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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Der Neumarkt und seine alte Platzkante
Zwischenüberschrift:
Warum der „Zauberwürfel″ in Osnabrück an alte Zeiten anknüpft
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Der sich im Bau befindliche Zauberwürfel″ als westlicher Abschluss des Neumarkts wird in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich bewertet. Einige sehen darin eine unnötige Einschnürung der Ost-West-Verkehrsverbindung. Die Befürworter eines autofreien Neumarkts hingegen sagen: Damit ist ein wichtiger Schritt getan, die gefühlte Barriere des Neuen Grabens und das Abgehängtsein der Johannisstraße zu überwinden. Ein Vergleich mit alten Stadtplänen zeigt: Die Bebauung dieser Parzelle hat eine lange Tradition.

Premiere hatte die Wortschöpfung Zauberwürfel″ in einem Bericht unserer Redaktion. Mittlerweile wird der Baukörper mit der Adresse Neumarkt 7a aber auch durch den Bauherrn, den Investor Theodor Bergmann, so bezeichnet, wie entsprechende Schilder am Bauzaun verraten. Der Kosename für das Gebäude geht auf das 1974 von dem ungarischen Architekten Erno Rubik erfundene Drehpuzzle zurück, das sich Anfang der 1980er-Jahre großer Beliebtheit erfreute. Die offizielle Bezeichnung des Areals südlich des Neumarkt-Carrées (mit H& M) lautet derweil im schönsten Bürokraten-Deutsch Baulos 2″.

Die unteren drei der künftigen acht Geschosse des Zauberwürfels″ sollen an Einzelhändler vermietet werden. Darüber wird die Hamburger Hotelgruppe Centro unter der Marke Boutique-Hotel″ ein Drei-Sterne-Haus mit 80 Zimmern eröffnen.

Nicht nur die Anhänger einer weiterbestehenden Ost-West-Straßenverbindung über den Neumarkt sehen den Zauberwürfel″ kritisch, sondern auch die Vertreter der Stadtbahn-Initiative, die finden, dass der Platz voreilig zur Bebauung freigegeben wurde noch bevor die Möglichkeit eines innerstädtischen Schienenverkehrs, der an dieser Stelle einen zentralen Haltepunkt hätte erhalten können, wenigstens einmal geprüft wurde.

Hinterfragt wird von vielen Bürgern außerdem der Sinn eines weiteren Hotels im Zentrum, wo doch der umtriebige Investor Bergmann, dessen Aktivitäten in der Stadt teilweise auch kritisch gesehen werden, nur wenige Meter weiter anstelle der alten Sportarena″ ein Ninety-Nine″-Hotel mit 131 Zimmern bauen will und außerdem in der Johannisstraße am alten Sinn-Leffers-Standort weitere neue Betten-Kapazitäten entstehen.

Kritik gibt es außerdem an der Tatsache, dass für den Zauberwürfel″ einige Bäume gefällt wurden, dass seine Architektur in den Augen manchen Betrachters kalt und abstoßend″ herüberkommt und dass die Chance vertan wurde, eine zentrale Freifläche mit Aufenthaltsqualität zum Flanieren, Plauschen und Kaffeetrinken zu schaffen. Andererseits wird Zustimmung dafür geäußert, dass am Neumarkt überhaupt etwas passiert″ und dass die Stadt mit dem Verkaufserlös des Grundstücks einen großen Teil der geplanten und immer wieder aufgeschobenen Umgestaltung von Osnabrücks zentralem Platz finanzieren kann.

Ein Lokalhistoriker könnte grundsätzlicher Kritik einer Bebauung an dieser Stelle entgegenhalten, dass der Zauberwürfel″ künftig die westliche Kante des Neumarkts bildet und damit die historische Dimension des Platzes wiederherstellt. Der Neumarkt ist da zu Ende″, sagt auch Jürgen Uffmann vom Fachdienst Geodaten der Stadt. Die Freifläche westlich des Nord-Süd-Straßenzuges Große Straße/ Johannisstraße bis zum VGH-Hochhaus ist erst nach der Trümmerberäumung des Krieges entstanden. Sie wurde zunächst als Parkplatz und nach 1974 als Busbahnhof genutzt.

Dass dieser westliche Bereich heute offiziell die Straßenbezeichnung Neumarkt trägt, ist eigentlich unhistorisch. Wenn man einen Stadtplan von 1935 über den heutigen legt, erkennt man, dass der ganze Bereich zwischen Neuem Graben, damals Straße der SA″, und Grünem Brink Haus an Haus bebaut war.

Die Platzrandbebauung trug früher die Hausnummern Neuer Graben 1 (Zigarrenfabrik C. R. Schlüter und Konditorei Wilhelm Menke), Johannisstraße 62 (Drogerie Ludwig Smits/ Photo-Zentrale Lichtenberg & Smits) und 61 (Kaiser′s Kaffeegeschäft). Bis 1937 begann erst nördlich der Einmündung des Grünen Brinks die Zugehörigkeit zur Großen Straße. Die Kooperation zwischen dem Drogisten Smits und dem Fotografen Rudolf Lichtenberg geht auf das Jahr 1914 zurück, als sie am Neumarkt das Fachgeschäft für Fotoamateure eröffneten.

Die Bezeichnung Neumarkt (zur Unterscheidung von dem älteren Markt vor dem Rathaus) erhielt der Platz, nachdem dort ab 1866 der Wochenmarkt stattfand. In den folgenden Jahrzehnten veränderte der Neumarkt infolge etlicher Baumaßnahmen zwar ständig sein Gesicht, seine Ausdehnung blieb aber unverändert. Insbesondere nach der Inbetriebnahme der Straßenbahn 1906 entwickelte sich der Platz zum Zentrum des städtischen Verkehrsgeschehens, was nicht ohne Folgen blieb. So musste der Wochenmarkt 1913 zum Ledenhof verlegt werden. Auch das Kriegerdenkmal mit der Germania musste weichen, 1928 fand es eine neue Heimat auf dem Straßburger Platz. Ab 1936 regelte schließlich die erste Verkehrsampel Osnabrücks den Verkehr, eine Drehzeigerampel des Systems Heuer.

Der schmale Durchlass zum Neuen Graben zwischen dem Hotel Bavaria und Schlüters Zigarrengeschäft war ein ungeliebtes Nadelöhr, durch das kaum mehr als ein Straßenbahnwagen passte. Von daher ist es nachvollziehbar, dass Osnabrücks Verkehrslenker nach dem Krieg bei rasant steigenden Automobil-Zulassungszahlen Tabula rasa machten, um die Ost-West-Achse massenverkehrstauglich ausbauen zu können. Der damalige Zeitgeist forderte die autogerechte Stadt″ ganz anders als der heutige Zeitgeist, der sich eher das Gegenteil wünscht. Ein Rückbau der überbreiten Verkehrsschneise durch den Zauberwürfel″ ist somit mehrheitsfähig geworden.

Bildtexte:
Nur ein schmaler Durchlass zwischen dem Hotel Bavaria (links) und Schlüters Zigarrenladen (rechts) stellte die Verbindung vom Neumarkt zum Neuen Graben dar. 1928 wurde das Kriegerdenkmal (links vor dem Justizgebäude) zum Straßburger Platz umgesiedelt. Fotograf Rudolf Lichtenberg muss diese Szene kurz vorher festgehalten haben.
In gleicher Perspektive stellt sich der im Bau befindliche Zauberwürfel″ in dieser Weise dar. Nach neuestem Stand soll er noch ein Stockwerk mehr erhalten.
Die westliche Randbebauung des Neumarkts um 1930 mit Schlüters Zigarrenladen (links) und Drogerie Smits.
Genau dort, wo diese Mitbürger in den 1960er-Jahren ein Päuschen einlegten, wird derzeit der Zauberwürfel″ errichtet.
Die Unternehmerfamilie Bergmann ist schon sehr lange am Neumarkt aktiv. Aus dem Bekleidungshaus Bergmann, hier in den späten 1960er-Jahren, wurde das Neumarkt-Carrée mit H& M.
Der Bombenkrieg hatte die westliche Randbebauung als Ruinen hinterlassen. Auf diesem Foto von 1947 ist das Eckhaus zum Neuen Graben (links) bereits abgerissen, die anderen beiden Häuser folgten 1952.
Fotos:
Archiv Museum Industriekultur/ Rudolf Lichtenberg, Wilhelm von Tongern, Archiv Kornau/ Heinz Schubert, Archiv Museum Industriekultur
Grafik:
Centro Hotel Group.
Autor:
Joachim Dierks


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