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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Lust und Last der Tradition
Zwischenüberschrift:
Der Gesperrte Turm ist das Reich des Osnabrücker Bürgerschützenvereins von 1828
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Schützenvereine auf dem Land funktionieren meistens noch recht gut. In der Stadt Osnabrück sind die Nachwuchssorgen größer. Nominell gibt es hier 14 Vereine. Davon sind aber nur noch fünf bis sechs aktiv, indem sie sich etwa am Ausschießen des Stadtkönigs beteiligen. Zu den aktivsten gehören die Bürgerschützen von 1828. Ihr Vereinslokal ist der Gesperrte Turm″ am Johannistorwall. Wir verbliebenen Vereine müssen enger zusammenrücken, wenn wir auch noch in zehn Jahren Freude am Schießsport haben und vermitteln wollen″, sagt Bürgerschützen-Präsident Heinz Logies. Einige Schritte in diese Richtung sind gegangen. Der Schützenball im September, zuletzt stets bei Busch in Atter, wird von allen Stadtschützen gemeinsam getragen, um ihn auf eine breitere Basis zu stellen und gemeinsam die alte Tradition zu pflegen.

Das eigentliche Schützenfest im Sommer feierten die Bürgerschützen zuletzt 1969 mit den Vereinen Lustgarten″ und Hasetor zusammen. Danach aber ging man wieder eigene Wege. Das Schützenfest stiftet Identität, da will jeder Verein autark bleiben. Man lädt sich zwar gegenseitig ein und schickt Abordnungen, aber die Regie bleibt beim ausrichtenden Verein. Andere, nicht ganz so hochrangige″ Veranstaltungen wie Kommerse und Königstreffen organisiert man hingegen gemeinsam mit anderen. In ihren Glanzzeiten in den 1950er- und 60er-Jahren zählten die Bürgerschützen mehr als 200 Mitglieder. Derzeit sind es 85, darunter zahlreiche Damen. Hätten wir die Mitgliedschaft nicht beizeiten auch für unsere Damen geöffnet, gäbe es uns schon nicht mehr″, mutmaßt der Präsident und amtierende Stadtschützenkönig Heinz Logies.

Die Traditionspflege ist Lust und Last zugleich. Stolz führen die Bürgerschützen das Gründungsjahr 1828 im Vereinsnamen. Aber damit können wir junge Leute kaum beeindrucken″, weiß auch Schatzmeister Jürgen Gebauer, deshalb wird keiner bei uns Mitglied″. Und was ist mit der sehr populären Sportart Biathlon? Bringt das junge Leute nicht auf die Idee, das Schießen im Verein zu trainieren? Davon spüren wir nichts″, sagt Vizepräsidentin Gabriele Abeler, Biathlon ist ein Zuschauersport, der kaum zum aktiven Nachmachen anregt.″

Ebenfalls im Trend bei jungen Leuten liegen Lasertag-Arenas und Paintball-Parks. Können traditionelle Schützenvereine davon profitieren? Nein, das wollen wir auch gar nicht″, sagt Heinz Logies, wir ziehen da einen klaren Trennungsstrich. Das Zielen auf Menschen, so ungefährlich es sein mag, widerspricht unseren Grundsätzen.″

Die Bürgerschützen schießen beim Traditionsschießen auf den hölzernen Adler, ansonsten beim Sportschießen auf Zielscheiben, und auf nichts anderes. Beim Sportschießen kommt es nicht auf Trinkfestigkeit, sondern auf Atemtechnik, Konzentrationsfähigkeit, auf den Einklang von Körper und Geist an. Das erfordert Training, sowohl körperliches als auch mentales. Trainiert wird das Sportschießen mit verschiedenen Waffen und in gestaffelten Alters- und Leistungsklassen. Trainings- und Wettkampfort ist der Schießstand der Eversburger Schützen am Barenteich.

In gewisser Weise schließt sich damit ein Kreis″, erklärt Vereinsmitglied Norman Artmann, denn unser erstes Schützenfest nach der Gründung 1828 fand 1832 ebenfalls in Eversburg statt.″ Die Bürgerschützen sind nicht nur der älteste Osnabrücker Schützenverein, sondern bislang unwidersprochen der älteste Sportverein überhaupt in der Stadt.

Das Schützenwesen geht auf die spätmittelalterlichen Bürgerwehren zurück. Aus jenen Tagen besitzt Osnabrück eine historische Schützenkette, die in der Schatzkammer des Rathauses verwahrt wird. Nur einmal im Jahr, und zwar am Vorabend des Bürgerschützenfestes, wird die Kette von 1441 hervorgeholt und dem amtierenden Bürgerschützenkönig vom Oberbürgermeister im Friedenssaal des Rathauses umgelegt. Das ist natürlich ein sehr erhebender Moment″, weiß Logies aus eigener Erfahrung. Er ist bereits zum dritten Mal König der Bürgerschützen, seit er vor gut 30 Jahren aus Hildesheim aus beruflichen Gründen ins Osnabrücker Land zog und Bürgerschütze wurde.

Über Jahrzehnte war das Schweizerhaus an der Rheiner Landstraße die Heimat der Bürgerschützen. Hier wurde geschossen, gefeiert und getanzt. Nach der Umwidmung zur Diskothek Hyde Park″ und dem späteren Abriss waren die Schützen auf der Suche nach einer neuen Heimat. Die kam 2008 zu einem glücklichen Abschluss, als die Stadt ihnen den mittelalterlichen Wehrturm am Johannistorwall, den Gesperrten Turm″, zur Nutzung überließ. Auf drei Etagen haben die Bürgerschützen sich hier mit Gesellschaftsräumen, Theke und musealen Sammlungen häuslich eingerichtet. Nicht nur die Schützenketten, Orden, Fahnen und Erinnerungsstücke aus der eigenen Vereinsgeschichte werden gehütet, auch die von aufgelösten Vereinen wie etwa der Schützenbruderschaft Hellern.

Wer etwas über das Osnabrücker Schützenwesen erfahren will, ist hier richtig. Nur: Regelmäßige Öffnungszeiten können wir nicht anbieten, dazu sind wir personell nicht in der Lage″, bedauert Logies. Man müsste sich individuell anmelden. Oder die Nachtwächterführung durch die Neustadt an jedem ersten Donnerstag im Monat buchen. Die legt immer einen ausführlichen Halt im Gesperrten Turm ein, während die Bürgerschützen ihren Stammtisch abhalten und Auskunft geben können.

Bildtexte:
Der Gesperrte Turm″ am Johannistorwall ist seit 2008 Sitz der Bürgerschützen von 1828.
Als Turmherr″ muss man Treppen steigen: Bürgerschützen-Präsident Heinz Logies auf dem Weg zum Versammlungsraum auf Ebene 2.
Bürgerschützen-Präsident Heinz Logies auf dem Weg zum Versammlungsraum auf Ebene 2 (Foto rechts). In den 1950er-Jahren brummte das Vereinsleben. Bürgerschützen in Kompaniestärke vor dem Eingang des Schweizerhauses an der Rheiner Landstraße.
Traditionsfahnen auch anderer Vereine werden von den Bürgerschützen aufbewahrt.
Fotos/ Repro:
Jörn Martens

Gesperrter Turm

Der ungewöhnliche Name geht auf die Bezeichnung hochsperden torn″ zurück, also etwa hochsparriger Turm″ also der Turm mit hohen Sparren/ einem hohen Dach. Auf dem Gebiet der Neustadt ist er neben dem Plümersturm der einzige verbliebene Wehrturm des mittelalterlichen Befestigungsrings , während die Altstadt noch vier aufweist: Pernickelturm, Barenturm (Vitischanze), Bürgergehorsam und Bocksturm. Der vermutlich im 14. Jahrhundert gebaute Gesperrte Turm war der höchste von allen , da er eine besonders gefährdete Stelle zu schützen hatte. Südlich der Stadtmauer lag eine kleine Erhöhung innerhalb eines Sumpfgürtels, die einladend auf potenzielle Angreifer gewirkt haben muss. Der Turm war so hoch, um Feinde möglichst früh entdecken zu können.

Nachdem der Turm seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr zu erfüllen brauchte, diente er unter anderem noch bis etwa 1900 als Schlauchturm der Feuerwehr. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Bunker hochgerüstet, indem man Betondecken von 1, 5 Meter Stärke einzog. 1955 gab es Stimmen im Rat, die dafür waren, dieses überflüssige Relikt aus der Vergangenheit″ zu beseitigen . Der Bürgerverein Neustadt setzte sich neben anderen dafür ein, dass es dazu nicht kam. 1980 bis 1984 wurde der Turm aus Mitteln der Lehmann-Stiftung saniert und ein Teil der Betondecken zurückgebaut. Pächter war zunächst der Marineverein, der die oberen Geschosse mit seinen maritimen Schaustücken dekorierte und einen Versammlungsraum einrichtete. Seit Anfang 2008 sind die Bürgerschützen die neuen Turmherren.
Autor:
Joachim Dierks


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