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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Verkauft die Stadt ihr dickes Aktienpaket?
 
Osnabrück stellt sich auf Börsensturz ein
Zwischenüberschrift:
Was soll die Stadt mit ihrem Zehn-Millionen-Euro-Aktienpaket machen?
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Die Osnabrücker Finanzverwaltung schlägt vor, dass sich die Stadt von einem Zehn-Millionen-Aktienpaket trennt. Hintergrund sind Befürchtungen, dass es in diesem Herbst zu einem Einbruch auf den Aktienmärkten kommt. Finanzchef Thomas Fillep hat deshalb der Politik nahegelegt, die Aktien zu verkaufen, um zu einem späteren Zeitpunkt bei niedrigeren Kursen wieder einzusteigen. Das habe mit Spekulation nichts zu tun, sondern sei Risikominimierung″, sagte Fillep. Das Aktienpaket ist Teil des 40-Millionen-Fonds zur Rekultivierung des Piesberges. Aktien sind zurzeit die einzige Anlageform, die eine Rendite verspricht. Deshalb sieht die Ratsmehrheit einen Verkauf skeptisch. Die FDP ist sogar strikt gegen kommunale Finanzgeschäfte und fordert stattdessen mündelsichere Anlagen″.

Osnabrück Die Stadt besitzt Aktien im Wert von gut zehn Millionen Euro. Die Finanzverwaltung rät dazu, die Aktien jetzt zu verkaufen, weil sie im Herbst einen deutlichen Einbruch am Aktienmarkt befürchtet. Was also tun: verkaufen oder halten?

Warum besitzt die Stadt eigentlich Aktien? Die Wertpapiere sind Teil des sogenannten AWB-Fonds, in dem 40 Millionen Euro liegen. Die Abkürzung AWB steht für Abfallwirtschaftsbetrieb. Das Geld, das aus den Müllgebühren stammt, ist für die Rekultivierung des Piesbergs bestimmt. Ziel des Finanzmanagements der Stadt ist es natürlich, durch eine kluge Anlagestrategie den Wert des Fonds zu mehren oder zumindest zu erhalten was angesichts niedriger Zinsen schwieriger geworden ist.

Risiken will die Stadt aber auch nicht eingehen. Nach der Finanzkrise 2008/ 09 gab der Rat den Finanzexperten vor, dass 85 Prozent des Fonds in Wertpapieren mit exzellenter, sehr guter und guter Bonität″ anzulegen sind. In der Finanzwelt wird die Bonität in A, B und C klassifiziert. Nach dem Willen des Rates sollten nur die Papiere mit einem Rating AAA bis A infrage kommen.

Später wurden die Regeln gelockert, weil mit solchen supersicheren Anlagen kein Geld zu verdienen war. Im Gegenteil: Bundesanleihen zum Beispiel schwenkten in den negativen Bereich um. Das heißt: Wer sein Erspartes dort anlegt, schmälert sein Vermögen. Deshalb erlaubte der Rat 2019 einen höheren Anteil an Aktien, die eine Rendite abwerfen. Bis maximal 25 Prozent des Fonds dürfen seither an der Börse eingesetzt werden.

Wie riskant sind die Aktien? Das Aktienportfolio des AWB-Fonds ist breit gestreut. Es besteht nach Angaben der Finanzverwaltung aus rund 80 Prozent Dax-Werten sowie 20 Prozent M-Dax-Werten. Die Stadt setzt bei der Zusammensetzung des Aktienpakets sogenannte ETF (Exchange Traded Funds) ein, die Aktienlisten wie den Dax abbilden. Mit den ETF erzielt die Stadt genauso viel Rendite wie die breite Masse der Aktienbesitzer. Außerdem stehen konkrete Werte dahinter.

Was haben die Aktien eingebracht? Der Gesamtkaufpreis des Aktienpakets betrug laut Verwaltung 10 107 897 Euro. Der aktuelle Wert (25. August) beläuft sich auf 10 352 443 Euro. Wertzuwachs: 244 546 Euro oder rund zwei Prozent. Hinzu kommen Dividenden von 600 000 Euro.

Was passiert im Herbst an den Börsen? Die Stadt lässt sich bei den Finanzgeschäften von externen Spezialisten beraten. Die erwarten in den kommenden Monaten einen Kurssturz an den Börsen. Zurzeit sieht es zwar nicht danach aus. Der Dax hat nach dem Lockdown-Absturz im März auf 8400 Punkte das Vor-Corona-Niveau mit über 13 000 Punkten fast wieder erreicht. Die Geschichte lehrt aber: Nach krisenbedingtem Absturz und schnellem Wiederanstieg folgt ein zweiter Einbruch. Das war auch nach der Finanzkrise so. Tritt das auch in der Corona-Krise ein?

Einige Experten sind davon überzeugt und raten, sich zu wappnen. Andere sehen heute eine andere Lage als 2009, weil die Staaten schnell viel Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt haben. Die riesigen Geldmengen suchten renditebringende Anlagemöglichkeiten und fänden sie nur in Aktien.

Wie reagiert die Stadt Osnabrück? Finanzchef Thomas Fillep schlug dem Finanzausschuss vor, jetzt das Zehn-Millionen-Aktienpaket zu verkaufen, den Kurseinbruch abzuwarten und im richtigen Moment wieder einzusteigen. Er wisse von Banken, die ihren gesamten Bestand auf null heruntergefahren″ hätten, weil sie von einem Einbruch zwischen 40 und 60 Prozent ausgingen. Es geht uns nur um dieses halbe Jahr″, so Fillep. Es gehe nicht um Spekulation, sondern um Risikovermeidung.

Das Geld, das aus dem Aktienverkauf erlöst würde, müsste die Stadt bei Banken parken und dafür Verwahrentgelt (negative Zinsen von 0, 5 Prozent) zahlen. Außerdem entstünden Transaktionsgebühren von 16 000 Euro.

Was sagt die Politik dazu? CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde hält Filleps Idee für keinen guten Vorschlag″, wie er im Finanzausschuss sagte. Wer in Aktien anlege, müsse die Füße stillhalten können und langfristig planen. Auch die viele Jahre von ihm als Generalsekretär geleitete Bundesumweltstiftung halte an ihrem Aktienanteil von 27 Prozent fest, so Brickwedde. Die Corona-Krise werde vorübergehen und keinen grundsätzlichen Niedergang der Weltwirtschaft einleiten.

Wenn im nächsten Jahr ein Impfstoff zur Verfügung stehe, werde sich die Wirtschaft schnell erholen und der Börse weiteren Schub geben.

Ähnlich äußerte sich Michael Hagedorn (Grüne). Aktien seien zurzeit die einzige Anlagemöglichkeit, die eine halbwegs akzeptable Rendite abwerfe. Ein Wertverlust des AWB-Fonds müsse vermieden werden, denn den müssten am Ende die Bürger über höhere Müllgebühren ausgleichen.

SPD-Finanzsprecher Philipp Christ vertraut dagegen auf die Expertise der Verwaltung und sieht in dem Verkauf auch die Chance, auf ökologisch und ethisch einwandfreie Papiere umzuschichten.

Darf eine Stadt spekulieren? Die FDP lehnt die Finanzgeschäfte der Stadt grundsätzlich ab. Mit dem Geld der Bürger spekuliert man nicht″, sagte Fraktionschef Thomas Thiele, der seit Jahren im Finanzausschuss mahnend den Finger hebt, wenn es um Anlagestrategien geht. Er fordert, auf jegliche Finanzgeschäfte zu verzichten und die AWB-Gelder konservativ und mündelsicher″ anzulegen. Thiele hält auch den Einsatz der angeblich sicheren ETF für unzulässig. Auch sie enthielten ein gewisses Risikopotenzial. Thiele: Die Sicherheit der Geldanlagen ist die wichtigste Option.″

Wie geht es weiter? Der Vorschlag der Verwaltung, das Aktienpaket zu verkaufen, fand nur bei der SPD Zustimmung. CDU, Grüne und UFO stimmten dagegen und damit für ein Festhalten am derzeitigen Aktienbestand. Die FDP enthielt sich. Die letzte Entscheidung trifft der Verwaltungsausschuss.

Symbolfoto
dpa/ Frank Rumpenhorst

Kommentar
Einmal verzockt und daraus gelernt

Für die FDP ist die Sache klar: Die Stadt darf mit dem Geld der Bürger gar keine Geschäfte machen. Alles sei mündelsicher″ anzulegen. Die Finanzabteilung habe nicht das Wissen und das Recht, mit fremden Geld zu spekulieren. Sie habe sich ja schon mal ziemlich verzockt.

Ja, da war mal was: Osnabrück war 2000 eine der ersten Kommunen in Niedersachsen, die sich Schweizer Franken liehen und damit in der Finanzkrise böse auf die Nase zu fallen drohten. Es stimmt, die Erwartungen erfüllten sich nicht, aber die damals drohenden Millionenverluste mussten bis heute nicht realisiert werden.

Der Stadtrat hat daraus die richtigen Schlüsse gezogen und seinen Risikoappetit″, wie es ein Gutachter damals nannte, genauer definiert. Daraus folgte zum Beispiel für das Management des AWB-Fonds, dass maximal ein Viertel des Geldes in Aktien angelegt werden darf. Nun mag jeder für sich entscheiden, ob das als vorsorglicher Umgang mit anvertrautem Bürgergeld oder schon als riskantes Spiel einzuordnen ist. Klar ist: Folgte der Rat der FDP-Forderung und vermiede jedes kleinste Risiko, würde er Geld der Bürger verbrennen. Das geht auch nicht.

Wo ist der Königsweg? Wahrscheinlich liegt er wie so oft in der Mitte. Nicht alles auf eine Karte setzen, sagen die Experten doch immer. Im Fall des AWB-Fonds hieße das: Nicht den gesamten Aktienbestand abstoßen, sondern nur einen Teil. Wie immer sich dann die Börse entwickelt, die Folgen blieben überschaubar.

w.hinrichs@ noz.de
Autor:
Wilfried Hinrichs


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