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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Überschrift:
Wohnen, wo andere protestieren
Zwischenüberschrift:
Streit um Baugebiet in Osnabrück: Familie Ferderer möchte sich an der Windthorststraße niederlassen
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück In Schinkel-Ost kämpft eine Bürgerinitiative gegen die geplante Neubausiedlung an der Windthorststraße. Überall im Wohngebiet hängen Plakate mit dem Stop-Zeichen. Aber es gibt auch Menschen, die dort gerne bauen würden, zum Beispiel die Familie Ferderer.

Seit drei Jahren sind Dina und Paul Ferderer schon auf der Suche nach einem Nest für ihre junge Familie. Mehr als zehn Häuser haben sie sich angesehen, einige Male glaubten sie, ihrem Ziel schon sehr nahe zu sein. Doch dann gab es Enttäuschungen, die sie an der Glaubwürdigkeit von Bieterverfahren und mündlichen Zusagen zweifeln ließen. Deshalb leben die Ferderers immer noch in einem Mietshaus in Lüstringen und träumen von den eigenen vier Wänden.

Inzwischen hat sich das Ehepaar vorgenommen, selbst zu bauen. Ein Einfamilienhaus mit großem Garten soll es sein, stadtnah, um möglichst viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen zu können. Die ganze Familie steht auf Pedal-Power: Töchterchen Kea (1) lässt sich noch im Kinderanhänger von Mama chauffieren, die große Schwester Nala (6) fährt auf dem nagelneuen Mountainbike schon ganz routiniert ihrem Papa hinterher.

Was ist naturnah?

Dina Ferderer (31) arbeitet bei der Bürgerstiftung, ihr Mann Paul (32) ist Studienrat an der Gesamtschule Schinkel. Dass die Stadt nur wenige Hundert Meter davon entfernt ein neues Wohngebiet aus dem Boden stampfen will, sieht das Ehepaar als große Chance, den Traum vom eigenen Haus zu verwirklichen. Doch nun wird heftig um das Projekt gestritten, und den Argumenten der Bürgerinitiative folgen die beiden mit demonstrativem Kopfschütteln.

Nein zum Bebauungsplan 620″ steht auf roten Plakaten, die überall im Stadtteil aufgehängt sind. Dass sich die Bürgerinitiative Naturnaher Schinkel″ nennt, findet Paul Ferderer anmaßend. Die Ackerflächen, um die gehe, seien das Gegenteil von naturnah″, für die Ökologie hätten sie so gut wie keine Bedeutung. Als Biologielehrer wisse er, dass sich private Gartenflächen durch eine deutlich größere Vielfalt an Pflanzen und Insekten auszeichneten. Und sein Garten werde ganz gewiss naturnah sein, kündigt der Studienrat an.

Dina Ferderer war dabei, als ein Team aus dem Fachbereich Städtebau in einer turbulenten Open-Air-Versammlung vor der Gesamtschule den Bebauungsplanentwurf vorstellte. Sie outete sich als Bauwillige, die mit ihrer Familie auf ein Grundstück in der neuen Siedlung hofft. Und bekam zu hören, sie solle sich doch besser in Melle oder Bohmte nach einem geeigneten Plätzchen umschauen. Sie und ihr Mann finden es heuchlerisch, von potenziellen Nachbarn derart in die Wüste geschickt zu werden. Von den Gegnern werde der Naturschutz doch nur vorgeschoben, meint das Ehepaar, das sich nach dieser Erfahrung eher noch in seiner Haltung bestätigt fühlt.

Im Streit um das Baugebiet an der Windthorststraße geht es aber vor allem um negative Auswirkungen auf das Stadtklima, weil durch die neuen Gebäude Kaltluftströme beeinträchtigt werden könnten. In heißen Sommernächten - die Fachleute sprechen von Tropennächten soll die bodennahe Kaltluft verhindern, dass die Temperaturen in stark versiegelten Stadtteilen auf ein unerträgliches Maß steigen.

Die Unterschiede könnten bis zu sieben Grad betragen, hält der von der Stadt bestellte Klimagutachter Peter Trute fest. Er sieht in der Planung ein sehr hohes Konfliktpotenzial″, empfiehlt der Stadt aber nicht, von der Bebauung Abstand zu nehmen, sondern die Gebäude so auszurichten, dass sich die Kaltluft einen Weg durch die Lücken bahnen kann. Außerdem solle die Stadt mit einem großzügigen Begrünungsprogramm der Überhitzung vorbeugen.

Auf die Klimaproblematik sei er zwar nicht spezialisiert, räumt Paul Ferderer ein, aber das sei ja auch nur einer von mehreren Aspekten, die bei der Planung berücksichtigt werden müssten. Der Stadt Osnabrück gehe es ja auch darum, Wohnraum für Familien zu schaffen. Und kinderfreundlich zu sein, fügt Ehefrau Dina hinzu.

Wenn die beiden das Sagen hätten, müsste die Stadt den Anteil der frei stehenden Einfamilienhäuser im Wohngebiet erhöhen, so wie es in früheren Bebauungsplänen üblich war. Zwölf Grundstücke sieht der aktuelle Entwurf vor, neben 56 für Doppelhaushälften, 37 Reihenhäusern und 19 Mehrfamilienhäusern.

Doch die Stadt setzt auf eine stärkere Verdichtung, weil die Bauflächen in Osnabrück knapp werden und die Nachfrage unvermindert anhält. Stadtbaurat Frank Otte vertritt die Auffassung, dass sparsam mit der Ressource Grund und Boden umzugehen sei und dass besser in die Höhe als in die Breite gebaut werden solle. Dieser Grundsatz findet sich in vielen Bebauungsplänen wieder, die in den vergangenen Jahren vom Rat verabschiedet wurden.

Wie geht es weiter?

Das Bebauungsplanverfahren Nr. 620 Windthorststraße/ Kahle Breite″ steht noch ziemlich am Anfang. Wegen der großen Resonanz hat die Stadt die erste Phase der Bürgerbeteiligung bis zum 18. September verlängert. In dieser Zeit können Anwohner und Interessierte ihre Stellungnahmen zu der Planung einbringen. Für die Dauer einer Vegetationsperiode läuft zudem eine ökologische Bestandsaufnahme. Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse entscheidet dann der Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt über das weitere Vorgehen.

In den meisten Fällen wird eine Planung modifiziert und geht dann in die nächste Phase der Bürgerbeteiligung. Denkbar ist zwar auch, dass ein Projekt aufgegeben wird, aber in der Praxis kommt das kaum vor. Am Ende des Verfahrens steht der Satzungsbeschluss durch den Rat. Erst wenn der Bebauungsplan rechtskräftig ist, dürfen die Bagger kommen.

An der Windthorststraße werden bis dahin wohl noch zwei Jahre vergehen. Vielleicht sogar mehr. Ob die Ferderers es noch so lange aushalten? Eigentlich wollen sie ja bauen, aber nicht warten.

Bildtexte:
Der Protest gegen ein Baugebiet an der Windthorststraße in Osnabrück ist überall präsent. Aber Familie Ferderer würde dort gerne bauen.
Der aktuelle Entwurf für ein Baugebiet an der Windthorststraße.
Ein neues Baugebiet beiderseits der Windthorststraße plant die Stadt in Schinkel-Ost. Zur Orientierung: Bei dieser Perspektive aus Osten befindet sich die Autobahn A33 im Vordergrund.
Überall im Stadtteil hängen die Plakate der Bürgerinitiative.
Fotos:
Jörn Martens, Stadt Osnabrück, Geodaten Osnabrück
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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