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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
War die Hase zu retten?
Zwischenüberschrift:
Umweltkatastrophe nach Großbrand in Fledder: Eine Rekonstruktion des Tages
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Beim Großbrand in Osnabrück-Fledder am 20. Juli ist kontaminiertes Löschwasser in die Hase gelangt ein Abschnitt des Flusses ist für Jahre tot. Hätte die Umweltkatastrophe verhindert werden können? Die ausgebrannte Firma Belkenheid hatte Löschwasserbarrieren die aber wurden nicht geschlossen. Eine Rekonstruktion des Tages.

Im hinteren Teil der Firma Josef Belkenheid Nachf. an der Gesmolder Straße, auf die das Feuer übergegriffen hatte, befanden sich Lager und Produktion. 32 Zentimeter hohen Löschwasserbarrieren hätten dort zum Auffangen des kontaminierten Wassers dienen können, teilte das Gewerbeaufsichtsamt Osnabrück auf Anfrage unserer Redaktion mit. Mit der beschriebenen Löschwasserrückhaltevorrichtung auf dem Gelände hätten im Idealfall 86 Kubikmeter des Löschwassers aufgehalten werden können, soweit nicht noch durch herabfallendes Brandgut das Volumen reduziert wird″, so Elvira Hector, Leiterin des Gewerbeaufsichtsamtes.

Doch die Barrieren wurden nicht eingesetzt. In der Regel werden manuell zu betätigende Löschwasserbarrieren für den Tür- und Torbereich dauerhaft im Einsatz gehalten und nur zu Durchfahrtzwecken vorübergehend entnommen.″ Nach der Durchfahrt von Fahrzeugen werde die Barriere wieder eingesetzt. Wird eine elektrisch oder pneumatisch betriebene Barriere verwendet, wird diese nach Bedarf zeitnah rauf- und runtergefahren″, so Hector. Um welche Variante es sich bei den bei der Firma Belkenheid eingesetzten Barrieren handelt, ist unklar.

Zwei Gebäude zerstört

Am 20. Juli war das Feuer in dem Gebäude an der Gesmolder Straße ausgebrochen, in dem sich das Autohaus Holtmeyer, ein Lager des benachbarten Cabrio-Zentrums sowie eine Unternehmensberatung befanden. Das Feuer griff auf das Chemieunternehmen Belkenheid über. Beide Gebäude wurden zerstört. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Mitarbeiter des Autohauses wegen fahrlässiger Brandstiftung. Er soll, so der Vorwurf, den Brand beim Abflammen von Unkraut verursacht haben. Mit Brandverletzungen an den Armen kam er für ein paar Tage ins Krankenhaus.

Protokoll gibt Aufschluss

Warum wurden die Löschwasserbarrieren im Lager- und Produktionsbereich von Belkenheid nicht geschlossen? Die Feuerwehr führt bei ihren Einsätzen Protokoll, berichtet Feuerwehrchef Dietrich Bettenbrock im Gespräch mit unserer Redaktion. Dem Einsatzprotokoll von der Gesmolder Straße zufolge hatte die Feuerwehr gegen 13 Uhr Kontakt zu einem Verantwortlichen der Firma Belkenheid. Dieser habe die Feuerwehr auf zwei Tonnen Ethanol im Gebäude hingewiesen, nicht aber auf die Löschwasserbarrieren.

Zuvor, also vor dem Übergreifen des Feuers auf Belkenheid, habe ein Mitarbeiter der Feuerwehr die Brandwand im Gebäude überprüft.

Bei dieser und allen folgenden genannten Zeiten gibt Amtsleiter Bettenbrock gibt zu bedenken: Die Angaben seien teilweise mit Vorsicht zu genießen. Es könne nicht gewährleistet werden, dass sie stets minutengenau seien. Mitunter könnten Einträge in der Hektik leicht zeitversetzt erfolgt sein.

Zu einem späteren Zeitpunkt sei es nicht mehr möglich gewesen, die Löschwasserbarrieren einzusetzen. Dem Protokoll zufolge griff das Feuer um 12.38 Uhr auf das Belkenheid-Gebäude über 16 Minuten nach dem Eintreffen der Feuerwehr und verbreitete sich dort rasend schnell″, sagt Feuerwehrchef Bettenbrock. Niemand hätte mehr in das Gebäude hineingeschickt werden können.

Der Einsatzleiter von jenem Tag versichert, ein Hinweis zu den Barrieren habe ihn nicht erreicht. Warum diese beim Ausbruch des Brandes nicht aktiviert waren, ist unklar. Eine schriftliche Anfrage bei der Firma Belkenheid blieb unbeantwortet, telefonisch war die Geschäftsführung nicht zu erreichen.

Volumen reichte nicht aus

Allerdings hätten die Barrieren, auch wenn sie oben gewesen wären, wohl nur einen Bruchteil des kontaminierten Löschwassers auffangen können. Belkenheid habe eine Genehmigung für IBC (Intermediate Bulk Container, das sind quaderförmige Behälter), Fässer und Kanister, so Hector. Das Gefäßlager war auf ein Volumen von 40 Kubikmeter Lagermenge ausgelegt.″ So hätte es zwar gereicht, die maximal erlaubten 40 Kubikmeter Chemikalien aufzufangen. Aber: Wir haben 1800 Kubikmeter Löschwasser reingedonnert″, sagt Bettenbrock. Das Gewerbeaufsichtsamt geht sogar von 2200 Kubikmetern aus das wären 2, 2 Millionen Liter. Dafür hätte das Auffangvolumen der Barrieren mit 86 Kubikmetern bei Weitem nicht gereicht.

Gegen 14 Uhr habe die Feuerwehr massiv Wasser in das Gefahrgutlager von Belkenheid abgegeben erst ab diesem Zeitpunkt sei die Wasserversorgung richtig gut gewesen, sagt Bettenbrock. Um 13.30 Uhr war die Einheit zur Löschwasserversorgung eingetroffen. Zur selben Zeit habe die Feuerwehr in Absprache mit der Stadt beschlossen, das Regenklärbecken im Bereich der Ackerstraße zur Löschwasserrückhaltung zu nutzen, damit kein Löschwasser in die Hase gelangt. Normalerweise wird dort verunreinigtes Wasser aus dem Gewerbegebiet vorgespült. Auch das Kanalsystem habe ein gewisses Stauvolumen, so Bettenbrock.

Becken geschlossen

Um 13.45 Uhr habe die Feuerwehr die Rückmeldung von den Stadtwerken bekommen, dass das Regenklärbecken nahe der Hase geschlossen wurde. Das gehe nur manuell per Schieber, sagt Stadtwerkesprecher Marco Hörmeyer auf Nachfrage. Für uns galt das Problem mit dem Löschwasser da als abgehakt″, sagt Bettenbrock.

Bis dahin war allerdings schon eine unbekannte Mengen kontaminiertes Wasser durch dieses Becken in die Hase geflossen übrigens kein Löschschaum. Schaum setzte die Feuerwehr erst gegen 16 Uhr ein.

Kurz darauf, gegen 14.15 Uhr, habe die Feuerwehr festgestellt, dass kontaminiertes Löschwasser sichtbar in Richtung des etwa 500 Meter entfernten, nun geschlossenen Regenklärbecken abfloss, so Bettenbrock. Die Feuerwehr habe es ohnehin nirgendwo anders hinleiten können, es sei nun mal in diese Richtung geflossen.

Wie viel kontaminiertes Wasser durch das Regenklärbecken und dann in die Hase lief, ist unklar. Die Durchlaufmenge zur Hase hängt vom Regenzulauf und von der Stauhöhe ab und variiert daher″, sagt Stadtwerke-Sprecher Hörmeyer. Maximal 1400 Kubikmeter Wasser fasse das Becken. 700 bis 800 Kubikmeter Wasser sollen sich Bettenbrock zufolge schon darin befunden haben.

Die Stadt orderte mehrere Tankwagen zum Abpumpen des giftigen Wassers aus dem Regenklärbecken. So sollte ein Über- und Ablaufen in die Hase verhindert werden. Bis 16 Uhr waren rund 100 000 Liter aufgefangen, am Ende rund 200 000 Liter.

Was gelangte bis zum Abschiebern des Regenrückhaltebeckens in die Hase? Gelagert wurden unterschiedliche Rohstoffe zur Herstellung von Reinigungsmitteln, unter anderem Lösemittel wie Ethanol, Aceton und Benzylalkohol sowie Säuren und Laugen″, so Hector vom Gewerbeaufsichtsamt.

Diese Chemikalien gelangten mit dem Löschwasser in den Fluss. Auf mehreren Kilometern starben alle Fische und Kleinstlebenwesen es dauert Jahre, bis sich die Hase erholt. Feuerwehr und THW pumpten Unmengen an Wasser vom Stockumer See in Bissendorf und aus dem Stichkanal in die Hase um, um das verunreinigte Wasser zu verdünnen.

Der Schaden geht in die Millionen, die Hitze war enorm. So musste die Feuerwehr acht Tage nach dem Brand erneut anrücken, um zu löschen.

Das von der Straße aus linke der zusammenhängenden Gebäude gehört dem Cabrio-Zentrum. Davon hatte das Autohaus die hintere Hälfte gepachtet, den vorderen eine Unternehmensberatung. Im mittleren Teil hatte das Cabrio-Zentrum Material gelagert und Autos abgestellt Repliken einer AC Cobra und eines Jaguar E-Type sowie ein etwa 50 Jahre altes Käfer-Cabrio und einen alten Jeep. Allein hier war der Schaden: sechsstellig.

Brandwand versagte

Fraglich ist, warum das Feuer schon nach rund 25 Minuten auf Belkenheid übergriff. Die beiden Gebäude sind durch eine Brandwand getrennt, die das Baurecht vorgibt und die einem Feuer mindestens 90 Minuten standhalten muss. Dieser Wert wurde hier deutlich unterschritten – „ trotz Wasser drauf″, sagt der Einsatzleiter vom 20. Juli.

Schlussendlich hält Bettenbrock fest: Wir würden alles wieder so machen.″ Dass das Regenklärbecken dort vorhanden ist, sei ein großes Glück″ gewesen. Dieses habe sehr viel kontaminiertes Löschwasser zurückgehalten. Ein weiterer glücklicher Umstand sei, dass das Feuer tagsüber und an einem Werktag ausgebrochen war. Feuerwehr, Stadtwerke, Untere Wasserbehörde – „ alle waren schnell da″, sagt der Feuerwehrchef.

Bildtexte:
Kontaminiertes Löschwasser führte auf mehreren Kilometern der Hase zu einem Fischsterben.
Das Feuer zerstörte zwei Gebäude.
Die betroffenen Unternehmen.
Dietrich Bettenbrock.
IBC vor der Belkenheid-Halle. Die Behälter im Freien waren allerdings nur mit Regenwasser gefüllt was die Feuerwehr anfangs nicht wusste.
Kaum noch zu erkennen: ein völlig zerstörtes Käfer Cabrio des Cabrio Zentrums von etwa 1970.
Fotos:
David Ebener, Jörg Sanders, Michael Gründel
Google Maps/ NOZ/ yjs

Die Chronologie des Tages

12.10 Uhr: Brandmeldung

12.14 Uhr: Alarmierung der Feuerwehr

12.22 Uhr: Eintreffen der Feuerwehr

12.38 Uhr: Überschlag auf Belkenheid

12.45 Uhr: Nachbargebäude (Andronaco) wird evakuiert

12.50 Uhr: Alarmierung Untere Wasserbehörde

12.57 Uhr: Wasserbehörde informiert Stadtwerke

ca. 13 Uhr: Kontakt der Feuerwehr zu einem Verantwortlichen von Belkenheid

13.03 Uhr: Feuerwehr fordert Dichtmaterial an

13.10 Uhr: Untere Wasserbehörde trifft ein

13.15 Uhr: Leiter des Fachdienstes Umwelt trifft ein

13.27 Uhr: Stadtwerke treffen ein

13: 30 Uhr: Feuerwehr und Stadt beschließen Nutzung des Regenklärbeckens zur Löschwasserrückhaltung

13.30 Uhr: Einheit zur Löschwasserversorgung trifft ein

13.34 Uhr: Wasserbehörde ordert Pumpfahrzeuge zum Regenklärbecken

13.45 Uhr: Regenklärbecken nun geschlossen

ca. 14 Uhr: Massive Wasserabgabe in Gefahrstofflager von Belkenheid

ca. 14.15 Uhr: Sichtbarer Ausfluss von kontaminiertem Wasser

Am Dienstag war das massive Fischsterben zu sehen.

Nicht alle Angaben erheben der Feuerwehr zufolge den Anspruch, minutengenau zu sein.
Autor:
Jörg Sanders


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