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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Fall Calmeyer: Yad Vashem äußert sich
 
Calmeyer bleibt ein „Gerechter″
Zwischenüberschrift:
Israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem steht zur Ehrung des Osnabrücker Judenretters
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück War der Osnabrücker Hans Calmeyer (1903–72) wirklich der hartnäckige und besonders erfolgreiche Holocaust-Saboteur, für den ihn viele halten? Oder ist er als ehemaliger NS- Rassereferent″ in Den Haag möglicherweise doch der höchsten Auszeichnungen unwürdig, die ihm lange nach seinem Tod zuteilwurden sowohl in Israel als auch in seiner Heimatstadt? Um diese jahrzehntealte Frage ist neuer Streit entbrannt, spätestens seit Ende Mai aus den Niederlanden eine Petition an die Bundeskanzlerin gerichtet wurde mit der Absicht, ein geplantes Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück zu verhindern. Es hieß sogar, die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem werde den Fall Calmeyer erneut prüfen. Auf Anfrage unserer Redaktion hat diese dazu gestern eine Erklärung abgegeben.

Osnabrück 1992 legte Israel sich fest: Der Osnabrücker Hans Calmeyer ist ein Gerechter unter den Völkern″, weil er während des Holocausts sein Leben riskierte, um Juden zu retten. Zweifel daran wurden zwar nie so laut wie heute besonders in den Niederlanden. Umstimmen können sie Yad Vashem aber vorläufig nicht.

Gerechter unter den Völkern″: Mehr als 27 300 Menschen auf der ganzen Welt, darunter 627 Deutsche (Stand 2019), tragen nach Angaben der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem diesen offiziellen Titel. Es handelt sich um die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel und das jüdische Volk für Nichtjuden bereithalten. Und die Entscheidung darüber macht man sich in Jerusalem nicht leicht: Der Titel wird von einer Sonderkommission unter Leitung eines Richters am Obersten Gerichtshof vergeben gemäß einer Reihe von klar definierten Kriterien und Regeln. So sind letztlich nur diejenigen der Ehre würdig, die aktiv ihr Leben oder ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt haben zu dem erklärten Zweck, Juden vor Verfolgung und Ermordung zu bewahren″.

Stichhaltige Beweise

Als Yad Vashem den Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer (1903–1972) am 4. März 1992 als Gerechten″ anerkannte, war dieser schon fast 20 Jahre tot. Und sein folgenreiches Wirken als NS-Funktionär im Holocaust erst seit kurzer Zeit in Deutschland öffentlich bekannt vor allem dank der Enthüllungen des Osnabrücker Lehrers Peter Niebaum. Trotzdem hatten sich schon damals anscheinend genügend stichhaltige Beweise dafür gefunden, dass Calmeyers Rettungswerk an den Juden nicht nur groß, sondern auch persönlich gewollt sowie hinreichend riskant für ihn selbst war.

Noch heute ist im Internet bei Yad Vashem nachzulesen, wie der Jurist, der im Zweiten Weltkrieg für die Nazis als Rassereferent″ die Abstammung von Juden in den deutsch besetzten Niederlanden prüfte, rund 3000 Menschen vor der Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager bewahrte meistens, indem er gefälschte Papiere akzeptierte. Obwohl ihm dabei etwa mit SS und SD (Sicherheitsdienst) skrupellose Kräfte des Hitler-Regimes im Nacken saßen.

In einem Bericht über die posthume Auszeichnung Calmeyers durch Yad Vashem im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses zitierte unsere Redaktion am 28. Oktober 1992 den israelischen Botschafter Benjamin Navon deshalb wie folgt: Für diese wenigen Mutigen wie Hans Calmeyer können wir den Kopf etwas höher halten.″ Beim Osnabrücker Handgiftentag 1995, an dem die Stadt dem inzwischen gefeierten Judenretter ihre eigene höchste Auszeichnung die Justus-Möser-Medaille verlieh, legte der damalige Botschafter Avi Primor laut Neuer Osnabrücker Zeitung″ nach: Israel ist Calmeyer ewig dankbar. Er hat dem Unrecht widerstanden.″

Streit unter Historikern

Doch spätestens 1998 war Schluss mit der Laudatio. Der niederländische Historiker Conrad Stuldreher (Jahrgang 1926) griff bei einem Vortrag in Osnabrück, zu dem ihn ausgerechnet die Hans-Calmeyer-Initiative eingeladen hatte, die bis dato weit verbreitete These vom stillen Helden″ Calmeyer scharf an. In Wirklichkeit sei der frühere NS-Funktionär ein legalistischer deutscher Beamter gewesen, der die Nürnberger Rassegesetze ausführte und mitschuldig ist am Holocaust″, sagte Stuldreher nach Angaben der NOZ vom 2. Dezember 1998.

Verunsichert ließ die Stadt Osnabrück daraufhin vom Niederländischen Institut für Weltkriegsdokumentation (NIOD) in Amsterdam ein Gutachten erstellen. Darin bestätigte die Historikerin Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel, dass durch Calmeyers Entscheidungen zwar Menschenleben verschont worden seien. Wie viele, sei jedoch unklar. Insbesondere Calmeyers Motive ließen sich nicht herausfinden, heißt es in einem NOZ-Artikel vom 27. Januar 2001 über die öffentliche Vorstellung der 70-seitigen Studie. Wörtlich soll die Wissenschaftlerin gesagt haben: Die Schlussfolgerung, dass Calmeyer beabsichtigte zu helfen, ist verführerisch, aber findet keinen Halt in den Zahlen.″ Der Osnabrücker könne durch clevere Antragsteller und deren Anwälte schlicht getäuscht worden sein. Zudem habe er als Leiter der NS-Entscheidungsstelle in der Regel nur abgezeichnet, was andere vorbereitet hätten.

2008 legte von Frijtag Drabbe Künzel mit Het geval Calmeyer″ (Der Fall Calmeyer) dann ein Buch nach, das Calmeyers gesamtes Leben erforscht, am genauesten aber die dramatische Periode″ zwischen 1941 und 45. Bis heute gilt diese Publikation vor allem niederländischen Calmeyer-Kritikern als Kompassnadel und maßgebliche Argumentationshilfe. In Deutschland, so meinen sie, würde dem Buch hingegen zu wenig Beachtung geschenkt wohl auch mangels Übersetzung. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärte Ende Mai etwa der Utrechter Philosophieprofessor Jan van Ophuijsen, einer der Initiatoren der an Bundeskanzlerin Merkel gerichteten Petition gegen das in Osnabrück geplante Hans-Calmeyer-Haus, dass keine ausgewogene und faire Diskussion über Calmeyer möglich ist, solange die Ergebnisse in Dr. Von Frijtags Buch nicht von allen Teilnehmern der Debatte aufgenommen wurden″.

Abgenutzter Irrtum

Er selbst sei wie der Co-Initiator der Petition, der wegen seiner Enttarnung eines niederländischen Kriegsverbrechers preisgekrönte Journalist Hans Knoop, und alle unsere Unterzeichner mit der damaligen Situation hinreichend vertraut, um zu wissen, dass es Calmeyer unmöglich gewesen wäre″, sowohl alle Anträge von Juden, die sich als Arier″ ausgaben, zu bewilligen, als auch alle abzulehnen. Daraus folgt logischerweise, dass nicht jeder gestellte Antrag ipso facto als gerettetes Leben gelten kann.″ Womit auch jener abgenutzte Irrtum widerlegt″ sei, der stets wiederholt werde, seit NIOD-Gründungsdirektor Loe de Jong (1914– 2005) in seinem 14-bändigen Standardwerk Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog″ (Das Königreich der Niederlande im Zweiten Weltkrieg) eine Geretteten-Quote von 65 Prozent zugunsten Calmeyers ermittelt habe. Zum Hintergrund: De Jong gehörte zu denen, die Calmeyers Ehrung durch Yad Vashem einst maßgeblich vorantrieben. Von ihm stammt die 1975 getroffene Feststellung, dass der Osnabrücker manche nur habe retten können, indem er andere preisgab″. Und dass Calmeyers Scham über Letzteres größer war als seine Genugtuung über Ersteres″.

Die Petenten von heute (zu denen übrigens auch Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel zählt) halten dagegen: Nichts von dem, was es an bürokratischen Tricks gab, um in der NS-Entscheidungsstelle Juden vor der Deportation zu bewahren, kann eindeutig Hans Calmeyer gutgeschrieben werden″, erklären Knoop und van Ophuijsen. Darüber hinaus sei es bestenfalls umstritten, inwieweit Calmeyer überhaupt ein ernstes persönliches Risiko eingegangen ist″. Wer meine, Calmeyer habe unter höchster Gefahr für sich selbst gehandelt, stütze sich möglicherweise auf die Fantasie und den Sinn für Drama des verstorbenen Herrn Peter Niebaum″.

Kein neuer Gegenbeweis

Angesichts des wachsenden Protests, der sich auch am unlängst publizierten Schicksal der Amsterdamer Auschwitz-Überlebenden Femma Fleijsman-Swaalep festmachen lässt, will sich Yad Vashem den Fall Calmeyer nun angeblich noch einmal vornehmen. Behauptet unter anderem die Petition. Die Holocaust-Gedenkstätte selbst sieht dazu jedoch keine Veranlassung. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte sie am Donnerstag mit: Bis heute wurden keine weiteren Beweise vorgebracht, die es erfordern, dass Yad Vashem diesen Fall erneut prüfen muss.″

Darüber hinaus sei es äußerst selten, dass die Kommission eine Auszeichnung zurückzieht″, betonte eine Sprecherin. Sollten jedoch wesentliche neue Beweise ans Licht gebracht werden, die darauf hinweisen, dass der Retter die Richtlinien des Programms nicht erfüllt hat, wird die Kommission entscheiden, ob die Einzelheiten des Falls erneut geprüft werden sollen und ob die neuen Beweise einen Widerruf rechtfertigen.″

Bildtext:
Posthum wurde dem Osnabrücker Hans Calmeyer 1992 von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem der Titel Gerechter unter den Völkern″ verliehen. Und trotz lauter Proteste aus den Niederlanden sieht Yad Vashem bis heute keinen Grund, daran zu rütteln.
Foto:
dpa
Autor:
Sebastian Stricker


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