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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Maschinengewehre gegen Plünderer
Zwischenüberschrift:
Vor 100 Jahren: Hunger führt zu Unruhen in Osnabrück, Telefonieren wird deutlich teurer
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Vor 100 Jahren, im Juni 1920, erlebt Osnabrück schwere Unruhen, die sich gegen die katastrophale Lebensmittelversorgung bei krassen Preissteigerungen wenden. Es kommt zu Plünderungen und Konfrontationen mit martialisch auftretenden Ordnungskräften.

Auslöser ist ein harmlos beginnendes Geplänkel am 19. Juni. Beim Samstags-Wochenmarkt auf dem Domhof fordern die Hagenschen Händler″, wie das Osnabrücker Tageblatt″ später berichtet, drei Mark für das Pfund Kirschen, was die Osnabrücker Hausfrauen als unverschämten Wucher″ empfinden. Die Frau des Händlers Breitenkamp bezeichnet die erregten Kundinnen als Pöbel″. Das schlägt dem Fass den Boden aus. Die Frauen bedrängen die Marktbeschicker so sehr, dass diese sich schließlich gezwungen sehen, die Kirschen für 1, 50 Mark zu verkaufen. Dem Hagener Verkäufer Püning, der sich weigert, sich auf den für angemessen gehaltenen Preis einzulassen, wird sein Vorrat umgeworfen und teilweise zertreten.

Die protestierende Menge wächst auf mehrere Hundert Personen an, wird mittlerweile von Männern dominiert und zieht über die Große Straße zum Breitenkamp′schen Laden, wo sie sich Zugang verschafft und durchsetzt, dass auch hier der Kirschenpreis auf 1, 50 Mark abgesenkt wird. Damit nicht genug: Der Ladeninhaber sieht sich zur Vermeidung schlimmerer Sachbeschädigungen veranlasst, seine Gurken, Wurzeln, Blumenkohlköpfe und Stachelbeeren sogar umsonst abzugeben, bis der Laden nahezu geräumt ist.

Derart ermutigt, zieht die Menge weiter zu insgesamt 15 Gemüse- und Lebensmittelhandlungen und geht dort ähnlich vor. Gegen Abend kommt ihnen auf der Bierstraße ein Trupp herbeigerufener Reichswehrsoldaten mit einem Maschinengewehr entgegen. Dieser Anblick lässt die Wut der Protestierer nur noch anwachsen. Ehe die wenigen Soldaten etwas ausrichten können, wird ihnen das MG abgenommen. Der kommandierende Leutnant bringt sich in der Polizeiwache im Rathaus in Sicherheit. Die Soldaten lässt man ungeschoren, weil sie angeblich den Schießbefehl des Leutnants verweigert hätten.

Nach Ansicht des Tageblatts″ werden die Unruhen von zwielichtigen Elementen″ dazu benutzt, ihre ganz eigenen Zwecke zu verfolgen, die sich nicht mit Bedürftigkeit und Hunger entschuldigen lassen. Der jüdische Gänsemäster und Geflügelhändler Julius Cantor in Eversburg bekommt Besuch von mehreren Burschen″, die sich als Abgesandte des Arbeiterrats″ ausgeben und die Abgabe von Gänsen zum Preis von nur zehn Mark fordern. Bei dem entstehenden Handgemenge werden ihm mehrere Hundert Gänse entwendet, zur Bezahlung des abgepressten niedrigen Preises kommt es in keinem Fall.

Jagd auf Vorräte

Eine größere Menge zieht zudem den Westerberg hinauf zur Aktien-Bierbrauerei, in deren kühlen Kellern die Provinzial-Fleischstelle Vorräte lagert. Man verschafft sich gewaltsam Zutritt. Es dauert nicht lange, bis große Fleischstücke herausgeflogen kommen. Hunderte von Händen recken sich nach ihnen empor, und wer sie gerade auffängt, zieht damit ab. Die Polizei stoppt die Plünderung und vermittelt den Kontakt zu den Verantwortlichen der lokalen Fleischbevorratung. Die willigen schließlich in die Abgabe von Rind- und Schweinefleisch zu drei Mark das Pfund (statt dem amtlich festgesetzten Preis von zehn Mark) ein. Da keine Waage zur Hand ist, wird das Gewicht großzügig geschätzt. Die Kunde von dem ungewöhnlichen Fleischverkauf verbreitet sich rasch, immer mehr Käufer treffen ein und vergrößern das Gedränge. 60 bis 80 Zentner Fleisch verschwinden, während lediglich 1700 Mark vereinnahmt werden. Aus Westerkappeln angerücktes Militär nimmt einige Plünderer fest. Bedrängt werden später auch noch der Schuhhändler Markus auf die kostenlose Herausgabe von Stiefeln und ein Bäcker in der Martinistraße, bei dem man große Zuckervorräte vermutet.

Am Montag, 21. Juni, gerät die Lage gegen Abend noch einmal außer Kontrolle, als Demonstranten das Gerichtsgefängnis am Neumarkt belagern und die Freilassung der festgenommenen Rädelsführer verlangen. Steine fliegen auf die das Gefängnis bewachende Bürgerwehr. Die sieht sich gezwungen, Warnschüsse abzugeben, zunächst in die Luft, dann in Richtung der Steinewerfer in den Boden. Durch Querschläger werden dadurch fünf Personen schwer und mehrere leicht verletzt. Die Demonstranten ziehen sich zurück.

Damit ist der Osnabrücker Hungeraufstand″ von 1920 beendet. Auch das bürgerliche Tageblatt″ zeigt Verständnis für das ursprüngliche Anliegen einer breiten Masse, die explodierenden Nahrungsmittelpreise auf ein bezahlbares Maß zurückzuführen, verurteilt aber die Exzesse wie Plünderungen und Sachbeschädigungen. Ähnlich sehen es die Vertreter der Arbeiterschaft. Arbeitersekretär Walter Bubert (SPD) ruft mehrfach zur Mäßigung auf. Selbst die weiter links stehenden Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) nutzen die Unruhen nicht für politische Zwecke. Der Aufruhr war nicht organisiert und spontaner Natur. Die Inflation beginnt, ihre schädlichen Auswirkungen gerade für die weniger begüterten Kreise zu zeigen, indem die Preise steigen, nicht aber in gleichem Maße die Löhne und Renten.

Ein weiterer Vorbote der Geldentwertung ist die Verfügung des Reichsfinanzministers, keine Ein- und Zweipfennigstücke mehr prägen zu lassen. Die Verteuerung aller Rohstoffe mache die Herstellung so teuer, dass sie den Nennwert weit übersteigt. Für alle staatlichen Kassen wird festgelegt, dass bei Bargeldzahlungen auf alle fünf oder zehn Pfennig aufgerundet wird.

Große Erbitterung herrscht unter den Fernsprechteilnehmern über die angekündigten Gebührenerhöhungen. Mehrere Berufsorganisationen haben ihren Mitgliedern geraten, ihre Anschlüsse zu kündigen. Das Tageblatt″ sieht darin jedoch kein probates Mittel, die Postverwaltung von den Erhöhungen abzubringen. Die stehe durch die rasante Zunahme der Anschlüsse vor einem riesigen Investitionsbedarf. Deshalb sei es der Verwaltung gar nicht so unlieb, wenn viele Anschlüsse gekündigt würden. Dann könnten die notwendigen Erweiterungen der Diensträume und der technischen Einrichtungen weiter gestreckt werden.

Mit Leichtigkeit könnten zudem die gekündigten Anschlüsse durch solche in der Warteschleife wettgemacht werden, die dann zum Zuge kommen können. Jeder neue Teilnehmer wird zu einer Zwangsanleihe von 1000 Mark herangezogen. Damit will die Post die großen Sachausgaben der Zukunft vorfinanziert bekommen, bevor sie durch die Teilnehmergebühren wieder eingespielt werden. Gegen die Zwangsanleihe hat sich eine reichsweite Protestbewegung gebildet, die von der Reichs-Schutzgemeinschaft für Handel und Gewerbe in Braunschweig koordiniert wird. Einige Hitzköpfe haben vorgeschlagen, die Drahtgestelle auf den Häusern, die dem Telefonverkehr dienen, einfach herunterzureißen. Das Tageblatt″ warnt vor derartigen unerlaubten Handlungen.

Brot mit Maiszusatz

Die Zusammensetzung des Brotes hat sich gewandelt. Durch Maiszusatz hat sich die Farbe ins Gelbliche verändert. Außerdem sei die Krume gröber geworden und trockne leichter aus, sodaß schon nach zwei Tagen ein Zustand eintritt, der älteren Personen mit weniger guten Kauwerkzeugen einigermaßen zu schaffen macht″, wie es im Tageblatt″ heißt. Die Mehllieferungen an die hiesigen Bäckereien waren wieder lückenhaft. Bis zur neuen Ernte werde man sich wohl noch mit einigen anderen Brotzusätzen abfinden müssen, bereitet die Zeitung die Leserschaft vor. In anderen Städten nehme man Haferflocken die Ergebnisse würden aber auch nicht sonderlich gerühmt. Gegen das Austrocknen des Brotes helfe, es in ein feuchtes Tuch einzuschlagen. Aber allzu alt wird es ja wohl ohnehin nicht in dieser Zeit.″

Bildtexte:
Die Fernsprechvermittlung im Telegraphenamt Osnabrück stößt an Kapazitätsgrenzen. Erhebliche Erweiterungsinvestitionen sind notwendig. Inhaber neuer Anschlüsse müssen sie über eine Zwangsanleihe von 1000 Mark vorfinanzieren.
Der Eversburger Geflügelhändler Julius Cantor wurde bei den gewaltsamen Lebensmittelunruhen um mehrere 100 Gänse gebracht. Inserat im Osnabrücker Tageblatt″ vom 21. Juni 1920.
Foto:
Archiv NOZ
Repro:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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