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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Als „Palmarum″ zum „Qualmarum″ wurde
Zwischenüberschrift:
Heute vor 75 Jahren erlebte Osnabrück das schreckliche Finale des Bombenkriegs
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Ausnahmezustand dieser Begriff hat in unseren Tagen Hochkonjunktur, weil er die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Corona-Zeiten zutreffend beschreibt. Vielleicht ist es tröstlich, daran zu erinnern, dass Osnabrück schon Ausnahmezustände weit schlimmerer Art überstanden hat: Vor 75 Jahren endete der letzte Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs mit der fast totalen Zerstörung der Stadt.

In der evangelischen Kirche wird der Palmsonntag auch der Sonntag Palmarum″ genannt. Weil der 25. März 1945 ein Palmsonntag war, hat sich der Begriff Palmarum Qualmarum″ für den wohl schwärzesten Tag in der Geschichte Osnabrücks ins Langzeitgedächtnis der Stadtgesellschaft eingeprägt.

Soldaten, die 1945 aus der Kriegsgefangenschaft in ihre Heimatstadt zurückkehrten, erkannten sie nicht wieder. Darin lag ein großer Unterschied zum Ende des ebenfalls verlorenen Ersten Weltkriegs: 1918 sah die Stadt noch genauso aus wie bei Kriegsbeginn 1914, kein feindlicher Schuss hatte sie erreicht, keine Bombe war gefallen. So konnte auch in Osnabrück die Legende von der im Felde unbesiegten, aber durch hinterhältige Dolchstöße″ in der Heimat in die Knie gezwungenen Streitmacht zahlreiche Anhänger finden.

Auf solche Gedanken kam 1945 niemand. Die Niederlage war total, die Kapitulation bedingungslos, die Zerstörungen ohne Beispiel. So mancher Heimkehrer, der sich zu seinem Wohnhaus durchgekämpft hatte, musste feststellen, dass es dieses nicht mehr gab. Die Angehörigen hatten oftmals ihre neue Anschrift im Notquartier mit Kreide oder Farbe an eine stehen gebliebene Mauer des zerstörten Gebäudes geschrieben, damit Verwandte oder Bekannte sie dort auffinden konnten.

Es war nicht immer leicht, gangbare Wege durch die Trümmerwüste zu finden. Besonders bei Dunkelheit konnte die Sache gefährlich werden, weil die Straßenbeleuchtung fehlte. Trümmerteile, nicht abgesicherte Kellerlöcher, auf die Straße ragende Eisenträger und Treppen, die im Nichts endeten, gehörten zu den alltäglichen Hindernissen.

1434 Tote

860 000 Kubikmeter Schutt und Trümmerteile bedeckten Grundstücke, Straßen und Plätze. Mehr als 12 000 Wohnungen waren vernichtet oder unbewohnbar beschädigt, 32 öffentliche Gebäude, 7 Kirchen, 13 Schulen und ein Krankenhaus total zerstört. Weitere 29 öffentliche Gebäude, 7 Kirchen, 11 Schulen und fünf Krankenhäuser waren schwer beschädigt. Die Innenstadt lag zu 80 Prozent, ganz Osnabrück zu 60 Prozent in Trümmern. 1434 Menschen verloren ihr Leben im Bombenkrieg, der fast 30 000 Sprengbomben auf Osnabrück herabregnen ließ.

Dass Osnabrück ein lohnendes und leichtes Ziel für Luftangriffe sein würde, war den Verantwortlichen schon vor Kriegsbeginn klar. Kriegswichtige Industriebetriebe und das Eisenbahnkreuz ließen die Hasestadt auf der Liste der strategisch wichtigen Ziele ganz nach oben rücken. Dazu kamen der relativ kurze Anmarschweg von den Flugplätzen in Südengland und die Eignung als Ausweichziel: Wenn etwa die Wetterlage einen Angriff auf Berlin, Braunschweig oder Hannover vereitelt hatten, gab es immer noch die Möglichkeit, auf dem Rückweg die Bombenlast über Osnabrück abzuladen. Die Stadt lag immer passend auf dem Weg.

Warum noch Bomben?

Aber warum war es denn nötig, Osnabrück noch am 25. März 1945, nur zehn Tage vor der Besetzung der Stadt durch britische Truppen, mit 146 viermotorigen Halifax- und Lancaster-Bombern anzugreifen und noch einmal 2518 Sprengbomben, 35 schwere Luftminen und 200 000 Stabbrandbomben abzuwerfen? Über einer Stadt, die von den vorhergehenden 78 Luftangriffen sowieso schon großenteils verwüstet war und nun durch den finalen Stoß der Royal Air Force noch einmal 178 Tote, 241 Verletzte und 15 000 Obdachlose zu beklagen hatte?

Eine Erklärung ist sicherlich, dass das Bomber Command den verbliebenen Verteidigungswillen der Deutschen schwächen und den vorrückenden Bodentruppen den Job erleichtern wollte. Offiziell galt der Tagangriff zwischen 9.48 und 10.15 Uhr ein weiteres Mal den Verkehrsverbindungen und Industriebetrieben. Aber auch das Flächenbombardement von Wohngebieten war durchaus beabsichtigt.

Wüste, Kalkhügel und weitere Bereiche der Neustadt wurden schwer getroffen. Mit dem sogenannten moral bombing″ wollte man Moral und Durchhaltewillen der Zivilbevölkerung brechen, damit sie sich gegen die Noch-Machthaber wende. Das klappte in Osnabrück genauso wenig wie in anderen deutschen Städten. Die Bevölkerung war durch die ständigen Alarme abgestumpft und ausgelaugt. Sie glaubte den Nazi-Parolen vom Endsieg zwar nicht mehr, sagte das aber nicht laut, um nicht noch auf den letzten Metern verhaftet und von Todesurteilen bedroht zu werden. Sie wollte einfach nur, dass endlich Ruhe einkehre.

Gedenken an Getötete

Zehn Jahre nach dem schrecklichen Palmarum Qualmarum″-Finale des Bombenkriegs brachte das Osnabrücker Tageblatt″ am 25. März 1955 eine Sonderausgabe heraus, die für die damalige Zeit aufwendig gestaltet war. Unter der Titelzeile ist die Silhouette der Stadt inmitten rötlich zuckender Flammen grafisch dargestellt. Die Texte gedenken der Toten und der Zerstörungen unwiederbringlicher Kulturschätze. Sie thematisieren aber nicht die ethisch zweifelhafte Seite der späten Flächenbombardements.

Redakteur Karl Kühling, der knapp 30 Jahre später für seine Verdienste um die Vergangenheitsbewältigung zum Osnabrücker Ehrenbürger ernannt werden wird, sieht die Trümmer seiner Vaterstadt vielmehr als Konsequenz des totalen Kriegs, den Hitlerdeutschland vom Zaun brach: Der Untergang Osnabrücks liegt auf dem Wege, der durch viele Städtenamen gekennzeichnet ist. Warschau, Rotterdam, Belgrad, London, Coventry liegen daran […].″

Was im Vergleich zum heutigen Wissensstand auffällt, ist die milde Beurteilung von Erich Gaertner, der der SA und der NSDAP angehört und von 1927 bis 1945 als Osnabrücker Oberbürgermeister fungiert hatte. Ihm wird nicht die Mittäterschaft am verbrecherischen Regime vorgeworfen, sondern er wird für die vorausschauende Anlage von Luftschutzbunkern und - stollen gelobt. Breiten Raum nimmt im Übrigen der bis dahin geschaffte Wiederaufbau der Stadt ein: Aus Trümmern neu erstanden″.

Bildtexte:
Die Altstadt in Trümmern: Blick vom Marien-Kirchturm auf die Bierstraße. Inmitten der Ruinen hat die Bäckerei Ludwig Brüggemann einen provisorischen Verkaufsraum eingerichtet. Oben am Bildrand die ausgebrannte Altstädter Volksschule.
Alles zerstört: Kleine Hamkenstraße in Blickrichtung Osterberger Reihe.
Der Nikolaiort im Mai 1945. In der Bildmitte die Hirsch-Apotheke, rechts das Einrichtungshaus Schäffer.
Die Ruinen sind verschwunden. Aus ähnlichem Blickwinkel sieht man den Verlauf der Bierstraße bis zum Rißmüllerplatz mit der Dominikanerkirche.
Botschaft von Luftmarschall Arthur Harris an die Bevölkerung. Das Flugblatt wurde von einem britischen Aufklärungsflugzeug über Osnabrück abgeworfen.
10 Jahre nach dem letzten Angriff gedachte das Osnabrücker Tageblatt″ mit einer Sonderausgabe der Opfer des Bombenkrieges.
Fotos:
Karl Ordelheide/ Sammlung Terberger/ in: Wido Spratte, Osnabrück 1945 1955, Verlag Wenner, Osnabrück 2005, Archiv Erika Focken, Joachim Dierks, Archiv NOZ, Archiv Volker Issmer
Repro:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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