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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Apathisch und tiefstehend″ – ein Todesurteil
Zwischenüberschrift:
Sechsjähriger Junge Klaus Lienemann aus Schinkel wurde Opfer der Nationalsozialisten
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Klaus Lienemann wurde nur sechs Jahre alt. Er starb in der Landesheil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Als offizielle Todesursache steht die Darmkrankheit Colitis ulcerosa in die Akten. Doch in Wahrheit hatten die Ärzte das Ende von Klaus′ Leben beschlossen. Wie die Recherchen für die Stolpersteinverlegung ergaben, ist der kleine Junge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit″ ein Opfer der sogenannten Kinder-Aktion″ der Nationalsozialisten geworden. Er starb im Juni 1944.

Die Ärzte hatten ihn als vollkommen apathisch″ und tiefstehenden Jungen″ eingestuft. Der Historiker Dr. Raimond Reiter fand im Zuge seiner Forschungen heraus, dass solche Formulierungen in der sogenannten Kinderfachabteilung der Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt nichts anderes waren als verklausulierte Todesurteile.
Es war die Zeit des Rassenwahns. Die Nationalsozialisten unterschieden zwischen wertem″ und unwertem″ Leben. Als unwertes Leben″ galten unter anderen Menschen, die psychisch krank oder geistig behindert waren. Sie waren der Willkür der Machthaber hilflos ausgeliefert.
Das Regime hatte Ärzten für die Kinder-Aktion″ mit einer Behandlungsermächtigung″ freie Hand gelassen. Sie durften zwischen Leben und Tod entscheiden anders als bei Anstaltspatienten, für die Adolf Hitler seiner Verwaltung eine grundsätzliche Tötungsermächtigung″ ausgestellt hatte.
Während des Zweiten Weltkrieges mussten wahrscheinlich mehr als 5000 Kinder in deutschen Heil- und Pflegeanstalten sterben, allein in Lüneburg etwa 350.Ärzte töteten mit Morphium oder Luminal, dem Vorenthalten von lebenswichtigen Medikamenten oder dem Entzug von Nahrung.
Von Klaus Lienemann ist nur wenig überliefert, kaum mehr, als dass sein Vater August hieß und Schlosser war. Die Familie lebte an der Franzstraße 4. Als der Stolperstein für den Jungen verlegt wurde, versammelten sich dort Schüler der Klassen 10G3 und 10R1 der Gesamtschule Schinkel, denn sie hatten die Patenschaft für die Gedenkplatte übernommen.
Die Schüler hatten einen Brief an Klaus Lienemann geschrieben, den Rojda Avincsal vorlas. Heute leben im Stadtteil Schinkel, Deine malten Zuhause, viele verschiedene Nationalitäten friedlich miteinander. Es wird auch behinderten Menschen mi tviel mehr Hilfsbereitschaft und Achtung begegnet.″ Die Schüler erzählten dem ermordeten Jungen von der Eisdiele, die sich ganz in der Nähe seines Elternhauses befindet und in der Du sicherlich gerne mal ein Eis genossen hättest″. Sie berichteten auch vom Ostbunker, einem Zeichen des Krieges, aus dem ein Jugendzentrum geworden ist. Der letzte Satz des Briefes: Wir werden von nun an jeden Tag auf dem Weg zur Schule an Dich denken, und wir versprechen Dir, dass wir alles dafür tun werden, dass so etwas Grausames nie wieder auf dieser Welt passiert.″

Bildtext:
Bewegende Zeremonie vor dem Haus Franzstraße 4: Klaus Lienemann lebte hier nur wenige Jahre. Nationalsozialisten trennten ihn von seinen Eltern und ermordeten ihn 1944 im Alter von sechs Jahren.
Fotos:
Jörn Martens

Stolpersteine
Die in den Gehwegen verlegten Stolpersteine aus Messing erinnern an Opfer des Nationalsozialismus jeweils vor den letzten freiwilligen Wohn- oder Wirkungsstätten der Juden, Sinti, Deserteure oder Menschen, die aus politischen und religiösen Gründen, wegen ihrer sexuellen Orientierung, einer psychischen Erkrankung oder einer Behinderung verfolgt und ermordet wurden. Der Kölner Künstler Gunter Demnig ist Initiator des Projekts, dem sich bisher etwa 600 Kommunen angeschlossen haben: außer in Deutschland auch in Österreich, Ungarn, Italien, Tschechien, Polen, Belgien, Norwegen, den Niederlanden und der Ukraine. Den Stolperstein für Klaus Lienemann verlegten André Beste, Benjamin Cotie, René Oechel, Rico Reinhold und Carsten Ziegert, die die Berufsfachschule Bautechnik des Berufsschulzentrums am Westerberg besuchen. Die Paten für den Gedenkstein sind die Klassen 10G3 und 10R1 der Gesamtschule Schinkel. Das Büro für Friedenskultur nimmt für weitere Gedenktafeln gern Hinweise entgegen. Die Telefonnummer lautet 05 41/ 323-22 87.
Autor:
Jann Weber


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