User Online: 1 | Timeout: 13:17Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Wir brauchen Milliarden neuer Bäume″
 
„Hilfe für Wälder ist Mammutaufgabe″
Zwischenüberschrift:
Jagdverbands-Chef über Corona, radikale Tierschützer und Respekt vor der Natur
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Die deutschen Jäger zeigen sich besorgt über den Zustand der Wälder. Trockenheit, Borkenkäfer und Stürme haben bundesweit Wälder in der Größe des Saarlandes vernichtet″, sagte der Präsident des Deutschen Jagdverbands (DJV), Volker Böhning, im Interview mit unserer Redaktion. Wir schätzen, dass man für eine Wiederaufforstung etwa eine Milliarde Bäumchen braucht″, erklärte der DJV-Chef. Weitere fünf Milliarden Bäume seien nötig, um den wichtigen Wandel von Monokulturen zu Mischwäldern voranzutreiben.

Osnabrück Hitze, Dürre, Borkenkäfer zusammen mit dem Wald leiden derzeit auch die Jäger. Im Interview erklärt der Präsident des Deutschen Jagdverbandes Volker Böhning, warum die Wiederaufforstung eine Mammutaufgabe ist und in welchem Zusammenhang die Corona-Pandemie und eine Zunahme der Wildunfälle stehen.

Herr Böhning, zeitweise hat das Corona-Virus das öffentliche Leben fast zum Stillstand gebracht. In der Zeit hat es viele Menschen in die Natur gezogen. Welche Auswirkungen hatte das auf den Wald?
Wenn mehr Leute im Wald unterwegs sind, entsteht auch mehr Unruhe. Diese Unruhe sorgt dafür, dass mehr Wildtiere aufgescheucht werden. Das haben wir regional auch an den Wildunfällen gemerkt: Im Vergleich zu den Jahren davor ist die Zahl leicht gestiegen. Wenn später im Jahr noch die Rotwildbrunft oder die Paarungszeit der Wildschweine hinzukommt, müssen wir die Zahlen erneut bewerten.

Trägt die Corona-Krise dazu bei, dass die Menschen wieder mehr Respekt gegenüber der Natur zeigen und sich ihrer Umwelt bewusster werden?
Wenn man mehr in den Wald geht, bekommt man auch wieder eine Beziehung zu ihm, die der ein oder andere in der Vergangenheit verloren hat. Dass Leute die Zeit im Wald nutzen, ist durchaus als positiv zu sehen, aber ob der Respekt dadurch kommt da ist wohl auch Wunschdenken dabei. Wir haben uns auch mit der Problematik Waldknigge″ befasst und den Leuten klargemacht, dass der Wald im Prinzip das Wohnzimmer vieler Wildtiere ist und wir nur die Gäste sind. Entsprechend sollten wir uns dann auch verhalten. Dazu gehören ganz triviale Dinge: Auf dem Weg bleiben, statt quer durchs Gelände zu laufen, oder das Auto an heißen Sommertagen nicht im Wald abstellen. Durch den heißen Katalysator kann schnell ein Waldbrand entstehen. Aber diese Dinge sollten jedem klar sein.

Inwiefern war auch der Jagdbetrieb von den Corona-Einschränkungen betroffen?
Mit den Reiseeinschränkungen mancher Bundesländer kamen auch einige Jäger nicht mehr in ihr Jagdgebiet. Sie wurden wie Urlauber behandelt und durften nicht mehr einreisen. Das ist der Sache natürlich nicht dienlich, da wir ja auch dafür sorgen sollen, dass die Afrikanische Schweinepest nicht hier ausbricht. Das heißt, die Bejagung auf Schwarzwild muss zu jeder Zeit stattfinden ob mit oder ohne Corona. Schließlich wurden die Jäger dann als außerordentlich wichtig eingestuft, sodass die Einreisebeschränkungen aufgehoben wurden.

Wie steht es um großflächige Jagden in Zeiten von Corona?
Daran sollen später im Jahr nach bisherigen Planungen etwa 100 bis 120 Schützen teilnehmen. Je nachdem, wie sich die Corona-Regeln bis dahin ändern, müssen wir reagieren. Die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten kann bei einer so großen Gruppe eine Herausforderung sein. Diese Jagden sind allerdings sehr wichtig, um den Tierbestand zu kontrollieren und die behördlichen Abschusspläne zu erfüllen. Ein Ausfall wäre also ein echtes Problem.

Der Klimawandel setzt den deutschen Wäldern derzeit extrem zu. Sie fordern einen Waldumbau. Was hat es damit auf sich?
Trockenheit, Borkenkäfer und Stürme haben bundesweit Wälder in der Größe des Saarlandes vernichtet. Betroffen sind hauptsächlich Nadelbäume. Wir schätzen, dass man für eine Wiederaufforstung etwa eine Milliarde Bäumchen braucht. Außerdem braucht Deutschland mehr Mischwälder, da diese besser mit den Klimaanforderungen zurechtkommen. Doch 27 Prozent der Wälder sind leider noch immer Monokulturen, bestehend aus Nadelbäumen. Will man diese in Mischwälder umwandeln, braucht es nochmals fünf Milliarden Bäume. Das ist eine Mammutaufgabe, die nur mit allergrößten Anstrengungen und gemeinsam mit allen Beteiligten Förster, Jäger, Waldbesitzer zu bewältigen ist. Aber davon wird uns keiner befreien.

Inwiefern kann die Jagd einen Waldumbau unterstützen?
Wenn aufgeforstet wird, muss an diesen Stellen verstärkt gejagt werden, da das Wild sonst die jungen Bäume abknabbert. Parallel dazu müssen Ruhezonen für die Tiere geschaffen werden, ebenso wie Freiflächen mit Gräsern, Kräutern und Weichhölzern, die als Nahrung dienen. Außerdem erwarten wir, dass bei Aufforstungen entsprechende Jagdhilfen wie Schneisen oder Hochsitze mitangelegt werden.

1, 5 Milliarden Euro haben Bund und Länder für die deutschen Wälder bereitgestellt. Reicht das für Umbau und Wiederaufforstung?
Das ist sicherlich ein Anfang, viel wichtiger ist aber, dass die für die Aufforstung benötigten Pflanzen und Bäumchen bereitgestellt werden. Diese Mengen von jetzt auf gleich zu beschaffen könnte große Probleme bereiten. Wenn wir die Pflanzen dann haben, wird auch gleich das nächste Problem deutlich. Die Politik hat in den letzten Jahren 60 Prozent der Arbeitskräfte im Forstbereich gestrichen wer also soll die Setzlinge in den Boden bringen und pflegen? Wir brauchen dringend mehr Personal.

In der Vergangenheit haben radikale Tierrechtler immer wieder Schlagzeilen gemacht und zum Beispiel Jägerhochsitze umgestürzt. Wie groß ist das Problem?
Aus Mailingaktionen und Online-Kampagnen wissen wir, dass es etwa 1500 hartgesottene Jagdgegner gibt, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Um nicht falsch verstanden zu werden: Nicht jeder muss die Jagd gut finden, das kann man nicht verlangen. Wir können es aber nicht hinnehmen, wenn Hochsitze zerstört werden oder noch schlimmer: Wwenn nur die Leitersprossen angesägt werden. Dann können Menschen sich schwer verletzen. Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern ist kriminell.

Wie steht es allgemein um die Einstellung zur Jagd?
In repräsentativen Umfragen haben wir festgestellt, dass die meisten Befragten der Jagd durchaus positiv gegenüberstehen. Da machen die radikalen Tierschützer nur einen kleinen Teil aus. Ein Beispiel: Im Jahr 2003 äußerten sich noch 33, 6 Prozent der Deutschen ablehnend zur Jagd. Stand 2020 sind es nur noch 22 Prozent. In derselben Zeit ist die Zahl der Jagd-Befürworter von 40, 8 auf 51 Prozent angestiegen.

Und was sagen Sie Jagdgegnern, die fordern, die Natur sich selbst zu überlassen?
So einfach ist das nicht: Wir haben beispielsweise erfolgreich die Tollwut bei den Füchsen ausgerottet. Dadurch hat sich der Bestand verdreifacht. Nun muss der Mensch dort eingreifen und den Fuchsbestand minimieren, weil ansonsten die bedrohten Vogelarten darunter leiden könnten. Ähnlich verhält es sich bei der Afrikanischen Schweinepest. Würden wir da nicht eingreifen, hätte das enorme Schäden für die Landwirtschaft.

Bildtext:
Volker Böhning
Foto:
Kapuhs/ DJV
Autor:
Finja Jaquet


Anfang der Liste Ende der Liste