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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Galeria Kaufhof ist kein Baudenkmal
 
Kein Denkmalschutz für Hortenkachel
Zwischenüberschrift:
Prägnante Fassade des Galeria-Kaufhof-Gebäudes ist kein K.-o.-Kriterium für Zukunftspläne
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück Mit der bevorstehenden Schließung von Galeria Kaufhof rückt die Frage in den Vordergrund, was aus dem Gebäude werden soll. In Osnabrück geht das Gerücht um, die markante Wabenfassade stehe unter Denkmalschutz. Dann würde eine neue Nutzung aber erschwert oder sogar unmöglich gemacht, weil keine Fenster eingebaut werden dürften. Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalschutz stellt jedoch klar, dass der fünfgeschossige Komplex an der Wittekindstraße nicht in seinem Verzeichnis aufgeführt ist. Das Erscheinungsbild der Fassade wird von den sogenannten Hortenkacheln geprägt. Mit den 50 x 50 cm großen Elementen wurden in den 60er- und 70er-Jahren Kaufhäuser des Horten-Konzerns in vielen bundesdeutschen Städten versehen.

Osnabrück Nein, die Fassade mit den Hortenkacheln der Osnabrücker Filiale von Galeria Kaufhof steht nicht unter Denkmalschutz. Sie wurde auch nicht von Egon Eiermann entworfen, dem berühmten Architekten der Nachkriegsmoderne. Aber mit der Frage, was aus dem Gebäude an der Wittekindstraße werden soll, kommen unweigerlich solche Mythen ins Spiel.

Die Tage bis zur Schließung des 65 Jahre alten Warenhauses in Osnabrück scheinen gezählt, auch wenn derzeit noch kein fester Termin dafür bekannt geworden ist. Und was dann? Immobilienspezialisten halten es für unwahrscheinlich, dass sich die oberen Geschosse noch für eine Einzelhandelsnutzung vermieten lassen. Geschäfte unten, Wohnungen oben das könnte eine Zukunftsoption für den fünfstöckigen Komplex sein. Aber an dieser Stelle werfen Schlaumeier ein, die äußere Form des Gebäudes müsse unangetastet bleiben, sie stehe nämlich unter Denkmalschutz. Das wäre ein K.-o.-Kriterium für fast alle neuen Pläne.Stellfläche statt Fenster

Die Frage lässt sich aber einfach beantworten. Tobias Wulf, Pressesprecher im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalschutz, muss nur einen Blick ins Verzeichnis werfen. Und daraus geht hervor, dass an der Wittekindstraße in Osnabrück nur ein einziges Gebäude denkmalgeschützt ist die Sparkasse gegenüber, die noch heute als prägnantes Beispiel für die Architektur der 1950er-Jahre steht. Damals wurde zwar auch das Kaufhaus Merkur errichtet, aus dem später Horten und dann Galeria Kaufhof hervorging. Aber vom Erscheinungsbild der Nachkriegszeit ist nichts mehr zu erkennen.

Wenn schon Denkmalschutz, dann für die Hortenkacheln, lautet ein Gerücht, das noch immer weitverbreitet ist. Wie die Horten-Kaufhäuser in anderen bundesdeutschen Städten bekam auch die Osnabrücker Niederlassung in den 1960er-Jahren eine Vorhangfassade aus den quadratischen Bausteinen im Format 50 mal 50 Zentimeter verpasst. So konnte man auf die Fenster verzichten und ein Maximum an Stellflächen schaffen.

Mit dem stilisierten H″ aus Keramik und später Aluminium setzte sich Kaufhauskönig Helmut Horten seinerzeit ein Denkmal. Und löste damit manchen Streit aus. In Lübeck etwa sahen Denkmalschützer das historische Stadtbild mit dem Holstentor verhunzt, in Regensburg musste eine klassizistische Kaufhausfassade der monothematischen Inszenierung von Hortens Corporate Design weichen.

Mancherorts schlug die Gegnerschaft von Denkmalschützern jedoch ins Gegenteil um, etwa in Duisburg, wo das erste Kaufhaus mit dem Waben-Outfit entstanden war. Aus architekturgeschichtlichen Gründen stellte die Stadt das Gebäude mit dem Kachelvorhang unter Denkmalschutz, was der Eigentümergesellschaft allerdings nicht behagte. Sie klagte vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf gegen die fürsorgliche Vereinnahmung und verlor den Prozess im Mai 2009. Da firmierte das Warenhaus auch in Duisburg längst nicht mehr als Horten, sondern als Kaufhof.

In Osnabrück sind die Denkmalpfleger offensichtlich nicht in Versuchung gekommen, die Hortenkachel als Kulturgut anzuerkennen. Dass der Zahn der Zeit an der Fassade nagt und etliche unter den mehr als 3200 Elementen ganz oder teilweise zerbröselt sind, war deshalb auch kein Anlass für behördliches Eingreifen. Und wenn sich demnächst die Frage stellt, ob das bei Tauben so beliebten Dekowandpflaster verschwinden darf, wird es von den Hütern des Stadtbildes wohl keine Einwände geben. Im westfälischen Hagen hat es eine Kachel aus der Wabenfassade des Kaufhauses Horten am Friedrich-Ebert-Platz immerhin ins Stadtmuseum geschafft. 2014 ist es abgerissenen worden, nach 45 Jahren.

In Hagen wie in Osnabrück wird häufig der Architekt Egon Eiermann (1904–1970) als Erfinder der Hortenkachel genannt, zuletzt erst gestern in einem Beitrag unserer Redaktion. Das ist allerdings ein Irrtum, wie Martin Kunz vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) vermerkt, das Eiermanns Nachlass verwaltet. Der wohl bekannteste Vertreter der Nachkriegsmoderne in Deutschland habe zwar für Horten bzw. Merkur zwei Kaufhäuser mit Waben-Kachelfassaden entworfen, in Stuttgart und Heidelberg. Aber die heute als Hortenkachel bezeichnete Wabe gehe auf einen anderen Architekten zurück, Helmut Hentrich (1905–2001), bekannt für das Dreischeibenhaus in Düsseldorf.

Vereinzelt sei der Hinweis zu finden, dass sich die Form der Hortenkachel an einem Türdrücker orientiere, den Rhode für die Hauptverwaltung von Horten vorgeschlagen haben soll. Ob dies stimmt, konnte ich bisher noch nicht herausfinden″, schreibt Kunz.

Bildtext:
Von drei Seiten gekachelt: Das Warenhaus Galeria Kaufhof an der Wittekindstraße.
Foto:
Michael Gründel

Kommentar
Nicht für alle Ewigkeit

Wenn ein Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wird, kommt es nicht darauf an, ob es besonders alt oder besonders schön ist. Es geht darum, der Nachwelt typische Merkmale zu erhalten, die für eine bestimmte Zeit, für die Erbauer oder auch für eine Kunstrichtung stehen.

Die markante Wabenarchitektur, mit der der Konzernchef Helmut Horten vor mehr als 50 Jahren bundesweit seine Warenhäuser geschmückt hat, wurde von einigen Städten ins Denkmalverzeichnis aufgenommen. In Osnabrück kam es allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz nicht dazu. Und das ist auch gut so.

Eine Stadt, die stolz darauf ist, dass bei ihr das erste Kaufhaus mit Hortenkacheln entstanden ist, mag gute Gründe haben, das Objekt mit einer Eintragung im Denkmalregister zu würdigen. Ob so eine Entscheidung für alle Ewigkeit trägt, ist eine andere Frage. Die Zeit der großen Kaufhäuser geht zu Ende, und an immer mehr Standorten zählt jetzt nur noch, ob so ein Komplex anders genutzt werden kann oder ob nur noch der Abriss bleibt.

Denkmalschutz kann nur funktionieren, wenn sich eine zeitgemäße Nutzung findet. In Osnabrück gibt es schon erste Ideen, was sich aus dem Gebäude von Galeria Kaufhof machen ließe. Ob sich vielleicht unter Einbeziehung der vorhandenen Bausubstanz Wohnungen, Büros oder Dienstleistungsstätten darin unterbringen lassen, wird auch davon abhängen, ob Tageslicht ins Innere eindringen kann. Eine denkmalgeschützte Kachelfassade lässt aber keine Fenster zu. Da wäre dann nichts mehr zu machen. rll@ noz.de
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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