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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wie schlimm steht es um den Rosenplatz?
 
Das Beton-Chaos und die Folgen
Zwischenüberschrift:
ANALYSE Wie OB Griesert Osnabrück in die Neumarkt-Sackgasse manövrierte
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Sind die Betonschäden auf dem Rosenplatz so gravierend, dass dafür weiterer Stillstand auf dem Neumarkt in Kauf genommen werden muss? Eine öffentlich anerkannte Prüfstelle″ hat nach Angaben der Stadt die Betondecke auf dem Rosenplatz als nicht dauerhaft eingeschätzt″. Akuten Reparaturbedarf gebe es aber nicht, die Verkehrssicherheit sei nicht gefährdet. Die Schadensursachen seien eher grundsätzlicher Art und nicht durch kleinflächige Reparaturmaßnahmen kurzfristig zu beseitigen″. Die Planungsbüros, die zweischichtigen Beton wie auf dem Rosenplatz auch am Neumarkt einsetzen wollten, halten das Verfahren trotzdem für geeignet. Doch der Oberbürgermeister will kein Risiko eingehen. Liegt er damit richtig?

Osnabrück Der Neumarkt ist Chefsache, aber der Chef hat bislang nicht geliefert. Oberbürgermeister Wolfgang Griesert manövrierte die Stadt bei der Neumarkt-Gestaltung in eine Sackgasse, weil er, wie es seine Art ist, jedes Risiko vermeiden wollte. Eine Analyse.

Der Sachstand: Der Verwaltungsausschuss hat am 7. Juli auf Anraten Grieserts beschlossen, den Vertrag mit der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Neumarkt zu kündigen. Die Arge bilden die Büros Lützow 7 und bpr. Die Johannisstraße wird jetzt von der Neumarkt-Konzeption abgekoppelt und vorrangig bearbeitet. Die Planungen für die Neumarkt-Gestaltung beginnen von vorn. Der Grund für das abrupte Ende liegt auf dem Rosenplatz, wo der Beton Risse zeigt. Die gleiche Betonbauweise sollte auch auf dem Neumarkt zum Einsatz kommen. Griesert will Gewissheit, dass solche Schäden auf dem Neumarkt ausgeschlossen sind.

Die Beton-Frage: Die Ratsfraktion der Grünen kritisiert die Vertragskündigung und wirbt dafür, an dem Entwurf von Lützow 7 festzuhalten. Der Entwurf sieht eine einheitliche Oberfläche aus grau gestreiftem Beton vor.

Wir haben überhaupt gar kein Verständnis dafür, dass der OB seit über einem Jahr den Stillstand mit der Standfestigkeitsfrage des Betons rechtfertigt. Wenn er das Projekt zur Chefsache macht, warum hat es dann nicht die Priorität, die es verdient?″, so wird Fraktionschef Volker Bajus in einer Mitteilung zitiert.

Das Risiko: Die Vorbereitungen für den Umbau des Neumarktes waren vor einem Jahr abgeschlossen, das Busnetz umgestrickt, die neuen Bushaltestellen eingerichtet worden. Da trat Griesert auf die Bremse: Zunächst müsse das Beton-Problem gelöst werden.

Die entscheidende Frage: Wie viel Restrisiko darf sich die öffentliche Hand erlauben?

Griesert, von Hause aus Architekt, ist bekannt für seine Detailversessenheit, vor allem in Baufragen. Da kennt er sich aus. Unsicherheiten lässt er nicht zu. Fünfe grade sein lassen? Nicht mit ihm, nicht auf seine Verantwortung. Und schon gar nicht beim wichtigsten städtebaulichen Arbeitsauftrag, dem Neumarkt.

Deshalb pocht der Oberbürgermeister auf Einhaltung der Normen und Vorschriften. Das Problem ist aber, dass es für die geplante Betonbauweise in einem innerstädtischen Bereich mit vielen langsam fahrenden Bussen kein umfassendes Regelwerk gibt.

Dem Regelwerk entsprechen würden große, durchgegossene Platten von 3, 60 mal 3, 60 Meter, wie sie im Autobahnbau verwendet werden. Die Stadt Baden-Baden hat solche Platten für den zentralen Leopoldsplatz verwendet. Eine kleinteilige Farbgebung wie auf dem Neumarkt geplant lässt sich damit aber nicht herstellen. Beim Rosenplatz wählten die Planer schmale Betonplatten (5 mal 1, 65 Meter), die in zwei Schichten verlegt wurden. Die Methode stammt aus dem Brückenbau. Wichtig ist die perfekte Verbindung der beiden Schichten, was nach Expertenmeinung auf dem Rosenplatz nicht vollständig gelungen ist.

Bis heute ist die Frage unbeantwortet, wie schlimm die Schäden auf dem Rosenplatz tatsächlich sind. Nach unserer laienhaften, oberflächlichen Sichtung sind etwa 25 der rund 400 Betonplatten auf dem Rosenplatz durch Risse beschädigt. Eine öffentlich anerkannte Prüfstelle″ habe die Schäden untersucht, teilte die Stadt am Dienstag mit. Dabei wurde festgestellt, dass sich der Oberbeton vom Unterbeton ablöst. Die gewählte Bauweise wird als nicht dauerhaft eingeschätzt.″ Dringenden Handlungsbedarf sieht Mike Bohne, Leiter des Fachbereichs Verkehrsanlagen, aber nicht. Der Platz werde regelmäßig kontrolliert, eine akute Verkehrsgefährdung liege nicht vor.

Das Planungsbüro Lützow 7 ist überzeugt, dass der Beton in der geplanten Bauweise für den Neumarkt geeignet ist. Kritisch sind die Bereiche, in denen Busse anfahren, abbremsen oder Kurven ziehen. Hier bleibt ein Restrisiko, weshalb auch die Arge nicht bereit ist, eine umfassende Garantie zu geben.

Ist dieses Restrisiko tragbar? Darf die öffentliche Hand diese Unwägbarkeit in Kauf nehmen, um den Neumarkt endlich sanieren zu können? Oder muss hier Schluss sein, auch um den Preis, dass der Neumarkt auf Jahre hinaus in seinem desaströsen Zustand verharrt oder noch weiter absinkt?

Wolfgang Griesert und mit ihm die politische Mehrheit im Rat haben die Frage beantwortet: Sie halten dieses Risiko für zu groß und gehen lieber auf Nummer sicher. Der Preis dafür ist hoch. Konkret zu zahlen haben ihn Ladeninhaber und Immobilienbesitzer, deren Geschäfte unter der Unsicherheit und dem katastrophalen Erscheinungsbild des ganzen Areals leiden. Aber auch das Vertrauen der Bürger in die Gestaltungskraft von Politik und Verwaltung wird beschädigt.

In der Presseerklärung der Grünen heißt es: Von den vielen Projekten am Neumarkt ist die Straßen- und Platzgestaltung das Einzige, das die Stadt in eigener Hand durchführen kann. Anders als beim Einkaufscenter von Unibail und dem Hotel-Zauberwürfel sind wir dabei nicht auf einen privaten Investor angewiesen. Hier könnten wir also endlich mal vorankommen und etwas für Neumarkt und Johannisstraße tun.″ Es müsse doch möglich sein, die Ausschreibungskriterien anderer Projekte zu übernehmen und gemeinsam mit den fachlich anerkannten Architekten eine Lösung zu finden, ohne die Fehler vom Rosenplatz zu wiederholen.

Die Johannisstraße: Immerhin die gebeutelte Johannisstraße bekommt nun Priorität. Für sie soll unverzüglich ein Gestaltungs- und Baukonzept entwickelt werden. Baubeginn könnte, wenn alles gut geht, im Herbst 2021 sein. Die Politik steht bei den Anliegern im Wort, denn die Johannisstraße ist so oft wie kaum eine andere Straße in Osnabrück in den vergangenen Jahrzehnten unter die Baggerschaufel geraten. Fünfmal 1988, 1994, 1997, 2001 und 2003 musste das Pflaster erneuert oder ausgetauscht werden, weil der Busverkehr tiefe Spurrillen ins Pflaster gedrückt hatte. Es folgte 2013 der Tunnelabriss am Neumarkt, 2018 begannen die Stadtwerke mit der Erneuerung der Kanalisation. Seither ist die Straße nur noch Flickwerk.

Wegen der vielen Busse, die langsam und daher sehr spurtreu fahren, kommt als Straßenbelag eigentlich nur Beton infrage. Denkbar wäre eine farblich akzentuierte Fahrbahn in Autobahnfestigkeit mit leichter gebauten Gehwegen auf beiden Seiten. Das würde der Idee widersprechen, eine Art Platz zu schaffen, den sich Verkehr und Fußgänger teilen und der mit dem künftigen Neumarkt eine Einheit bildet. Asphalt, wie ihn Ratsherr Thorsten Wassermann (Ufo-Fraktion) ins Spiel gebracht hat, wäre schnell verlegt, aber nach Expertenmeinung schon nach kurzer Zeit wieder kaputt.

Der Rechtsstreit: Die Firmen der Arge Neumarkt werden möglicherweise gegen die Kündigung des Vertrages vor Gericht ziehen. Lützow 7 ist ein renommiertes Unternehmen, das seinen Ruf nicht beschädigen lassen will. Der Ausgang ist ungewiss. Klar ist dagegen: Sollte es zu einem Rechtsstreit kommen, würde der Jahre dauern. Zu einem ernsten Problem für die Stadt könnte es werden, wenn sich die Arge nicht mit Geld ruhigstellen lässt, sondern auf Einhaltung des Vertrages besteht. Dann könnte es soweit kommen, dass die Stadt keine Alternative umsetzen darf, bis der Rechtsstreit rechtskräftig entschieden ist.

Bildtext:
Risse im Beton auf dem Rosenplatz: Dasselbe Material sollte eigentlich auf dem Neumarkt zum Einsatz kommen.
Fotos:
Jörn Martens
Grafik:
Lützow 7
Autor:
Wilfried Hinrichs


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