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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Am Neumarkt geht alles von vorne los
 
Das Trauerspiel am Neumarkt geht weiter
Zwischenüberschrift:
Stadt kündigt Vertrag und fängt mit den Planungen von vorne an
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der Neumarkt bleibt den Osnabrückern als Dauergesprächsthema wohl noch lange Zeit erhalten. Die Stadt verabschiedet sich auf Beschluss des Verwaltungsausschusses von den bisherigen Konzepten und fängt mit den Planungen von vorne an. Hintergrund ist der Streit um die Standfestigkeit des Betons, der für den Neumarkt und die Johannisstraße vorgesehen war. Weil die Planungsbüros und die Stadt in der Betonfrage unterschiedlicher Meinung sind, kündigt die Stadt den Vertrag und wirft die bisherigen Entwürfe über Bord. Nach der Sommerpause soll es einen Workshop geben, in dem Politik und Fachleute eine neue Marschroute erarbeitet wollen. Priorität hat jetzt der Neubau der Johannisstraße. Die Vertragskündigung wird vermutlich eine rechtliche Auseinandersetzung zur Folge haben.

Osnabrück Hinter verschlossenen Türen ist am Dienstagabend eine politische Entscheidung gefallen, deren Tragweite erst am Tag danach richtig erkennbar wurde: Die Planungen für den Neumarkt werden auf null gestellt. Alles beginnt von vorn. Ist das ein Befreiungsschlag oder ein grandioses Scheitern?

Was wurde entschieden? Der nichtöffentlich tagende Verwaltungsausschuss zog auf Vorschlag von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert die Reißleine für Osnabrücks wichtigstes städtebauliches Projekt, an dem seit 20 Jahren gewerkelt wird. Der Vertrag mit der Arbeitsgemeinschaft (Arge), bestehend aus den Büros Lützow 7 (Berlin) und bpr (Osnabrück), wird gekündigt. Die Planungen für die gebeutelte Johannisstraße werden vom Neumarkt abgekoppelt, um dort möglichst schnell Abhilfe schaffen zu können.

Die Arge hatte den Auftrag, eine Ausführungsplanung für die Gestaltung des Neumarktes und der Johannisstraße zu erstellen und den Umbau umzusetzen. Zugrunde liegt ein Entwurf, mit dem Lützow 7 vor sieben Jahren einen von der Stadt veranstalteten Gestaltungswettbewerb gewonnen hatte. Zentrales Merkmal ist ein strapazierfähiger Belag aus gestreiftem Beton, der dem gesamten Areal vom Neuen Graben bis zum Hasehaus und in die Johannisstraße hinein bis zur Johanniskirche ein einheitliches Aussehen geben sollte.

Knackpunkt ist das Material: Die Stadt fürchtet, dass die geplante Betonbauweise dem Druck der Busse nicht standhält. Weil mit der Arge keine Einigung zu erzielen war, löst die Stadt den Vertrag nun auf und fängt eine neue Planung an.

Wie geht es in der Johannisstraße weiter? Die Johannisstraße bekommt erste Priorität, weil dort der Leidensdruck am höchsten ist. Die Straße war 2018 und 2019 eine Großbaustelle, um Kanalisation und Infrastruktur zu erneuern. Danach wurde die Oberfläche notdürftig geflickt weil ja im Mai 2019 mit der Neugestaltung nach dem Lützow-7-Entwurf begonnen werden sollte. Zurzeit zeigt sich die Straße in einem desaströsen Zustand.

Die Stadt will nun ein gestaltungsstarkes Ingenieurbüro″ beauftragen, wie Claas Beckord, Neumarkt-Koordinator im Rathaus, auf Nachfrage erklärte. Das Büro soll eine technisch wie gestalterisch ausgereifte Ausführungsplanung erstellen. Und das möglichst schnell. Beckord hofft, dass im Herbst 2021 der Neubau beginnen kann. Derzeit ist völlig unklar, wie die Straße gestaltet wird und welches Material zum Einsatz kommt. Die richtige Materialwahl ist wichtig, denn die vielen Busse haben die Johannisstraße in der Vergangenheit immer wieder mürbe gemacht, egal, welches angeblich so widerstandsfähige Pflaster aufgelegt wurde.

Wie geht es am Neumarkt weiter? Die Planungen für den Neumarkt zwischen Lyrastraße und Hase werden abgebrochen. Nach der Sommerpause soll es auf Wunsch des Rates einen Workshop geben, in dem alle bisherigen Pläne, Entwürfe, Konzepte, Ideen zusammengetragen werden. Der Workshop, zu dem Politiker und Fachleute berufen werden, soll anschließend die Marschrichtung für eine Neugestaltung des zentralen Platzes vorgeben. Im Klartext: Eine schnelle Lösung für den Schandfleck ist nicht in Sicht.

Vor zwei Jahren noch machten sich die Fachleute im Bauamt viel Arbeit mit einer detaillierten Baustellenplanung. Damals sah alles danach aus, dass ab 2020 zeitgleich an vier Großprojekten auf engem Raum gearbeitet werden würde. Das hätte hohe Anforderungen an die Baustellenlogistik und Verkehrsführung gestellt. Die Arbeit der Baustellenkoordinatoren aber war umsonst, denn drei der vier Projekte sind gescheitert oder in Verzug geraten: Das Einkaufszentrum wird nicht gebaut, die Platzgestaltung ist bis auf Weiteres verschoben, der Baubeginn am Eckhaus Öwer de Hase (ehemals Sportarena) ist noch offen. Nur am Zauberwürfel″ wird gebaut, und dort soll nach Angaben des Investors auch bald der Hochbau in Angriff genommen werden.

Welche Folgen hat die Vertragsauflösung? Jan Wehberg, Landschaftsarchitekt und Mitinhaber von Lützow 7, wollte sich zur aktuellen Entwicklung nicht äußern. Zunächst müsse die Kündigung vorliegen, dann sehe man weiter, sagte er unserer Redaktion.

Die Zeichen stehen auf eine langwierige rechtliche Auseinandersetzung. Der Streit hat seinen Ursprung in der Betonfrage. Die Stadt will sicher sein, dass beim Neumarkt keine Schäden auftreten können wie auf dem Rosenplatz, wo der rote Beton aus noch nicht restlos geklärten Gründen viel zu schnell Risse bekommen hat. Die Stadt forderte die Arge auf, ihre Ausführungsplanung nachzubessern und zu garantieren, dass der Neumarkt-Beton tragfähig sein wird. Weil das nach Ansicht des Bauamtes nicht fristgerecht geschehen ist, folgt nun die Vertragskündigung.

Nach den neuen Vorgaben der Stadt hätte der Beton eine Festigkeit wie eine Autobahn haben müssen, entgegnet Lützow 7. Damit ließe sich aber ein landschaftsarchitektonisch qualifiziertes innerstädtisches Vorhaben nicht angemessen umsetzen″, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Berliner Büros. Ein attraktiver Stadtplatz ist keine Autobahn.″

Laut Vertrag hätten sich beide Parteien eigentlich gemeinsam mit dem von der Stadt beauftragten Sachverständigen für Betonbauweise zusammensetzen und eine Lösung erarbeiten sollen, die dem veränderten Planungsbedürfnis der Stadt entsprochen und gleichzeitig dem Wettbewerbsentwurf Rechnung getragen hätte. Der Wille hierzu sei von der Arge Neumarkt stets gezeigt und betont worden, so Jan Wehberg. Etwaigen rechtlichen Schritten sehe die Arge angesichts der geltenden Rechtslage gelassen entgegen.

Bildtext:
Der Neumarkt in Osnabrück wartet seit Jahren auf eine Neugeburt, Die Stadt hat die bisherigen Planungen abrupt gestoppt.
Foto:
Michael Gründel

Kommentar
Es macht keinen Spaß mehr

Die Geschichte des Neumarkt-Umbaus ist schon so reich an Überraschungen, Wendungen und Skurrilitäten, dass es genug sein sollte mit weiteren Kapriolen. Und doch beschert uns die Politik jetzt einen neuen Höhepunkt der anscheinend unendlichen Neumarkt-Story oder sagen wir lieber: Tiefpunkt.

Der Oberbürgermeister, der den Neumarkt zur Chefsache gemacht hat, mag die Auflösung des Vertrages mit der Arge als Befreiungsschlag verkaufen wollen, der die Blockade endlich auflöst und den Weg zu einer alternativen Planung öffnet. Nun gut, so kann man es sehen, wenn man aus der Rathaus-Perspektive auf den Neumarkt schaut. Für alle anderen ist der Ausstieg das Eingeständnis des Scheiterns: viel Arbeit umsonst, viel Geld verbrannt, viel Vertrauen zerstört. Seit 2013, als das Büro Lützow 7 den Wettbewerb gewann, hatte die Stadt etwas in der Hand. Das Ziel war definiert. Die Aussicht da, dass der Neumarkt eines nicht so fernen Tages einfach nur schön sein würde, ein Platz mit hoher Aufenthaltsqualität und spannender Architektur drumherum. Nichts ist davon mehr übrig.

Die Arbeit beginnt nun von vorn und damit wohl auch die politischen Grundsatzdiskussionen über die Funktion des Platzes. Vergessen wir nicht: Im September 2021 sind Kommunalwahlen. Die Politik wird es bis dahin kaum schaffen, eine neue Planung zu Ende zu führen. Und bis der neue Rat sich gefunden und eine neue Neumarkt-Idee zur Entscheidungsreife gebracht hat, werden wir mindestens im Jahr 2023 angekommen sein. Nein wirklich, es macht keinen Spaß mehr.

w.hinrichs@ noz.de
Autor:
Wilfried Hinrichs


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