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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Kohle aus Borgloh sorgt für Streit
Zwischenüberschrift:
März 1920: Grippewelle erreicht Osnabrück / Jahrmarkt mit sechs Karussells auf dem Domhof
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Ein Ereignis auf der großen politischen Bühne schlägt vor 100 Jahren auch Wellen in Osnabrück: In Berlin hat der Verwaltungsbeamte Wolfgang Kapp mit Unterstützung antirepublikanischer Freikorps die gewählte Reichsregierung für abgesetzt erklärt. Deutschland steht am Rand eines Bürgerkriegs.

Auch in Osnabrück findet der von Mehrheits-Sozialdemokraten (MSPD), Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) und Gewerkschaften getragene Generalstreik breite Gefolgschaft. Große und kleine Industriebetriebe, die städtische Verwaltung, Post, Straßenbahn und Eisenbahn legen die Arbeit nieder. Sechs Tage lang, vom 14. bis zum 19. März, erscheinen keine Tageszeitungen. Putschisten-Zelle in Osnabrück ist das in der Caprivi-Kaserne untergebrachte Korps Lichtschlag. Dessen Anführer Otto Hasenclever lässt über dem Kasernenhof wieder die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs wehen.

Solange die Lage noch unübersichtlich ist, verhält sich der Magistrat neutral. Wie auch schon bei den revolutionären Unruhen 1918 sieht Oberbürgermeister Julius Rißmüller seine Hauptaufgabe darin, zu Ruhe und Besonnenheit zu mahnen und Blutvergießen zu vermeiden.

Mit dem Erfolg des Generalstreiks und der Unterstützung der bürgerlichen Parteien bezieht auch die Stadtspitze klare Position für die Republik, ihre Verfassung und die legitime Reichsregierung. Rißmüller gelingt es zusammen mit den Streiksprechern, das Korps Lichtschlag zum Abzug bei freiem Geleit zu bewegen.

Osnabrück bleibt dadurch, anders als vielen anderen Städten im Reich, ein Blutvergießen erspart. Das Osnabrücker Tageblatt″ resümiert schließlich, daß der Putsch von allen Bevölkerungskreisen, selbst von ganz rechts stehenden Persönlichkeiten, entschieden mißbilligt wurde″. Wobei zur Wahrheit gehört, dass die rechtskonservative DNVP mehr die dilettantische Durchführung des Putsches kritisierte als dessen Ziele.

Neben der Knappheit von Fleisch und Fett stellt der Kohlenmangel weiterhin das größte Versorgungsproblem dar. Seit Jahresbeginn streiten engagierte Borgloher Bürger um den rührigen Wilhelm Bange dafür, die Kohleförderung in Borgloh wieder aufzunehmen. Schon seit dem späten Mittelalter war im Raum Borgloh-Wellendorf in bescheidenem Rahmen Kohle gefördert worden, bis dies 1889 wegen Unrentabilität eingestellt wurde. Der eklatante Kohlenmangel in der Nachkriegszeit führt nun zu der eigentlich naheliegenden Idee, aufgegebene Förderanlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Am Piesberg scheitert das an unbeherrschbaren Problemen mit der Wasserhaltung. Aber was ist mit Borgloh, Wellendorf und Kloster Oesede? Die Flöze hier sind zwar nicht besonders mächtig, liegen aber auch nicht sehr tief.

Doch die zuständige Bergbehörde in Hamm hat den Abbau verboten. Ihre Argumente: Die Kosten sind zu hoch, der Abbau ist unrentabel, Sicherheitsstandards können nicht gewährleistet werden. Dagegen regt sich scharfer Protest. Mehrere Grundbesitzer in der Samtgemeinde Borgloh greifen zur Selbsthilfe und beginnen mit einer Kohleförderung mit primitiven Mitteln.

Abgeordnete der Deutsch-Hannoverschen Partei richten eine Anfrage an die preußische Staatsregierung mit dem Ziel, das Verbot sofort aufzuheben, damit unverzüglich der Kohlenot abgeholfen wird, und mittelfristig die Ausbeutungsrechte an die Kommunalverbände Osnabrück-Stadt und - Land und Iburg zu übertragen. Ein Sachverständiger habe bestätigt, dass eine gute Hausbrand- und Schmiedekohle″ schon in sechs Meter Tiefe anstehe. Sogar bei Brunnenbohrungen und Wegebauten habe man starke Flöze angetroffen. Bange argumentiert weiterhin, die Kohleförderung von Borgloh würde ganz bedeutend die Eisenbahn entlasten, da der Abtransport vorwiegend durch Fuhrwerke erledigt würde. Sodann würde weniger westfälische Kohle und Brennholz ins Osnabrücker Land transportiert werden müssen.

Den preußischen Fiskus als Inhaber der Abbaurechte beeindruckt das aber alles wenig. Er bleibt bei seiner Linie, den wilden Abbau″ zu unterbinden, der unter keinerlei fachmännischer Leitung und Aufsicht″ stehe. Der ungeregelte Bergbau″ erschwere die Wiederaufnahme in größerem Maßstab″. Genau diese solle in den kommenden Monaten in Gang gesetzt werden. Das geschieht dann tatsächlich mit der bergmännischen Abteufung des Kronprinzenschachts, der bis 1924 monatlich 8000 Tonnen zu Tage fördern wird.

Im März 1920wird Osnabrück von einer Grippe-Epidemie heimgesucht. Die Sterblichkeit ist zur Zeit wieder eine außergewöhnliche″, schreibt das Tageblatt″, auch wenn die Zahlen nicht an das Ausmaß der Spanischen Grippe im Jahr 1918 heranreichen.

Auffällig sei, dass viele Personen gerade in den besten Jahren und vielfach nach ganz kurzem Krankenlager dahingerafft werden″.

Grundübel sei die Unterernährung weiter Kreise, nicht zuletzt der Fettmangel. Der Vaterländische Frauenverein schlägt Alarm, weil er nicht genügend Hilfsschwestern für die Hauspflege Kranker aufbieten kann. Frauen, die sich zur Krankenpflege berufen fühlen, mögen sich bitte melden.

Wie die anderen höheren Schulen auch weist das Ratsgymnasium auf den Beginn des neuen Schuljahres am 15. April hin. Die Anmeldung der neuen Schüler hat am Vortage im Büro des Direktors Dr. Knoke zu erfolgen. Auswärtige Schüler bedürfen für die Wahl ihrer Pension der Genehmigung des Direktors.″ (Kennt man das nicht aus der Feuerzangenbowle″?)

Der Frühlings-Jahrmarkt beginnt. Auf dem Domhof sind sechs Karussells, einige Schießbuden und weitere Stände aufgebaut, alle frisch in Farbe, wie man es nach der Winterpause gewohnt ist. Ein gewisser Tom Jack demonstriert seine Entfesselungskünste, wofür sich in einer Sondervorstellung die Polizei besonders interessiert. Der Handschriftendeuter Kahewo ist vertreten, ein Herr Wellmann gibt praktische Tipps für Schuhreparaturen, eine Firma aus Fürth zeigt, wie man Emaillegeschirr ausbessert. Verkaufsstände bieten aromatisches Gebäck, Bijouterie, Waffeln oder Fisch an. Die Preise sind gesalzen″, findet der Zeitungsschreiber. Er ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass die fliegenden Händler″ von überall her kommen, um den Osnabrückern in Zeiten der Not das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Zahl der drehorgelnden Geldeinsammler, unter denen man wieder recht stramme und gesunde Leute sieht, die nützlichere Arbeit verrichten könnten, ist diesmal Legion. Geradezu ein Hohn auf den geldverschlingenden Jahrmarktstrubel bilden die unglücklichen Krüppel, wie man sie in der Umgebung des Domhofs allenthalben sitzen sieht.″

Bildtexte:
Die Kohleförderung in Borgloh wird zum Streitpunkt. Das Land verbietet den wilden Abbau. Erst im späteren Verlauf des Jahres 1920 wird die 1889 eingestellte Förderung mit der Zeche Kronprinz″ offiziell wieder aufgenommen. Das Foto zeigt Angestellte der Zeche im Jahr 1924.
Die Übertage-Anlagen des Kronprinzen-Schachts im Jahr 1924. Im Vordergrund Gleise und Wagen der Schmalspur-Zechenbahn, die die schwarzen Diamanten″ zum Wellendorfer Bahnhof brachten.
Fotos:
Sammlung Werner Beermann
Autor:
Joachim Dierks


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