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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ein Friedenslabor im „Braunen Haus″
Zwischenüberschrift:
Erste Ideen vorgestellt: So soll in der Villa Schlikker die NS-Geschichte aufgearbeitet werden
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Hans-Calmeyer-Haus? Um diesen Namen wird weiterhin heftig gestritten. Aber das Konzept für das geplante Friedenslabor in der Villa Schlikker nimmt erste Züge an. Schüler und Besuchergruppen sollen erfahren, was eine Gewissensentscheidung ausmacht. Die Stadt Osnabrück will die Einrichtung in drei Jahren eröffnen.

Die frühere Fabrikantenvilla Schlikker am Heger-Tor-Wall diente der NSDAP während der Hitler-Diktatur als Parteizentrale. Jetzt will die Stadt Osnabrück aus dem ehemaligen Braunen Haus″ einen Ort des Gedenkens machen. Dabei passt es den Museumsstrategen gut ins Konzept, dass diesem Ort der Täter″ das Felix-Nussbaum-Haus gegenüberliegt, das Museum, das einem Opfer gewidmet ist″, wie es Nils-Arne Kässens, der Direktor des Museumsquartiers, ausdrückte.

Nach einem Ratsbeschluss vom Dezember 2017 soll das Friedenslabor dem Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer gewidmet werden, der während des Zweiten Weltkriegs Tausende niederländische Juden vor der Deportation und damit vor der Ermordung in den Gaskammern der Nazis gerettet hat. Gegen diese Pläne gibt es aber scharfe Proteste aus den Niederlanden. In einem Pressegespräch am Montag wurde deutlich, auf welch schmalem Grat der Erste Stadtrat Wolfgang Beckermann und seine Kulturverwaltung sich bewegen, um weder dem Rat noch den Kritikern aus dem Nachbarland vor den Kopf zu stoßen.

Ein Konzept zur inhaltlichen Ausgestaltung der Villa Schlikker erarbeitet die Agentur Schwerdtfeger & Vogt aus Münster und Berlin, die auch schon für das Haus der Geschichte und für das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig tätig geworden ist. Im Pressegespräch wurde betont, dass es sich um eine Vision und erste Ideen handle, aber nicht um ein fertiges Konzept.

Die Ausstellungsdesigner wollen aus der Villa Schlikker einen modernen Begegnungsort machen, an dem anhand von Menschen, Haltungen und Möglichkeiten aufgezeigt wird, dass es auch in schwierigen Situationen nicht nur eine Entscheidung gibt. Im Obergeschoss sollen dem Osnabrücker Hans Calmeyer drei Zeitgenossen an die Seite gestellt werden, die anders mit dem Nazisystem umgegangen sind als er. Gleichwohl ist angedacht, Calmeyer drei Räume zu widmen, während die anderen Figuren jeweils einen Raum erhalten sollen.

Das zweite Obergeschoss soll nach den Vorstellungen von Vogt und Schwerdtfeger das eigentliche Friedenslabor aufnehmen, das die Besucher auf spielerische, humorvolle und provokante Weise ermutigen will, eine persönliche Haltung einzunehmen. Dabei dreht sich alles um die Werte, nach denen ein Mensch lebt. Und dann gibt es da noch eine Entscheidung zu fällen und durch eine Tür zu treten. Auf der einen steht Ja″, auf der andern Nein″.

Mit einem klaren Kontrast wollen die Ausstellungsdesigner auch die Rolle von Hans Calmeyer beleuchten, der zwar viele Juden gerettet hat, dem aber der Vorwurf gemacht wird, gegen den Mord an vielen anderen Juden nicht eingegriffen zu haben. Johannes Vogt skizzierte dazu zwei Wände, die aneinanderstoßen die eine hell und mit den Namen der Überlebenden versehen, die andere dunkel mit den Namen der Ermordeten.

Als Vorsitzender des von der Stadt einberufenen wissenschaftlichen Beirats griff der Historiker Alfons Kenkmann diese Gedanken auf. Eine solche Gegenüberstellung sei oft schwierig, meinte er, weil über die Geretteten oft sehr viel bekannt sei, über die Opfer aber oft sehr wenig. Kenkmann erklärte auch, dass es bei der Aufarbeitung von Calmeyers Lebensgeschichte noch einige Defizite gebe, vor allem im Hinblick auf die Zeit außerhalb des Nationalsozialismus. Dieser Aufgabe wolle sich der Beirat widmen.

Zur Frage, ob aus der Villa Schlikker ein Hans-Calmeyer-Haus″ werden soll, wie es der Rat beabsichtigt hat, nahm Kenkmann nicht Stellung. Im Frühjahr 2021 solle diese Frage in einem Symposium mit den niederländischen Petenten und der Hans-Calmeyer-Initiative erörtert werden. Der Beirat wolle überdies mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in Kontakt treten, um der Frage nachzugehen, ob sich deren Einschätzung gegenüber Calmeyer geändert habe. Yad Vashem hatte den Rechtsanwalt aus Osnabrück 1992 posthum zu einem Gerechten der Völker″ erklärt.

Zum Termin im Museumsquartier waren auch die Niederländer Hans Knoop, Johannes van Ophuijsen und die Buchautorin Els van Diggele erschienen, die Calmeyer als einen Kriegsverbrecher betrachten und nicht hinnehmen wollen, dass er als Beispiel für den Widerstand im NS-System verehrt wird. Knoop reagierte mit scharfen Worten auf das in der Pressekonferenz vorgestellte Konzept. Es sei ein gravierender Fehler, Calmeyer 50 Prozent der Ausstellungsfläche zu widmen, meinte er. Die Stadt Osnabrück hätte von Anfang an darauf verzichten sollen, das Haus auf Calmeyer zuzuschneiden.

Bildtexte:
Bis vor 75 Jahren das Braune Haus″, demnächst ein Ort des Gedenkens an die Nazidiktatur: Für die ehemalige Fabrikantenvilla Schlikker wird an einem Konzept gearbeitet.
Scharfe Kritik übten Johannes Max van Ophuijsen, Els van Diggele und Hans Knoop aus den Niederlanden am Konzept.
Stellte das noch unfertige Konzept für die Villa Schlikker vor: Kulturdezernent Wolfgang Beckermann.
Fotos:
André Havergo

Hans Calmeyer

Der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer (1903–1972) soll mindestens 3500 niederländische Juden vor der systematischen Ermordung durch die Nazis bewahrt haben. Dabei war der Saboteur des Holocausts selbst Teil des NS-Apparats als Leiter einer Behörde im besetzten Den Haag, die über Leben und Tod zu entscheiden hatte.

Unbestritten ist, dass Calmeyer als Jurist Gesetze trickreich interpretierte, um in Zweifelsfällen die jüdische Abstammung von Menschen zu negieren oder zu relativieren. Obwohl er sich damit selbst in Gefahr begab, erfand er Kriterien, die Juden vor der Verfolgung bewahrten. Zu diesem Zweck fälschte er sogar Urkunden. Sicher ist aber auch, dass der Jurist in jedem dritten oder vierten Fall nicht tätig wurde, um die Deportation jüdischer Antragsteller zu verhindern. Sein Rettungswerk wäre sonst aufgeflogen, sagen Historiker, die Calmeyer für ein Vorbild halten.

Vor allem in den Niederlanden gibt es eine andere Sicht auf das Wirken des Osnabrücker Rechtsanwalts im Zweiten Weltkrieg. Eine Initiative von mehr als 250 Wissenschaftlern und Künstlern sieht in ihm nicht einen Judenretter, sondern einen Judenverfolger. In einer Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel fordern die Kritiker, dass keine öffentlichen Mittel in ein Haus gesteckt werden, das den Namen des Juristen Hans Calmeyer trägt.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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