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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Kampf um die Kaltluftströme
 
Neue Baugebiete belasten das Stadtklima
Zwischenüberschrift:
Kaltluftströme ausgebremst: Planer suchen Kompromisse für eine Fläche an der Windthorststraße
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Um Wohnraum zu schaffen, will die Stadt Osnabrück neue Baugebiete an der Peripherie ausweisen, aber an mehreren Stellen lässt sich das Vorhaben nicht mit den klimapolitischen Zielen in Einklang bringen.

In den Stadtteilen Schinkel und Schinkel-Ost geht es um Flächen, die in den häufiger werdenden heißen Sommernächten eine wichtige Funktion erfüllen, um die Temperaturen in benachbarten Siedlungen auf einem erträglichen Niveau zu halten. Kaltluft, die sich in diesen sogenannten Tropennächten über Grünflächen am Stadtrand bildet, soll möglichst ungehindert dorthin gelangen. Durch die geplante Bebauung könnten die kühlenden Luftströme aber blockiert werden.

Die städtischen Planer suchen nun nach Kompromissen.

Osnabrück Mit neuen Baugebieten im Osten von Osnabrück will die Stadt dem Mangel an Wohnraum abhelfen. Aber die geplanten Siedlungen gefährden Kaltluftströme, die angesichts steigender Durchschnittstemperaturen für das Leben in der Stadt immer wichtiger werden. Die Planer suchen jetzt nach Kompromissen.

Bis zu 337 Wohnungen verspricht sich die Stadt von einem Baugebiet an der Windthorststraße. Der Planungsentwurf, der demnächst in die frühzeitige Bürgerbeteiligung geht, umfasst eine Fläche von 22 Hektar, die zum größten Teil aus Ackerland bestehen. Dass ein solches Vorhaben Auswirkungen auf das Stadtklima hat, legt schon eine vor drei Jahren erstellte Studie nahe, die im Geodatenportal der Stadt aufgerufen werden kann.

Um näher ins Detail zu gehen, hat der Fachbereich Städtebau beim Expertenteam Geo-Net aus Hannover eine klimaökologische Expertise in Auftrag gegeben, die am Donnerstag dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt vorgestellt wurde. Gutachter Peter Trute nahm kein Blatt vor den Mund und bescheinigte der geplanten Siedlung ein sehr hohes Konfliktpotenzial″. In heißen Sommernächten komme es im Stadtgebiet zu Wärmeinseln mit bis zu sieben Grad höheren Temperaturen. Der Klimawandel lasse solche Hitzeereignisse häufiger und intensiver eintreten.

Trute legte dar, wie Kaltluft, die sich über Grünflächen am Stadtrand entwickelt, dieser Überhitzung entgegenwirken kann. Und er zeigte auf, dass eine Bebauung solcher Areale die Kaltluftströme in Richtung Stadtzentrum behindert. Nicht nur für das Gebiet an der Windthorststraße setzte der Gutachter ein rotes Ausrufungszeichen, als problematisch bezeichnete er auch geplante Wohn- und Gewerbeprojekte an der Bornheide und am Friedensweg. Bauvorhaben an der Weberstraße und am Schinkelbad attestierte er ein zumindest noch hohes Konfliktpotenzial″, wohingegen er die schädlichen Folgen durch neue Wohnhäuser an der Schwanenburgstraße und am Hof Ruppenkamp als weniger gravierend einstufte.

Weil der Wohnungsbau in Osnabrück hohe Priorität hat, will die Stadt aber an ihren Planungen festhalten. Stadtbaurat Frank Otte machte in der Sitzung deutlich, dass neben der Klimaproblematik auch positive Aspekte in die Waagschale gelegt werden müssten, vor allem eine gute Erschließung mit Kitas, Schulen und Nahversorgungseinrichtungen, außerdem eine bessere Anbindung an das vorhandene Verkehrsnetz.

Die Planung für das Gebiet an der Windthorststraße soll nun entschärft werden, indem Durchlüftungsachsen zwischen den Häuserzeilen frei bleiben. Nach der Empfehlung des Gutachters sollten diese Schneisen mindestens 50 Meter breit und mit einer trichterförmigen Öffnung an der Nordseite versehen sein. Das vorliegende Bebauungskonzept folge diesem klimaökologischen Ratschlag jedoch nur ansatzweise″, heißt es in der Verwaltungsvorlage für den Bebauungsplan 620 (Windthorststraße/ Kahle Breite). Abstriche wurden auch deshalb gemacht, um einen Teil der geplanten Siedlung keiner höheren Lärmbelastung durch die nahe gelegene Autobahn auszusetzen.

Gutachter Trute hat weitere Vorschläge aufgelistet, die die schädlichen Folgen einer Bebauung abmildern sollen. Öffentliche Grünflächen mit hoher Aufenthaltsqualität könnten als Rückzugsorte an heißen Sommertagen dienen. In diesem Zusammenhang spricht auch er von Pocket-Parks″. Gemeint sind kleine Freiräume im besiedelten Umfeld. Straßen, Wege und Parkplätze sollten mit Schatten spendenden Bäumen bepflanzt werden. Die Begrünung von Dächern und Fassaden sei ein weiteres Mittel, um der Überhitzung entgegenzuwirken. Jeder Schritt sei wichtig, unterstrich der Gutachter, denn das Gesamtbild ergebe sich aus der Summe der Eingriffe.

In der Sitzung wurde Trute gefragt, ob bestimmte Baumaterialien wie Holz statt Beton das Temperaturniveau senken könnten. Leider nein″, lautete die Antwort, was zählt, ist die Rauigkeit.″ Maßgeblich sind also die Hindernisse, die sich einer Kaltluftströmung in den Weg stellen, also auch Nebengebäude oder Hecken. Wenn es allein um die Bauweise gehe, werfe ein zentrales Hochhaus im Vergleich zu einer Einfamilienhaussiedlung deutlich weniger Probleme auf.

An der von den Planern favorisierten Bauweise übte der Grünen-Ratsherr Michael Kopatz heftige Kritik. Er stellte die Frage, warum nicht dichter und höher gebaut werden könne und warum die Einfamilienhäuser am grünen Rand, die Mehrfamilienhäuser aber an der Straße platziert würden. Außerdem sei es unverständlich, dass zwar die Hausdächer, nicht aber die Dächer von Carports und Nebengebäuden begrünt werden sollten.

Mit der Gegenstimme von Kopatz beschloss der Ausschuss, das Planungsverfahren fortzusetzen und auf der Basis des aktuellen Entwurfs die frühzeitige Öffentlichkeitsarbeit einzuleiten. Bürger, Behörden und Träger öffentlicher Belange werden damit aufgefordert, ihre Kritik oder ihre Änderungsvorschläge an dem Vorhaben zu formulieren. Die Stellungnahmen gehen dann in das weitere Verfahren ein.

Bildtexte:
22 Hektar Ackerland, mehr als 300 Wohnungen: An der Windthorststraße will die Stadt ein neues Baugebiet ausweisen. Zur Orientierung: Ganz links ist die Gesamtschule Schinkel, oben rechts die Autobahn 33 zu erkennen.
Hübsch in einer Reihe sind die Häuser angebracht, um Schneisen für die Kaltluftströme frei zu halten. So sieht der aktuelle Plan für die Windthorststraße aus.
Foto:
Stadt Osnabrück

Kommentar
Wie wär′s mit Altbau?

Mit ihrer flächenzehrenden Baulandoffensive stößt die Stadt an ihre Grenzen. Um Wohnraum zu schaffen, müssen an vielen Stellen in Osnabrück grüne Finger und Kaltluftschneisen angeknabbert werden. Und weil das eigentlich niemand will, werden Kompromisse gesucht, die bei der nächsten Bau-Welle in 10 oder 20 Jahren über Bord geworfen werden. Das kann nicht immer so weitergehen.

Schon während der beiden Dürresommer 2018 und 2019 waren die Temperaturen in vielen Wohnungen nicht mehr auszuhalten. Die Kurve zeigt nach oben, und wir machen einfach weiter wie bisher fahren Auto und bauen Häuser, als wäre nichts geschehen.

Klar, in Osnabrück fehlen Wohnungen, vor allem Menschen mit geringeren Einkommen drehen am Rad. Auf der anderen Seite gibt es im Stadtgebiet eine große Zahl von älteren Menschen, die ein ganzes Haus bewohnen, aus dem die Kinder längst ausgezogen sind. Menschen, die vielleicht gerne in eine kleinere Wohnung wechseln würden, diesen Schritt aber ohne Unterstützung scheuen.

Warum konzentrieren sich die Anstrengungen der Stadt auf neue Baugebiete? Warum gibt es die Eigenheimzulage vom Land nur für Neubauten, aber nicht für bedarfsgerechte Sanierungen? Wer Altbauten nutzt, schont das Klima. Auch das Stadtklima.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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