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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Fall Calmeyer: Stadt reagiert auf Petition
 
Streit mit Niederländern eskaliert
Zwischenüberschrift:
Petition gegen Calmeyer-Haus
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Eine niederländische Petition an die Adresse von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem Streit über das geplante Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück neue Nahrung gegeben. Die Unterzeichner wollen verhindern, dass das Museum nach einem Mann benannt wird, der sich im Zweiten Weltkrieg aktiv an der Vernichtung von mindestens 104 000 in den Niederlanden ansässigen Juden″ beteiligt habe. Man könne Calmeyer schwerlich ohne Vorbehalt als Helden bezeichnen″, auch wenn er als NS-Rassereferent in einigen Tausend Fällen eine Verfolgung und Deportation unterbunden habe.

Die Stadt Osnabrück wehrt sich indes gegen die Unterstellung, sie beabsichtige, Calmeyer als Held zu bezeichnen und darzustellen. Das Gegenteil sei bei dem Museumsprojekt der Fall.

Osnabrück Ein Buch und ein Film über eine Amsterdamer Auschwitz-Überlebende, dazu eine niederländische Petition an die Bundeskanzlerin: Der Streit über das geplante Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück ist wieder voll entbrannt. Jetzt reagiert die Stadt auf Vorwürfe aus den Niederlanden. Fragen und Antworten.

Warum gilt Hans Calmeyer vielen als größter deutscher Judenretter im Zweiten Weltkrieg″? Der Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer (1903–72) entschied im Zweiten Weltkrieg als NS-Rassereferent in den besetzten Niederlanden darüber, ob bestimmte Juden nicht doch arisch″ und damit von der Verfolgung durch die Nazis auszunehmen waren. Mit bürokratischen Tricks und unter höchster Gefahr für sich selbst sorgte der Jurist in mindestens zwei Dritteln aller Zweifelsfälle dafür, dass die Betroffenen einer Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager entkamen. Forscher gehen von mehreren Tausend Menschen aus, die Calmeyer so gerettet habe.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zeichnete den Osnabrücker deshalb 1992 posthum als Gerechten unter den Völkern″ aus, und nicht wenige Wissenschaftler nennen ihn gar den größten deutschen Judenretter im Zweiten Weltkrieg″. Zur Wahrheit gehört aber auch: In mindestens jedem vierten Fall, der damals über Calmeyers Schreibtisch ging, verhinderte der NS-Verwaltungsbeamte die Judenverfolgung und - vernichtung nachweislich nicht.

Welches Problem hätten die Niederländer mit einem Calmeyer-Museum in Osnabrück? Die Stadt Osnabrück will mit der Villa Schlikker die frühere NSDAP-Zentrale zu einem Museum umbauen, das sich kritisch mit Hans Calmeyer auseinandersetzt. So hat es der Rat 2017 entschieden. Der Bund unterstützt die dafür notwendige Sanierung des über 120 Jahre alten Gebäudes mit 1, 7 Millionen Euro. Das Haus soll laut Ratsbeschluss künftig Calmeyers Namen tragen was insbesondere für viele Niederländer aber nicht infrage kommt. Sie halten eine solche Bezeichnung für unangebracht″, wie sie in einer Ende Mai gestarteten Petition an die Bundeskanzlerin schreiben. Wörtlich heißt es: Ein von der Bundesregierung gefördertes Museum, das den Namen Hans Calmeyer trüge, würde unseres Erachtens ein falsches Signal setzen, denn es würde die Systematik der Judenvernichtung außer Acht lassen.″

Zu den bislang über 250 Unterzeichnern der Petition gehören Persönlichkeiten wie der niederländische Ex-Premierminister Jan Peter Balkenende, aber auch die Amsterdamer Auschwitz-Überlebende Femma Flijsman-Swaalep (92 Jahre). Ihr Schicksal, über das kürzlich in den Niederlanden ein Buch und ein Film erschienen sind, dient den Kritikern als Beleg für Calmeyers angebliche böse Seite.

Was sagt die Stadt Osnabrück zu der Kritik aus den Niederlanden? Die Verwaltung verweist in einer Stellungnahme auf den einstimmigen Ratsbeschluss vom 5. Dezember 2017, wonach unter anderem eine Umbenennung der Villa Schlikker in Hans-Calmeyer-Haus erfolgt″. Zur Namensgebung werde der von der Stadt eingesetzte wissenschaftliche Beirat noch eine Empfehlung aussprechen. Ziel sei es, Calmeyers Wirken auf angemessene Weise darzustellen und in einen größeren Bezugsrahmen zu stellen″. Die Unterzeichner der Petition würden völlig zu Recht mahnen, dass Calmeyer schwerlich ohne Vorbehalte als Held″ bezeichnet werden könne. Aber das tue die Stadt ja gerade nicht. Dem Osnabrücker Projekt zu unterstellen, Calmeyer solle als , Held′ bezeichnet und dargestellt werden, ist falsch″, sagt Kulturdezernent Wolfgang Beckermann laut Mitteilung. Stattdessen wolle es Einsichten in das Wirken Calmeyers vermitteln, der in einer moralisch aussichtslosen Situation Verantwortung übernommen und Leben gerettet hat″.

Über die in der Petition aufgeworfene kontroverse Frage, ob Calmeyer vor allem Judenretter oder Judenverfolger″ gewesen sei, könne es nach Ansicht der Verwaltung keinen Konsens geben″ was das künftige Museum zu einer Darstellung nötige, die frei von allen einseitigen Klischees sein müsse. Dem Projekt liege deswegen ein eigentlich unmöglicher Maßstab zu Grunde″, wie Stadtsprecher Sven Jürgensen erklärt. Es muss bestehen können vor denjenigen, die Calmeyer nicht gerettet hat, auch vor Femma Flijsman-Swaalep, die die Deportation nach Auschwitz durch glückliche Umstände überlebt hat.″

Stimmt es, dass Calmeyer der Titel Gerechter unter den Völkern″ wieder aberkannt werden könnte? In der niederländischen Petition gegen ein sogenanntes Hans-Calmeyer-Haus in Osnabrück wird behauptet, die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem habe kürzlich erklärt, ihr 1992 getroffenes Urteil über den Osnabrücker NS-Funktionär und Judenretter zu prüfen. Wir halten diese Überprüfung für angemessen und unterstützen sie″, schreiben die Verfasser. Ob Yad Vashem sich den Fall Calmeyer nach 28 Jahren tatsächlich noch einmal vornimmt und welche möglichen Folgen das haben könnte, ist offen. Eine entsprechende Anfrage unserer Redaktion an die Holocaust-Gedenkstätte blieb bislang unbeantwortet.

Bildtexte:
Umstritten: der Osnabrücker NS-Funktionär und Judenretter Hans Calmeyer.
Die Villa Schlikker, einst NSDAP-Parteizentrale in Osnabrück, soll zu einem Ausstellungshaus umgebaut werden, das sich dem Osnabrücker NS-Funktionär und Judenretter Hans Calmeyer widmet. Über den Namen für das geplante Museum gibt es Streit.
Fotos:
dpa, Gert Westdörp
Autor:
Sebastian Stricker


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