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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Auch einen Brief von Friedrich dem Großen entziffert
Zwischenüberschrift:
Wie ein 91-jähriger Osnabrücker die längst vergessene Schrift Sütterlin lesbar macht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Sütterlin ist der Name einer Schrift, die heutzutage fast vergessen und für viele unlesbar ist. Nicht so für Max Brink. Der 91-Jährige Osnabrücker ist Fachmann auf diesem Gebiet und hat vor Kurzem sogar einen Brief von Friedrich dem Großen lesbar gemacht.

Was hat der Kapitän in seinem Brief an die Liebste geschrieben, bevor er nach Amerika aufbrach? Das abgegriffene, vergilbte DIN-A4-Blatt mit der blassen Tinte würde es verraten wenn man das Schriftbild entziffern könnte.

Können Sie die Schrift lesen? Max Brink wirkt fast schon belustigt, als er eine Briefkopie auf den Tisch legt und sich gespannt in seinen Stuhl zurücklehnt. Auf dem Blatt tummeln sich Hunderte fein säuberlich geschriebene Wörter mit Zwischenabständen, die so gleichmäßig sind, als wären sie exakt ausgemessen. Klarer Tintenfederzug führt in einem Neigungswinkel von gut 60 Grad über eine imaginäre Schreibmittellinie mal steil nach oben, dann wiederrum fällt er senkrecht nach unten, bildet schwungvolle Kurven, bauchige Zeichen. Hier und da ein vertikaler Looping, manchmal ein gerader oder geschwungener Strich über vereinzelten Buchstaben. Das, was nach Geheimschrift aussieht, ist Sütterlin. Und nein, wer diese im 19. und 20. Jahrhundert gebräuchliche Schrift nicht gelernt hat, wird sie nicht fließend beherrschen.

Feldpost und Tagebücher

Max Brink, ein freundlicher und agiler Mann von 91 Jahren, geht zu seinem Holzschreibtisch, greift nach einem dicken Ordner, heftet verschiedene Briefkopien aus. Es handelt sich dabei um Feldpost, Unterlagen von Gerichten oder Anwälten, in denen es um Hofrecht, Vereinbarungen oder Grundstücksgrenzen geht, verblasste Tagebucheinträge, alte Kirchenbuchseiten von Standesämtern oder eben Briefe wie beispielsweise den des Kapitäns, der am 2. Juli 1939 von Antwerpen aus in See stach genau zwei Monate bevor der 2. Weltkrieg ausbrach. Ob er je wieder zu seiner Liebsten zurückgekehrt war, erfährt auch Brink aus dem Brief nicht. Doch den teilweise rührenden Text transkribierte er akribisch für die Nachfahren der Familie.

Bis zum heutigen Tag bekommt Max Brink Schreiben aus aller Welt. Bei seinen Übersetzungen legt er größten Wert darauf, kein Wort auslassen zu müssen. Die Menschen, die die Schrift nicht lesen können, müssen sich zu 100 Prozent darauf verlassen können, dass das korrekt übersetzt ist und nicht Fantasiewörter eingefügt werden.″ Das ist sein Anspruch. Und so passiert es durchaus, dass er Aufträge ablehnt.

So wie jüngst ein Schreiben aus Prag. Es war ein Text aus dem Jahr 1640. Mit Federkiel sehr schwungvoll in Kurrentschrift und schwülstig in der Art der Formulierungen der damaligen Zeit verfasst. Dazu kam noch die Eigenwilligkeit des Schreibers.″ Der 91-Jährige konnte einiges lesen, aber das sei zu wenig gewesen. Auch seine Frau Trudel, die ebenfalls die alten Schriften beherrscht, schaute über den Text, schüttelte resignierend den Kopf. Doch das ist eher selten bis etwa ins Jahr 1700 zurück kann Brink helfen, und das gibt ihm immer wieder ein gutes Gefühl.

Seine Affinität zu Schriften sowie zum Lesen und Schreiben entdeckte er bereits als Schüler. Das Dankeschön gilt heute noch meinem , Pauker′, der uns Kinder zielstrebig in die Germanistik eingeführt hatte.″ Nach eigenem Bekunden war er damals einer der wenigen, die größte Freude an Klassenaufsätzen hatten. Ab und an sei er sogar freiwillig quergeschossen, nur um auf sechs Seiten die Schulordnung abschreiben zu müssen. Ich nahm die Lehrer dann auf den Arm und beschrieb stattdessen auf den sechs Seiten sehr, sehr bildhaft meinen Weg durch die Schultür, den Treppenaufgang mit seinem Geländer sowie das Aufhängen des Mantels.″ Er schmunzelt als er die Sätze formuliert, die den Bogen zurück spannten, ihn an seine Schulzeit erinnern.

Prokurist und Autor

In all den Jahren sei die Lust am Schreiben immer geblieben. Brink versuchte sich als Autor mehrerer kleinerer zeitgeschichtlicher Bücher sowie eines Kinderbuches. Erfolgreich alle Auflagen wurden verkauft. 29 Jahre war er als Prokurist eines Osnabrücker Baustoff-Unternehmens tätig, da blieb ihm nebenbei nicht mehr ganz so viel Zeit. Zumal er einerseits unermüdlich nach seinem Bruder suchte, andererseits Ahnenforschung betrieb, um seinen Kindern und Enkeln später etwas zu hinterlassen, was ihren Vorfahren ohne Computer, E-Mail und andere moderne Hilfsmittel nicht so leicht gemacht wurde.

Mitte der Achtzigerjahre entdeckte der Osnabrücker eher zufällig die Leidenschaft für das Transkribieren alter Schriften. Können Sie die Schrift lesen?″, wurde auch er gefragt von einem circa zwanzig Jahre jüngeren Mann. Ich saß mit einem Gefühl zwischen Spürsinn und Neugierde in einem Pfarrbüro in Dortmund und war über einen großen Folianten gebeugt″, sinniert er. Das Problem des Mannes sei gewesen, dass er in der Schule die Sütterlinschrift, die 1941 verboten wurde, nicht mehr gelernt hatte. Um in den alten Wälzern der Kirchenbücher jedoch die fein säuberlichen Einträge der Standesämter über Geburt, Vermählung und Tod entziffern zu können, waren Kenntnisse dieser Schrift unabdingbar. Brink half dem Fremden, die offenen Fragen zu dessen Vorfahren abzuklären. Wie immer, wenn man Gutes tut, hatte ich danach ein schönes Gefühl.″ Und noch etwas anderes löste das Helfen bei ihm aus: Die Situation zeigte ihm, dass es viele Menschen gibt, die in dieser Hinsicht Hilfe gerne annehmen wollen.

Wenig später, Brink stand mittlerweile kurz vor seiner Rente, entstand der Leitgedanke, als Transkribierer tätig zu werden. Wenn ich heute zurückblicke, so bin ich zufrieden, diese Herausforderung angenommen zu haben.″ Mehrere Hundert Aufträge hat er inzwischen übersetzt, mehreren Hundert Menschen hat er geholfen. Es waren, wie er zugibt, ganz harte Nüsse dabei, aber auch rührend-schöne Texte. Sein persönliches Highlight sei ein umfassendes Tagebuch von knapp 1000 Seiten einer jungen Frau gewesen, die ihr ganzes Leben aufgeschrieben hatte. Ihre Gefühle waren minutiös nachempfunden. Gefühle, die sie ihren Kindern nie mitgeteilt hatte. Kummer, den sie mit sich alleine ausmachte. Wahrlich nicht alles war erfreulich, doch was sie alles erlebt hatte, war so spannend.″ Details verrät er nicht, nur so viel: Die Kinder der Frau hätten vor der Übersetzung zu 90 Prozent nichts von alldem geahnt, seien aber anschließend froh gewesen, dass sie diese Zeilen ihrer Mutter noch hätten lesen dürfen.

Heute ist Brink einer der wenigen, die die alten deutschen Schriften noch fließend beherrschen. Doch diese Generation unserer Großeltern stirbt langsam aus, und das Sütterlin-Alphabet gerät fast in Vergessenheit. Brink hat weiterhin Freude am Übersetzen, bietet seine Hilfe an. Wer ihn kontaktieren möchte, kann das tun per E-Mail an maxbrink@ osnanet.de.

Anweisung vom König

Und wie war das mit dem Brief von Friedrich dem Großen? Der befindet sich im Besitz eines Osnabrücker Sammlers, der den Text nicht entziffern konnte und sich deshalb an Max Brink wandte. Obwohl es sich nur um sechs Zeilen gehandelt habe, sei es eine schwierige Transkription gewesen. Der Inhalt des Schreibens von 1780 ist ziemlich unspektakulär: Es handelt sich um die an einen General gerichtete, eigenhändig unterschriebene Anweisung des Preußen-Königs, ein Regiment zu übernehmen. So sehr war der alte Fritz im Tagesgeschäft eingebunden.

Bildtexte:
Sauber kann man schreiben: Max Brink war ein Musterschüler im Deutschunterricht. In Schrift hatte er die Note 1. Der 91-jährige gehört zu der Generation, die die Sütterlin-Schrift in der Schule lernen musste und sie auch heute noch mühelos entziffern kann.
Können Sie das lesen (ab dem roten Punkt)? Aus dem Brief eines Kapitäns, der am2. Juli 1939 von Antwerpen aus in See stach: Nun hatten wir hier in Antwerpen noch allerlei kleine Arbeiten von Land zu erledigen und hatte ich genug zu tun. Heute geht es nun aber auf die lange Reise. Ich muß nun auch sagen, daß ich froh bin, daß wir soweit sind. Passagiere haben wir gegen 40. Genau weiß ich es noch nicht, hatte auch noch gar keine Zeit, mich darum zu kümmern.″
Fotos:
Monika Vollmer

Sütterlinschrift

Im Jahr 1911 erhielt der Grafiker Ludwig Sütterlin (1865–1917) den Auftrag des preußischen Kulturministeriums, eine kinderfreundliche Handschrift zu entwickeln. 1924 wurde sein Schriftentwurf zunächst verbindlich für den Schreibunterricht an preußischen Grundschulen, sechs Jahre später fand er in den meisten deutschen Ländern im Schulunterricht Verwendung. Die abgewandelte Form der deutschen Kurrentschrift enthält keine Schattierungen, alle Linien sind gleich ausgeprägt, und die Abschnitte der Buchstaben stehen in gleichmäßigen Verhältnis von Ober-, Mittel- und Unterlinie (1: 1: 1). Sütterlin wurde zur Deutschen Volksschrift″ bis zum 3. Januar 1941. An diesem Tag verbot ein Erlass sowohl die Fraktur- als auch die Sütterlinschrift.
Autor:
Monika Vollmer


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