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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Klimadebatte bleibt prägend
 
„Plädiere für verbale Abrüstung″
Zwischenüberschrift:
Sparkassenvorstand Johannes Hartig und Stadtwerke-Chef Christoph Hüls über Corona und Nachhaltigkeit
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Auch wenn die Corona-Krise das Thema Nachhaltigkeit in den Hintergrund gedrängt hat, bleibt es auf der Agenda von Verbrauchern und Unternehmen, sind sich Sparkassenvorstand Johannes Hartig und Stadtwerke-Chef Christoph Hüls sicher.

Osnabrück Vor der Corona-Krise waren es die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel, die im Fokus der Öffentlichkeit standen. Auch jetzt bleiben sie wichtig, sagen Sparkassenvorstand Johannes Hartig und Stadtwerke-Chef Christoph Hüls. Ein Gespräch über Veränderungen im Alltag, Verhalten der Kunden, die Erpressbarkeit von Unternehmen und die Zukunft der Klimadebatte.

Green Deal, Klimaziele, Schülerproteste die Corona-Krise hat diese Themen aus Sicht der Öffentlichkeit in den Hintergrund rücken lassen. Auch bei Ihnen in den Unternehmen?
Hartig: Natürlich haben wir seit dem Februar Maßnahmen getroffen, um unsere Prozesse coronafest zu machen, unseren systemrelevanten Aufgaben nachzukommen und unsere Kunden weiter betreuen zu können. Aber das Thema Nachhaltigkeit stand bei uns immer auch auf der Agenda. Ein Beispiel: Ende April hatten wir einen wichtigen internen Termin zum Thema Nachhaltigkeit. Und der einzige Unterschied war, dass dieser nicht als Präsenz-Meeting stattfand, sondern als virtuelle Konferenz. Unsere Maßnahmen zum Thema Nachhaltigkeit werden weiter umgesetzt.

Hüls: Natürlich hat die Corona-Krise auch bei uns kurzzeitig die Prioritäten verschoben. Wir sind Betreiber der kritischen Infrastrukturen Strom, Gas, Wasser, Abwasser in Osnabrück und haben dafür gesorgt, dass es zu keinerlei Engpässen oder Störungen gekommen ist. Nun gilt es auch für uns, die Herausforderungen, die sich aus der Pandemie ergeben, in unseren unternehmerischen Alltag, in unser Denken zu integrieren. Und in unserer weiteren strategischen Ausrichtung nimmt das Thema Nachhaltigkeit weiterhin eine zentrale Rolle ein.

Insbesondere seit Fridays for Future steht Nachhaltigkeit im Fokus. Welche zwei Dinge haben Sie verändert?
Hüls: Ich fühle mich da nicht getrieben und halte auch nichts davon, das Thema Nachhaltigkeit wie eine Monstranz vor sich herzutragen und Verzicht zu predigen. Nachhaltigkeit soll erlebbar sein und dabei Freude bereiten. Zum einen habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen, viel zu Fuß zu gehen. Zum anderen fahre ich jetzt zu 100 Prozent elektrisch.

Hartig: Für mich ist tatsächlich das Thema Plastikvermeidung stärker in den Vordergrund gerückt. Das wollen wir weitestgehend vermeiden. Es sind jedoch ganz viele kleine Bausteine, die letztlich den Unterschied machen. Privat habe ich auch in Nachhaltigkeitsfonds investiert. Das ist bei mir die Verbindung zwischen Beruflichem und Privatem.

Eine Kritik, die sich auch Fridays for Future immer wieder gefallen lassen muss: Die Bewegung sei monothematisch unterwegs, habe das große Ganze nicht im Blick insbesondere die ökonomischen Folgen. Sehen Sie das auch so?
Hartig: Natürlich hat das Thema Nachhaltigkeit viele Facetten, vom Umweltschutz über Soziales, Unternehmensführung und auch die langfristige Wirtschaftlichkeit. Diese Punkte stehen in einem gewissen Spannungsfeld zueinander, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Jedes Unternehmen für sich, aber auch die Politik muss letztlich für sich einen Weg zwischen diesen Polen finden. Ich halte es dennoch für legitim, dass sich eine Bewegung wie Fridays for Future einen Aspekt herauspickt.

Hüls: Das kann ich nur unterstützen. Natürlich gibt es Zielkonflikte auch mit Blick auf Natur-, Umwelt- und Artenschutz. Wichtig ist hier jedoch, nicht auf eine allumfassende Weltformel zu warten, bevor man einen Schritt tut. Es braucht das Bewusstsein, dass jeder Schritt erst einmal ein Anfang ist, und die weiteren Lösungsketten sich mit der Zeit hinzufügen.

Ein Blick auf Osnabrück: Wie nachhaltig ist die Stadt?
Hüls: Na ja, wir haben gerade erst einen Nachhaltigkeitspreis gewonnen, das kommt nicht von ungefähr. Wir haben einen hohen Standard und da haben die Stadtwerke einen wesentlichen Beitrag geleistet. Osnabrück muss sich nicht verstecken, ganz im Gegenteil. Wir haben an vielen Stellen eine Vorreiterrolle.

Zum Beispiel?
Hüls: Zum Beispiel bei der Elektrifizierung der Busse. Hier haben wir im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Riecher gehabt. Die Entscheidung dafür ist gut zehn Jahre alt, da war das Thema Stickoxidbelastungnoch gar nicht präsent. Von der damaligen Entscheidung profitieren wir jedoch heute. Ebenso von unserem frühen Engagement für erneuerbare Energien. Da gibt es noch viele Beispiele.

Wenn man sich die verstopften Straßen anschaut, ginge beim Thema Mobilitätskonzept aber noch deutlich mehr.
Hüls: Klar, mehr geht immer. Man darf aber auch nicht überfordern. Wir haben nichts davon, wenn wir mutige Entscheidungen treffen, dabei aber die Hälfte der Menschen verlieren. Es braucht eine stetige, schrittweise Veränderung. Selbstverständlich ist es wichtig, dass der ÖPNV attraktiv ist - damit die Leute ihn freiwillig häufiger nutzen. Ich sehe uns mit unserem Mobilitätskonzept auf einem guten Weg.

Hartig: Osnabrück ist auf einem guten Weg ebenso wie Unternehmen. Wir müssen uns aber eingestehen: Es ist eben nur der Weg, wir sind noch nirgendwo angekommen. Auch wir als Sparkasse können uns nur Schritt für Schritt verändern. Die Menschen mitzunehmen gilt für Politik wie Unternehmen. Es ist ein schwieriger Weg, denn er bedeutet Veränderungen.

Wie ist das beim Kunden oftmals gehen Wunsch und Wirklichkeit auseinander, wie beim Ökostrom. Wie viele Osnabrücker entscheiden sich für das Modell?
Hüls: Es sind am Ende keine vier Prozent dabei würde es, finanziell gesehen, bei einem Haushalt nicht einmal 15 Euro pro Jahr an Mehrkosten verursachen. Und diejenigen, die sich von den wenigen dann auch noch für den ambitionierteren Klimacent-Ökostromtarif entscheiden, sind davon vielleicht noch einmal nur fünf Prozent. Damit kämen pro Jahr und Haushalt Kosten in Höhe etwa 3 Euro im Monat hinzu.

Darum geht es aber auch gar nicht. Ich spreche denen, die das nicht machen, das nachhaltige Handeln nicht ab man muss nicht immer das Haar in der Suppe suchen. Wir wollen als Unternehmen dazu kommen, ausschließlich ökologisch nachhaltige Angebote zu machen. Dahin müssen wir uns weiterentwickeln.

Könnten Sie Stand heute die Osnabrücker Privathaushalte rein rechnerisch komplett mit Ökostrom aus eigenen Erzeugungsanlagen versorgen?
Hüls: Nein, das könnten wir noch nicht. Bereits 2011 hatten wir dieses Ziel ausgerufen, es aber leider aus mehreren Gründen verfehlt. Viele Punkte waren und sind von uns nicht beeinflussbar; wir haben aber zum Beispiel auch nicht rechtzeitig und konsequent genug die Strategie angepasst und in Projekte außerhalb der Region investiert. Das wurde jetzt geändert und neu ausgerichtet. Es soll daher zeitnah so weit sein, dass wir alle Privatkunden mit Ökostrom versorgen können.

Wie ist das bei der Sparkasse? Auch Ihre Kunden haben Ansprüche in Sachen Nachhaltigkeit.
Hartig: Wir beobachten Ähnliches wie die Stadtwerke. Das Interesse der Kunden an nachhaltigen Investitionen ist da, tatsächlich umgesetzt worden ist bislang wenig. Da ist man vorsichtig. Manche nähern sich auch in kleinen Schritten. Aber: Geldanlage bleibt Geldanlage, sodass der Großteil der Kunden vor allem auf die Rendite schaut. Bis vor der Corona-Krise haben zum Beispiel Nachhaltigkeitsfonds aber auch gut performt das hilft.

Schlagzeilen haben gezeigt, wie schnell Unternehmen beim Thema Klimaschutz erpressbar werden.
Hüls: Das Thema Kohleengagement fällt mir da mit Blick auf uns spontan ein. Damit werden Sie noch viel Freude haben″, hat die Kanzlerin damals bei der Eröffnung des hocheffizienten Kraftwerks Lünen gesagt. Zu dem Zeitpunkt war es politisch gewollt, eine Übergangstechnologie zu installieren das haben wir gemacht. Im Nachhinein war es keine gute Entscheidung das halten uns Kunden vor, und das müssen und können wir aushalten. Insofern sind wir da auch betroffen.

Ist eine solche Kritik heute noch gerechtfertigt?
Hüls: Jede ernst gemeinte Kritik ist gerechtfertigt, und man muss sich mit ihr auseinandersetzen. Das kann man nicht wegwischen vor allem, wenn es den Anspruch einer Generation gibt, nicht auf ihre Kosten zu leben. Auch für sie müssen wir Antworten bieten. Dass man nicht immer das 100-Prozent-Ziel erreicht, geschenkt. Aber dass man sich bemüht, das wollen die Leute sehen.

Hartig: Kritik ist wichtig dennoch: Ich plädiere für eine verbale Abrüstung. Es kann keinen totalitären Anspruch geben zur Nachhaltigkeit gehören viele Themen, die auch in einem Spannungsverhältnis stehen. Veränderungen brauchen ihre Zeit, und am Ende wird es immer einen Punkt geben, der nicht 100 Prozent passt. Nobody is perfect.

Von der Politik würde ich mir jedoch nachhaltigere Entscheidungen wünschen, denn was sie von Unternehmen verlangt, ist eine nachhaltige Veränderung der Ausrichtung. Sich darauf einzustellen ist aber schwierig, wenn sich immer wieder kurzfristig die Rahmenbedingungen ändern.

Viele haben Bedenken geäußert, dass aufgrund der Corona-Krise das Geld für Klimaschutz und Nachhaltigkeit fehlt. Teilen Sie die Bedenken?
Hartig: Das hoffe ich nicht, dass das passiert. Insgesamt ist es aber jetzt wichtig, die Wirtschaft breit zu unterstützen. Und das hat an sich schon ganz viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Unsere Sparkasse hat sich als Hausbank eines großen Teils unseres heimischen Mittelstands gerade um die Bereitstellung der Corona-Hilfen der KfW gekümmert. Von den drei großen ESG″-Themen sehe ich in der aktuellen Situation das größte Vernachlässigungspotenzial bei den ökologischen Themen, da diese erst mal kompliziert, teuer und langfristig sind. Hier ist die Politik gefragt, die richtigen Anreize zu setzen. Das Ziel muss es sein, die Schnittmenge von ökologisch und wirtschaftlich sinnvollen Maßnahmen zu fördern.

Hüls: Natürlich werden auch wir die Auswirkungen der Corona-Pandemie finanziell spüren. Nachhaltiges Wirtschaften lässt sich aber nicht nur auf den finanziellen Aspekt reduzieren. Es geht vielmehr um eine Haltung, eine gemeinsame Ausrichtung. Nur dann hat nachhaltiges Unternehmertun auch Erfolg.
Autor:
Nina Kallmeier


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