User Online: 1 | Timeout: 22:24Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Flohmarktpremiere vor 50 Jahren
Zwischenüberschrift:
2. Mai 1970: Ein „Hauch Pariser Atmosphäre″ durchwehte erstmals Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Man nehme ein wenig Pariser Bohème, etwas orientalisches Feilschen und dazu einen Schuss deutscher Sparsamkeit und Rationalität durch Zweitverwendung ausrangierter Gegenstände das sind die Zutaten für das Erfolgsmodell Flohmarkt auch hierzulande. Andere große Städte hatten es vorgemacht, Osnabrück wollte nicht nachstehen. Am 2. Mai 1970 veranstaltete die Hasestadt ihren ersten Flohmarkt rund um das Heger Tor.

Französische Lebensart

Der Boden war bereitet, wohl auch durch die 68er-Bewegung, die die kritische Jugend Frankreichs und Deutschlands vereinte und als große gesellschaftliche Lockerungsübung für die noch etwas steife deutsche Nachkriegsgesellschaft gesehen werden kann. Französische Lebensart mit den Etiketten Rotwein und Camembert, Citroën 2 CV und Gauloises-Zigaretten war populär. Das aus Frankreich importierte Konzept der Flohmärkte passte genau ins Bild. Und schon allemal in Osnabrück, das seine frankophile Seite spätestens seit Beginn der Städtepartnerschaft mit Angers 1964 pflegte.

Treibende Kraft hinter dem Flohmarkt-Experiment war der Lokalchef der NOZ, Hans Wolfgang Kindervater. Der war ein umtriebiger und fröhlicher Mensch. Er rührte in vielen Töpfen. So gilt er als Vater des Ossensamstags und der Osnabrücker Mahlzeit″ des Verkehrsvereins.

Hinter der Maske des Willibald″, des Zigarre rauchenden Glossenschreibers oben links auf der ersten Lokalseite, trommelte er schon länger für einen Flohmarkt nach französisch-belgischem Muster. Es wäre doch sicherlich schön, wenn wir Osnabrück für zwei oder drei Tage im Jahr einen Hauch Pariser Atmosphäre gäben″, schrieb er 1969, wenn wir den Mut hätten, […] einen Flohmarkt abzuhalten.″ Der könnte zu einem richtigen Happening″ werden mit alljährlicher Wiederholung, nicht, um Geschäfte zu machen, sondern um ein wenig Freude zu haben″.

Riesiges Volksfest 1970

Die günstigen Voraussagen traten ein. Der erste Flohmarkt am 2. Mai 1970 rund um das Heger Tor und die Bocksmauer wurde ein Riesenspaß ein Zusammentreffen von Enge, Gedränge, Jux und Jubel″ für mindestens 15 000 Besucher, wie die NOZ hinterher berichtete.

Zwar hätten viele erst mal nur geguckt und gestaunt, weil ja alles noch so neu und ungewohnt war. Aber einige Hundert zückten auch ihre Geldbörsen. Sie kauften. Sie nahmen mit nach Haus, was ihnen gefiel.″ Im Angebot waren Antiquitäten und Raritäten, sinnlose Utensilien und Dinge, die als Kunst verstanden werden wollten″. Da standen alte Fahrräder, ausrangiertes Spielzeug und historische Flinten neben dem Hindenburgbild und dem noch gut erhaltenen Toilettendeckel. Auch Weckgläser, Münzen, Bismarckbüsten, Karbidlampen, Bündel alter Liebesbriefe, Schmetterlingssammlungen und angeschlagenes Porzellan warteten auf Liebhaber.

Weit gereiste Studenten höherer Semester urteilten: Mit diesem Flohmarkt sprengt Osnabrück seine engstirnige und kleinbürgerliche Grundhaltung.″ Aufgefallen war dem Beobachter, dass auf der Angebotsseite fast nur junge Leute vertreten waren. Ältere hätten sich wohl nicht getraut, über die angebotenen Gegenstände auch etwas über sich selbst preiszugeben. Der röhrende Hirsch im aufziehenden Abenddunst wäre ihnen vielleicht doch etwas peinlich geworden.

Manch ein Osnabrücker wird im Lexikon nachgeschlagen haben, wie denn der Flohmarkt zu seinem Namen kam. Dort konnte er lesen, dass seit dem späten Mittelalter in Paris Lumpenhändler die abgetragenen Kleider der Reichen aufkauften und damit Handel trieben. Da die hygienischen Bedingungen damals noch zu wünschen übrig ließen, blieb es nicht aus, dass dabei auch der eine oder andere Floh den Wirt wechselte. Nach einer besonders großen Flohplage wurden die Lumpenhändler um 1890 aus der Pariser Innenstadt in einen nördlichen Vorort verfrachtet, wo der Marché aux Puces″ (Flohmarkt) zu einer festen Einrichtung wurde. Erleichterung für die Osnabrücker: Reelle Flöhe brauchten sie nicht zu fürchten, da der Handel mit Gebrauchtkleidung untersagt war.

Standort-Hüpfen

Nach der Premiere 1970 entwickelten sich die städtischen Flohmärkte zu einer festen Einrichtung, wobei die organisatorischen Rahmenbedingungen mehrfach wechselten. Und der Standort auch: So wie Flöhe von einem Tierchen zum anderen hüpfen, wandert der Osnabrücker Flohmarkt von einem Standort zum anderen″, schrieb der Zeitungsredakteur.

Das Geschehen verlagerte sich vom Heger-Tor-Viertel zum Ledenhof, im September 1979 zurück in die Altstadt, 1987 zum Herrenteichswall, 1990 zur Halle Gartlage, 1992 zurück in die Innenstadt rund ums Rathaus, 1994 in die Fußgängerzonen der Großen Straße und umzu, dann noch einmal zur Halle Gartlage, wieder retour zur Großen Straße und zuletzt zum Ledenhof.

Im Widerstreit der Interessen lagen einerseits das gewünschte Flair der Innenstadt, die besseren Parkmöglichkeiten draußen an der Viehauktionshalle, Rettungsweg-Bedenken der Feuerwehr und Einsprüche des Einzelhandels. Aus dem Tag- wurde ein Nachtflohmarkt. Professionelle Händler und der Verkauf von Neuwaren wurden ausgeschlossen, ein kleines Standgeld war zu bezahlen, Stände waren vorab im Internet zu buchen.

Einkaufen mit Stirnlampe

Jeweils am ersten Wochenende im Mai und am zweiten im September darf nun von samstags 21 Uhr bis sonntags 12 Uhr gefeilscht und gehökert werden. Doch in diesem Jahr wird es nichts mit dem Einkaufen mit der Stirnlampe″, wegen Corona sind zumindest die Termine in der ersten Jahreshälfte abgesagt. Das gilt auch für die privat organisierten Ableger etwa an der Halle Gartlage, im Moskaubad und im GZ Lerchenstraße.

Bildtexte:
Premiere am 2. Mai 1970: Schon beim allerersten Stadtflohmarkt in Osnabrück vor 50 Jahren wechselten Bücher den Besitzer.
Flohmarkt vor dem Haarmannsbrunnen.
Durch die Stadt gewandert: Ende der 80er-Jahre fand der Flohmarkt vor dem Haarmannsbrunnen statt. Seit einigen Jahren gibt es offiziell einen Nachtflohmarkt am Ledenhof.
Fotos:
Heinz Schubert/ Archiv Kornau, Archiv NOZ/ Michael Hehmann/ Jörn Martens
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste