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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Fall Calmeyer: Diskussion weitet sich zum Skandal aus
Zwischenüberschrift:
Leserbriefe
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Zum Streit über das geplante Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück.

Was die Befürworter eines Calmeyer-Hauses, trotz des mehr als 200-fachen Protestes, besonders aus den Niederlanden, in die Diskussion einbringen, weitet sich langsam zum handfesten Skandal aus. Da wird der Judenretter Calmeyer den Hitler-Attentätern gleichrangig zur Seite gestellt, weil er wie jene Mut und Risikobereitschaft bewiesen habe (wobei vergessen wird, dass sie vor allem Dietrich Bonhoeffer ihren Widerstand gegen das NS-Regime mit dem eigenen Leben bezahlten).

Auch wird von Herrn Castan die Frage gestellt, ob heute ein Strafverteidiger in ähnlicher Situation eine ebensolche Risikobereitschaft zeigen würde, wie Calmeyer sie seinerzeit bewiesen habe. Was nichts anderes als ein hypothetischer Irrealismus und noch dazu eine schäbige Anmutung ist. Und weiter: Hat Calmeyer nicht vom Staat Israel in Yad Vashem die besondere Ehrung als , Gerechter unter den Völkern′ erfahren? Wobei geflissentlich übersehen wird, dass es zahlreiche Menschen gibt, die Calmeyers damalige Tätigkeit als Angehöriger der Besatzungsmacht einbezogen seine zu hinterfragende Rolle als Retter vieler Jüdinnen und Juden im Einzelfall in keiner Weise als gedenkenswert ansehen.

Die kluge juristische Analyse des Osnabrücker Rechtsanwalts Klein zur genaueren Bestimmung des strafrechtlich relevanten Verhaltens Calmeyers hat, soweit ich sehe, bislang niemand ernsthaft infrage gestellt. Nach damals wie heute geltendem Recht wäre Calmeyer mindestens wegen vielfacher Beihilfe zum Mord schuldig zu sprechen, abgesehen von seiner Mitverantwortung für die völkerrechtswidrigen Gräueltaten des NS-Besatzungsregimes gegenüber den Niederländern insgesamt.

Denn unbestritten war Calmeyer nicht nur Mitläufer, sondern (beruflicher) Profiteur des Nazi-Regimes. Er hat mit der (freiwilligen) Übernahme der Funktion desjenigen, der über Leben und Tod von Jüdinnen und Juden zu entscheiden hatte, das NS- Okkupationsregime mitgetragen. Die Verbrechen, die seinerzeit nicht nur an Jüdinnen und Juden, sondern an den Niederländern insgesamt begangen wurden, hat er somit mitzuverantworten. Die Entwicklung wie der Erhalt des kulturellen Gedächtnisses eines Landes/ einer Stadt speisen sich aus vielen Quellen. Bei der , Causa Calmeyer′ speist sich das Erinnern besonders aus dem persönlichen Erleben und Weitererzählen derjenigen, die damals in Verbindung mit seiner Person den schlimmsten Kulturbruch der jüngeren Geschichte miterleben mussten.

Wer heute Calmeyers Verdienste mit der Namensbenennung eines Museums würdigen will, missachtet damit das Narrativ und auch das unendliche Leid all der ungezählten Holländerinnen und Holländer, die Opfer wie Zeugen des NS-Schreckensregimes waren. Und wenn weltweit Jüdinnen und Juden dafür dankbar sind, dass Calmeyer sie vor der Deportation bewahrte, so wüsste ich doch keinen, dem es gut anstünde, sein Haupt in Ehrfurcht vor ihm zu verneigen uns Deutschen schon gar nicht. Es wäre der Ausdruck maßloser Arroganz und Geschichtsvergessenheit, wenn eine , Friedensstadt′ wie Osnabrück sich dessen nicht bewusst würde.

Sollte ich nächstens Besuch von meiner niederländischen Verwandtschaft bekommen und das Calmeyer-Haus stünde schon, ich würde mich schämen ob so viel historisch schlecht begründeter Empathie für diesen Sohn der Stadt. Empfinden denn die, die besonders stolz auf die Einwerbung von Bundeszuschüssen sind, keine Scham, wenn sie trotz aller Bedenken das Projekt vorantreiben?

Es ist an der Zeit, dass der Rat der Stadt Osnabrück begreift, auf welchen politischen Abwegen er sich bereits befindet. Man kann gespannt sein, wer von den politisch Verantwortlichen nun die Initiative ergreift und die entsprechenden Anträge stellt.″

Dr. Arnulf Nüßlein
Wallenhorst

Wenn das Ziel des geplanten , Hans-Calmeyer-Hauses′ wirklich eine , kritische Auseinandersetzung′ ist, wie die Stadt behauptet, muss man sich fragen, wieso jegliche kritische Betrachtung dieser Person und ihres Wirkens dermaßen heftige Reaktionen in der Osnabrücker Politik und Öffentlichkeit auslöst.

Schon die Bezeichnung als , ambivalent′ schien vielen unangemessen. Wie sonst soll man aber jemanden nennen, der zwar Juden rettete, aber als integraler Teil der NS-Mordbürokratie unbestrittenerweise auch viele andere Juden in den Tod schickte? Und wenn die überlebenden Opfer und die Nachfahren derjenigen, die er nicht rettete, Bedenken anmelden, ist die Rede von , moralinsauren′ Anklagen, die auf , tönernen Füßen′ stünden. Ist es , moralinsauer′, wenn jüdische Opfer des deutschen Genozids dem , größten deutschen Judenretter′ (kein Bericht der NOZ kommt ohne diese Bezeichnung aus) nicht genügend Reverenz erweisen, nur weil er sie leider nicht retten konnte?

Wenn es wirklich um eine kritische Auseinandersetzung geht, sollten sich die Befürworter des Calmeyer-Hauses dringend überlegen, ob dies der angemessene Umgang mit kritischen Stimmen ist. Sonst kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eben doch lokale Heldenverklärung betrieben werden soll.″

Prof. Dr. Jannis Panagiotidis
Osnabrück
Autor:
Dr. Arnulf Nüßlein, Prof. Dr. Jannis Panagiotidis


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