerns, um mit dem Vorrat über den Winter zu kommen. Doch woher nehmen, wenn nichts zu bezahlbaren Preisen angeboten wird?

Mitte September wird die Kartoffel-Zwangsbewirtschaftung mit festgesetzten Höchstpreisen aufgehoben, abgeschlossene Lieferverträge sollen aber eingehalten werden. Viele Landwirte halten sich nicht daran. Sie verkaufen beispielsweise an Spritfabriken, Stärkefabriken oder ausländische Abnehmer, die höhere Preise zahlen. In manchen Gegenden Deutschlands bricht ein regelrechter Kartoffelkrieg aus. Mächtige Berufsgruppen treten in den Streik, um die Versorgung ihrer Leute im Bereich der alten Höchstpreise von 15 bis 20 Mark pro Zentner durchzusetzen. Eisenbahner in Bremen drohen damit, Kartoffelzüge nicht abzufertigen, solange sie selbst nicht mit billigen Kartoffeln beliefert werden. In Oberhessen schalten Mitarbeiter der Überlandzentralen Stromkreise ab, um die Bauern zum Einlenken zu bewegen. Betroffen sind naturgemäß nicht nur die Bauern, auf die die Maßnahme abzielt, sondern alle Verbraucher. Das Eisenwerk Hirzenhain liegt still, Steinkohlengruben drohen abzusaufen, weil die Pumpen nicht laufen. Als Gegenmaßnahme beschließen die Landwirte, keine Milch mehr in die Städte zu liefern.

Gewerkschafts-Appell

Im Osnabrücker Land geht es, wie meistens, friedlicher zu. Einzelne Firmen versuchen, in Direktverhandlungen mit Landwirten günstige Preise für ihre Mitarbeiter zu erwirken. Das Verlagshaus Meinders & Elstermann bittet in einer Anzeige um günstige Gebote für unser Personal″. Betriebsratsmitglieder der Firma Brück, Kretschel u. Co. haben sich in den Zug gesetzt, sind nach Melle gefahren und haben, ausgestattet mit schriftlichen Appellen der Gewerkschaften, die Gemeinden Oldendorf, Holzhausen, Hustädt, Sehlingdorf und Buer aufgesucht. Dort sprechen sie erst mit den Gemeindevorstehern und dann mit jedem einzelnen Landwirt. Ihre Erfahrung: Wir haben von jedem Herbstkartoffeln zum Preise von 16 M. pro Zentner erhalten. Von den meisten Landwirten wurde uns gesagt, daß sie diesen Preis für die Industriearbeiter für hoch genug hielten. Man hat uns wiederholt versichert, daß der persönliche Abschluß der Arbeiter mit dem Landwirt das einzig Richtige wäre, weil man dann die Gewähr habe, daß auch wirklich die minderbemittelten Industriearbeiter die Kartoffeln zum billigen Preise erhielten.″

Landrat Dr. Rothert erlässt einen Aufruf an die Landwirte des Kreises Bersenbrück, allgemein den Preis von 25 bis 30 Mark nicht zu überschreiten und an die kreiseingesessene und Osnabrücker minderbemittelte Bevölkerung″ noch billiger abzugeben. Zu hohe Preise könnten eine neue Revolution heraufbeschwören. Wer übermäßige Preise fordert, wird vor das Wuchergericht gestellt und sein Name öffentlich bekannt gemacht werden″, droht er.

Am 2. September jährt sich zum 50. Mal die Schlacht von Sedan. Im Kaiserreich wurde der Sedantag als patriotischer Feiertag begangen. In der jungen Weimarer Republik jedoch hatte der Innenminister verfügt, dass es keine Sedanfeiern mehr geben werde, da diese nicht mehr den Zeitverhältnissen entsprächen. In Osnabrück gibt es abweichende Ansichten. Vertreter der Deutschen Volkspartei (DVP) legen einen schlichten Lorbeerkranz mit schwarz-weiß-roter Schleife″ am Kriegerdenkmal auf dem Neumarkt ab. Das Denkmal ehrt die Gefallenen aus dem Fürstentum Osnabrück im Deutsch-Französischen Krieg 1870/ 1871. Auf dem Kislingschen Verlagshaus direkt hinter dem Denkmal wird die alte schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs gehisst und nicht etwa die schwarz-rot-goldene der Weimarer Republik.

Flagge erhitzt Gemüter

Die von Kisling herausgegebene Osnabrücker Zeitung″ rechtfertigt diese Ehrung ebenso wie das Osnabrücker Tageblatt″. Das Tageblatt″ schreibt: Gewiß ist heute nicht die Zeit, große Feste zu begehen, aber wir wären den deutschen Namen nicht wert, wenn wir nicht vermöchten, uns heute die Bilder vor die Seele treten zu lassen, die mit dem Namen Sedan und dem 2. September unzertrennlich verbunden sind.″ Die Sozialdemokratie sieht das jedoch ganz anders. Der Abgeordnete Bubert verlangt, dass die Flagge vom Dach heruntergeholt wird, andernfalls werde er die Arbeiter aus den Betrieben holen, die Industrien stilllegen und Kundgebungen auf dem Neumarkt organisieren. Die Osnabrücker Zeitung″ sieht darin Terrorismus schlimmster Art″.

Bubert erklärt am nächsten Tag, dass es sein Bestreben gewesen sei, eine groß angelegte deutschnationale Demonstration gegen die republikanische Verfassung zu verhindern. Ihm seien Mitteilungen zugegangen, dass nicht nur Vertreter der beiden Rechtsparteien, sondern auch Schüler der höheren Schulen sich an der Kranzniederlegung beteiligen würden. Die DVP-Presse habe die Schüler aufgefordert, dem Verbot des Kultusministers Hänisch entgegen zu handeln, doch Sedan zu feiern und nicht zur Schule zu gehen. Durch sein Eingreifen seien die geplanten Demonstrationen und Ruhestörungen unterblieben. Dies wird bei der sozialistisch und demokratisch denkenden Einwohnerschaft Befriedigung auslösen, die Reaktion mag heulen″, schloss er seine Stellungnahme.

Gedenkfeier gestürmt

Für den Nachmittag des 2. September war eine schlichte Gedenkfeier″ von DVP und DNVP im Biergarten geplant, wurde dann aber wegen Regens in die OTV-Turnhalle verlegt. Die Feier verlief nicht störungsfrei. Während der Rede des Abgeordneten Wulle donnerte es an Türen und Fenster, wobei eine Scheibe zertrümmert wurde. Eine Schar von 50 bis 100 SPD-Anhängern begehrte Einlass, der ihr gewährt wurde. Arbeitersekretär Kuper hielt eine Gegenrede, die von seinen Anhängern heftig beklatscht wurde und in den Gesang der Arbeitermarsellaise″ überging. Die konservativen Veranstalter hielten mit dem Deutschlandlied dagegen. In dem Getöse und allgemeinen Wirrwarr löste sich schließlich die Veranstaltung auf.

Bischof Berning verkündet im Amtsblatt die Selbstständigkeit der Josephsgemeinde zum 1. Oktober 1920: Im südlichen Teile der St. Johannispfarre hiesiger Stadt wird eine neue selbständige Pfarre errichtet, für welche die an der Miquelstraße unter dem Titel des hl. Joseph neu erbaute Kirche als Pfarrkirche bestimmt wird.″ Zum Pfarrbezirk gehören auch die Bauerschaften Nahne, Voxtrup und Harderberg.

Weissager Mariarty

Unsicherheiten der Zukunft haben für die Osnabrücker nun ein Ende, jedenfalls für den Zeitraum bis 1936. Weissager Mariarty″ tritt im Harmonieklub auf, Karten gibt es zu 6, 5, 4 und 2 Mark. Aus dem Inhalt: Der zweite Weltkrieg und sein Verlauf; Polens Schicksal; der Christus kommt; Englands Ende; Atlantis taucht auf; das Rätsel des Nordpols usw.″ Individuelle Fragen werden beantwortet, Bleistift mitbringen!″ – Am nächsten Tag berichtet das Tageblatt″ von einem enormen Zulauf: Dichtgedrängt saß und stand die Menge und atemlos lauschte man den oft phantastischen Ausführungen.″ Deutschland, so führte der Redner aus, wird wieder einem Frühlingstage entgegengehen unter Führung des Weltlehrers, den das Abendland den Christus nennt, der dann die Lasten von den Schultern der Mühseligen und Beladenen nehmen wird. England wird etwa 1923 untergehen und all seine Kolonien verlieren. Ebenso sicher ist, dass am Himmel ein zweiter Mond erscheinen wird.

Bildtext:
Am Kriegerdenkmal und im dahinter liegenden Verlagshaus Kisling am Neumarkt kommt es am Sedantag 1920 zu Auseinandersetzungen.
Auf die Jagd nach Kartoffeln zugunsten der eigenen Mitarbeiter begibt sich das Verlagshaus Meinders & Elstermann mit diesem Inserat. Osnabrücker Tageblatt vom 17. September 1920.
Foto:
Rudolf Lichtenberg jr.
Repro:
Joachim Dierks.
Autor:
Joachim Dierks


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