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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Waldversteck für Lokomotiven
Zwischenüberschrift:
Im Hörner Bruch wurde um 1943 eine geheime Zugabstellanlage installiert
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Im Zweiten Weltkrieg wurden unter dem dichten Laubdach des Hörner Bruchs Dampfloks versteckt, um sie vor alliierten Luftangriffen zu schützen. Es war eine geheime Kommandosache. Deshalb sind bislang weder schriftliche Aufzeichnungen darüber aufgetauchtn noch gibt es Fotos aus der damaligen Zeit. Aber zum Glück gibt es noch Zeitzeugen, die Auskunft geben können.

Jürgen Korte von der Kiwittstraße war 1943 acht Jahre alt, als er mit seiner Clique von Klassenkameraden die hintere Wüste und Hörne durchstreifte. Aus sicherer Distanz beobachtete er von der Bahnlinie aus, wie streng bewachte KZ-Häftlinge, erkenntlich an ihrer gestreiften Kleidung, Schneisen in den Wald schlugen und Gräben aushoben. Damals konnten sich die Kinder keinen Vers darauf machen. Aber wir hatten schon das Gefühl, dass wir das eigentlich nicht sehen durften, dass da etwas Geheimes im Gange war″, erinnert sich der heute 85-jährige Rentner. Und wundert sich im Nachhinein noch immer, an welch langer Leine ihn die Eltern damals laufen ließen, angesichts der gefährlichen Kriegszeiten.Verbotener Spielplatz

Die Aufklärung folgte nach Kriegsende. Die Jungen waren wieder im Hörner Wald unterwegs und entdeckten dort eine ganze Reihe Dampfloks, die wie in einem Sackbahnhof auf parallel gelegten Gleisen abgestellt waren. Etliche von ihnen waren beschädigt und schienen nicht fahrbereit zu sein. Es war keine Bewachung da, also sind wir auf die Loks draufgeklettert und haben Lokführer und Heizer gespielt. Wir hatten unseren Spaß. Es waren ja wilde Zeiten″, erzählt Korte.

Auch andere Zeitzeugen und Eisenbahnexperten bestätigen: Die Reichsbahn hatte einen geheimen Bahnhof″ im Hörner Bruch anlegen lassen, um Loks aus den bombengefährdeten Lokschuppen und Betriebswerken in der Stadtmitte nach dorthin evakuieren zu können. Von der Hauptstrecke nach Münster zweigte das Waldgleis hinter dem Vorbahnhof Hörne, etwas südlich der heutigen A-30-Autobahnbrücke ab und verästelte sich dann in mehrere Parkbuchten. Ein Stammgleis″ führte aus dem Wald hinaus auf die eingleisige Strecke nach Bielefeld, sodass auch ganze Züge die Eckverbindung als Walddurchfahrt nutzen konnten.

In so einem Zug hat der Straßenbahnexperte Alfred Spühr gesessen. Wir fuhren mit dem , Haller Willem′ von Dissen nach Osnabrück. In Oesede bekam der Lokführer wohl vom Stationsvorsteher gesagt: , Fahr schneller, da sind Tiefflieger gemeldet! Was machte der Lokführer? Er bog hinter Sutthausen in die Abstellanlage im Wald ab. Alle Fahrgäste mussten raus und sich im Wald verteilen. Man konnte ja nicht sicher sein, dass ein Flieger den Fluchtweg doch mitbekommen hatte und eine Garbe aus den Bordkanonen hinterherschickte″, weiß Spühr zu erzählen. Abseits des Zuges sei man auf jeden Fall sicherer gewesen. Bei dieser Gelegenheit blieb es bei der Warnung, kein Flieger tauchte auf.

Aber in Spührs Erinnerung ließ sich das Versteck nicht lange geheim halten: Das war doch auch kein Wunder, wenn da Loks unter Dampf einfuhren. Selbst im Sommer war die Abschirmung durch das Laub nicht so dicht, dass kein Dampf durchsteigen konnte.″ Dass die Tarnung irgendwann im Jahr 1944 aufflog, ist auch Jürgen Kortes Wissensstand. Die Alliierten hätten danach das Waldversteck gezielt bombardiert. Einige Bombentrichter im Hörner Wald sind noch heute zu entdecken, manche von ihnen mit Wasser vollgelaufen. Zum Schutz der Anlage hätte die Wehrmacht eine mobile Eisenbahnflak im Vorbahnhof Hörne postiert. Wenn die schoss, dann wummste es ganz gewaltig, die war viel lauter als die stationäre Flak auf dem Kalkhügel″, erzählt Korte.

Zwei weitere Zeitzeugen, die in der Nähe wohnen, können ebenfalls davon berichten, dass sie nach dem Krieg den Lokfriedhof″ besuchten und auf den Loks herumgeklettert seien: Herbert Loheider aus Sutthausen und Hugo Mittelberg aus Hellern. Da standen mindestens 20 beschädigte Loks herum″, sagt Loheider. Erst als die Bahnbetriebswerke wieder die Arbeit aufnahmen und Reparaturkapazitäten wiederhergestellt waren, hätte man die Loks aus dem Wald herausgezogen. Das müsse Ende 1945 gewesen sein.

Beim Eigentümer des Waldes, den Evangelischen Stiftungen, ist nichts Verbrieftes über die Zugabstellanlage bekannt. Geschäftsführer Johannes Andrews hat die Schneisen auch gesehen, findet in den Akten aber nichts darüber. Er weiß lediglich, dass nach Sturmschäden vor einigen Jahren die Waldarbeiter etwas aufgeräumt″ haben und seitdem die Gleisbuchten wieder deutlicher zu erkennen waren. Gleichwohl solle die Natur nicht dabei aufgehalten werden, wenn sie sich langfristig alles zurückerobert.Rätselhafte Gleisbuchten

Kleines Kuriosum am Rande, das Jürgen Korte aufgedeckt hat: Die Landschaftseingriffe durch das Lokversteck im Hörner Bruch waren auch in der Stadtverwaltung so wenig bekannt, dass sie in der von ihr herausgegebenen Broschüre Von Wällen und Gräben Die Osnabrücker Landwehr″ einer Fehlinterpretation aufgesessen ist. Auf Seite 35 heißt es: Eigenartig ist die Fortsetzung des Wall- und Grabensystems nach Südwesten bis zur Düte. In einigem Abstand von der Bahn lassen sich hier bis zu fünf Wälle ausmachen. Sie werden vor der Dütekolk-Siedlung von der Bahntrasse des , Haller Wilhelm′ durchschnitten.″ Der Autor hat sich offensichtlich keinen Reim darauf machen können, wie die parallel verlaufenden Senken und Wälle zu dem spätmittelalterlichen Schutzwallsystem der Landwehr passen können.

Bildtexte:
Als der Haller Willem″ noch dampfte: Personenzug mit Dampflok der Baureihe 93 bei Oesede.
In der laubarmen Jahreszeit treten die Senken der ehemaligen Zugabstellanlage noch deutlicher hervor. Im Hintergrund: Böschung der Autobahn A 30.
Das Eisenbahnversteck im Hörner Bruch ist noch heute, 75 Jahre nach Kriegsende, durch die parallel verlaufenden Gleisbuchten auszumachen.
Am Südende der Abstellanlage führte ein Gleis auf die Nebenbahnstrecke nach Brackwede.
Fotos:
Archiv/ Lothar Hülsmann, Jürgen Korte, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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