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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Ohne Sponsoren geht hier gar nichts
Zwischenüberschrift:
Bürgerstiftung Twer kompensiert staatliche Defizite
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Originaltext:
TWER. Das soziale Netz in Russland hat Löcher, durch die manchmal eine ganze Schulklasse passt. Hörgeschädigte Kinder können von der Krankenkasse nicht viel erwarten, Sehbehinderte auch nicht. In Osnabrücks Partnerstadt Twer versucht die Bürgerstiftung Der gute Beginn″, staatliche Defizite zu kompensieren.

Es gilt als russische Realität, dass sich die Väter von behinderten Kindern oft aus dem Staub machen und die Fürsorge den Müttern überlassen. Die Frauen stehen oft alleine da″, sagt Alla Selenina, die Präsidentin der Stiftung. So nimmt das Elend seinen Lauf: Die Mutter muss ihre Arbeit aufgeben, um sich der Betreuung ihres behinderten Nachwuchses zu widmen. Damit ist der Weg in die Armut vorgezeichnet, zumal die ärztliche Behandlung des Kindes oft große Summen erfordert. Der Staat zahlt nur ein Minimum für Arzneimittel″, sagt Selenina, das gelte auch für Rollstühle und Rehamittel.

Die Stiftung, 2003 von ihr und ihrem Mann Dmitri Selenin gegründet, versucht diese Not zu lindern. Doch die Hilfe kommt nur an, wenn sie auf den Einzelfall zugeschnitten ist. Wir haben viele Anfragen von Eltern schwerhöriger Kinder″, berichtet Alla Selenina. Die Kinder bekämen zwar ein Hörgerät, doch das nütze ihnen nichts, weil es für Erwachsene konstruiert sei.
Gerade für kleine Kinder ist es aber wichtig, die Sprache zu hören, um selber sprechen zu lernen. Ein für sie angepasstes Gerät aus der Schweiz kostet rund 1000 Euro, und das kann sich kaum eine Familie leisten. Hier springt die Bürgerstiftung ein, mit einer 100-prozentigen Förderung, wie Alla Selenina erklärt. Seit 2005 seien 80 Hörgeräte angeschafft worden.
Mit dem Kauf ist es aber nicht getan. Ein Hörgerät muss mitwachsen und immer wieder angepasst werden. Ersatzteile und Techniker gab es bislang nur in Moskau für eine Mutter und ihr Kind eine Tagesreise mit Bus oder Bahn. Inzwischen hat die Stiftung in Twer ein Labor eingerichtet, in dem ein ebenfalls schwerhöriger Techniker Hörgeräte wartet und justiert.

100 Prozent für Projekte

Auf regelmäßige Zuwendungen der privaten Hilfsorganisation baut auch die staatliche Sonderschule für blinde und schwerhörige Kinder in Twer. Computer, die geschriebene Texte und Noten vergrößert wiedergeben oder beim Erlernen der Brailleschrift hilfreich sind, könnte sich die Schule ohne Hilfe der Stiftung kaum leisten.
Der Staat sorgt für Gehälter, Gebäude und Heizung″, erklärt Schulleiterin Viktoria Sasulkina, ohne Sponsoren geht hier gar nichts.″ Beim Rundgang zeigt sie die Fitnessgeräte für die Sporttherapie und den Sensorraum, in dem die taktile Wahrnehmung der Kinder trainiert wird. Auch hier hat die Bürgerstiftung bezahlt, was im staatlichen Etat nicht vorgesehen war. Und wenn die Schüler mit dem Bus zum therapeutischen Reiten oder Schwimmen gebracht werden, kommt die Stiftung für den Transport auf.
52 Kinder werden in der Schule unterrichtet, meist in sehr kleinen Gruppen, manchmal sogar einzeln. Auch kunsthandwerkliche Fertigkeiten werden vermittelt, zum Beispiel das Knüpfen filigraner Blumen aus winzigen Glasperlen, eine Spezialität der zwölfjährigen Alexandra, die auch gerne dichtet und reitet.
Unsere Hauptaufgabe ist es, die Kinder so zu erziehen, dass sie sich in der Gesellschaft nicht ausgegrenzt fühlen, sagt Viktoria Sasulkina.
Um ihren Kindern den Schulbesuch in der Sonderschule zu ermöglichen, nehmen einige Mütter täglich mehrstündige Autofahrten in Kauf. Während des Unterrichts bleiben sie im Haus. Für sie wurde ein kleiner Aufenthaltsraum mit Teeküche eingerichtet auch mit einem Zuschuss der Bürgerstiftung.
7, 4 Millionen Rubel etwa 176 000 Euro hat die Stiftung im vergangenen Jahr ausgeschüttet. Die Aufgabenwerden mehr, das Spendenaufkommen stagniert seit der Wirtschaftskrise. Willkommen sind aber auch Sachspenden, wie Präsidentin Alla Selenina erklärt. Das können Windeln für Erwachsene sein, aber auch Bauarbeiten für ein neues Diagnosezentrum im Krankenhaus. Die Kosten für die Geschäftsstelle der Bürgerstiftung einschließlich der Gehälter und der Raummiete trägt die Familie Selenin. Spenden können deshalb zu 100 Prozent in die Projekte fließen″, versichert die Präsidentin.

Bildtexte:
Schwerhörige Kinder sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen, sagt Viktoria Sasulkiva, Leiterin der Sonderschule für blinde und schwerhörige Kinder in Twer, hier mit Lisa (7, links) und Victoria (7).
Das Team von der Bürgerstiftung in der Geschäftsstelle. Rechts im Bild Präsidentin Alla Selenina.
Fotos:
R. Lahmann-Lammert

Kreml-Ungnade
Die Bürgerstiftung Der gute Beginn″ Twer wurde 2003 von Dmitri Selenin und seiner Frau Alla Selenina gegründet. Selenin, ein Manager aus der russischen Nickelindustrie, war acht Jahre lang Gouverneur für das Gebiet Twer, fiel aber beim Kreml in Ungnade und gab deshalb im Juni dieses Jahres sein Amt auf.

Twer-Spezial
Mit diesem vierten Teil endet unsere Reportageserie über Osnabrücks russische Partnerstadt Twer. Unser Redakteur RainerLahmann-Lammert hat Eindrücke aus dem Leben einer Familie, aus dem Straßenverkehr, aus Betrieben und sozialen Einrichtungen zusammengetragen. Alle Beiträge können Sie nachlesen unter www.noz.de/ twer Weitere Reportagen aus den Partnerstädten Osnabrücks finden Sie unter www.noz.de/ haarlem www.noz.de/ angers www.noz.de/ gmuend

Bildtext:
Als Reporter in Twer: Rainer Lahmann-Lammert.

OSNABRÜCK. Manche Kinder kommen auf eigene Faust. Weil Mama krank ist und Papa trinkt. Weil es zu Hause nichts gibt oder weil es kein Zuhause gibt. Das Twerer Sozialheim für Kinder und Jugendliche fängt Jungen und Mädchen aus kaputten Familien auf. Dabei muss die Einrichtung selbst mit einem kümmerlichen Etat auskommen. Bei der einen oder anderen Anschaffung hilft ein kleiner Geldsegen der Rückertschule aus Osnabrück.
Draußen auf dem Hof spielen die Jungs Fußball. Der Jüngste ist vier, der Älteste 15. Sie müssen miteinander auskommen, das gehört zum pädagogischen Konzept. Und das scheint auch zu funktionieren. Drinnen sind die Schlafsäle immerhin nach Altersgruppen getrennt. Die Grundschüler werden im Haus unterrichtet, die Größeren gehen zur Schule.
Oxana Bandura führt uns durchs Haus. Sie ist die kommissarische Leiterin des Sozialheims, einer Einrichtung der Oblast Twer, vergleichbar mit einem Bundesland bei uns. Die meisten Möbel stammen aus der Zeit, als Leonid Breschnew noch Chef im Kreml war, und die Küche mag sogar seinen Vorgänger Nikita Chruschtschow noch erlebt haben.
1997 wurde das Heim gegründet, bis zu 40 Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 18 Jahren kann es aufnehmen. Gebracht werden sie von der Polizei oder vom Jugendamt, gelegentlich stehen sie ganz allein vor dem grünen Stahltor und bitten um Einlass. Nicht selten haben die Ankömmlinge schon auf der Straße gelebt. Wer mit einer solchen Vorgeschichte kommt, wird erst einmal in die Quarantäne-Station gesteckt und von einem Arzt untersucht, wie Oxana Bandura erklärt.
Der Aufenthalt im Sozialheim ist auf ein Jahr begrenzt. In dieser Zeit erkunden die Mitarbeiterinnen gemeinsam mit den Behörden, ob die Möglichkeit einer Rückführung zu den Eltern besteht.
Ist das nicht der Fall, werden Pflege- oder Adoptiveltern für den verlassenen Erdenbürger gesucht. Ein schwieriges Verfahren″, sagt Oxana Bandura, doch darauf hat sie keinen Einfluss. Diese Aufgabe ist in ganz Russland zentralisiert.
Bei ihrem Rundgang zeigt sie, was mit dem Geld der Rückertschule schon alles angeschafft wurde: Neue Möbel im Mädchenraum, ein Fernseher, ein Wasserboiler, aber auch eine Holzhütte im Garten. 900 Euro waren es in diesem Jahr, jede Spende ist willkommen.

Bildtext:
Einer für alle, alle für einen: Im Twerer Sozialheim für Kinder und Jugendliche spielen die Großen mit den Kleinen Fußball.
Foto:
Rainer Lahmann-Lammert
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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