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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Ortstermin im Wald
Zwischenüberschrift:
Klimawandel und Schädlinge: Wie ist die Lage in Lotte und Westerkappeln?
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Lotte/ Westerkappeln Zwei Dürresommer in Folge, diverse Stürme, Winter ohne Eis und Schnee, Borkenkäfer, Wühlmäuse und Eichenprozessionsspinner auf dem Vormarsch: Was macht der Klimawandel mit Wald und Flur in Lotte und Westerkappeln? Darüber sprachen wir mit dem Biologen Peter Schwartze und Revierförster Christian Rebitz.

Mit dem Sturm Friederike vor gut zwei Jahren habe es angefangen, so extrem zu werden, meint Christian Rebitz vom Landesbetrieb Wald und Forst NRW beim Ortstermin im Süden der Gemeinde Lotte. Als Revierförster ist er für den Forstamtsbezirk Schafberg zuständig, der die Gemeinden Westerkappeln, Mettingen, Lotte, Recke und Hopsten umfasst.

Darauf folgten zwei viel zu trockene Sommer, die Fichten, Kiefern und Buchen, aber auch Eichen geschwächt haben″, sagt Rebitz. Je nach Standort gebe es sogar bei dieser eigentlich robusten Baumart trotz der Pfahlwurzeln abgestorbene Äste und Kronen. Wenn dann der Eichenprozessionsspinner noch an den Blättern frisst, können sie sich nicht mehr so gut wehren gegen den schlimmsten Schädling, den Eichenprachtkäfer″, erklärt er. Der bringe dann selbst jahrhundertealte Eichen zum Absterben, indem er sich unter der Rinde um den Stamm herumfresse und die Leitungsbahnen zerstöre.

Auch im Forstbetriebsbezirk Schafberg ist Rebitz zufolge die Borkenkäferplage für die Fichten bestandsbedrohend. Erschwerend komme hinzu, dass im Bereich der Gemeinden Lotte und Westerkappeln außer dem Bundesforstareal in Halen nur wenige Waldflächen in öffentlicher Hand seien; die meisten gehörten einer Vielzahl von privaten Eigentümern, meist Landwirten. Bei der Bekämpfung des Borkenkäfers müssten aber alle an einem Strang ziehen: Wenn einer nicht mitmacht, wird es sehr schwer.″

Das Hauptproblem, erläutert der Förster, sei, die befallenen Bäume zeitnah aus dem Wald zu bekommen: Die Waldbesitzer machen das nicht hauptberuflich und kommen einfach mit der Arbeit nicht hinterher″, zeigt er Verständnis. Ein Unternehmen damit zu beauftragen sei für die meisten zu teuer, zumal der Holzpreis aufgrund des Überangebots schlecht sei. Und: Beim zurzeit durch Regen aufgeweichten Boden könnten keine schweren Maschinen eingesetzt werden. Rückepferde gebe es kaum noch; sie ließen sich nur in kleinen Bereichen einsetzen.

Noch teurer und zeitaufwendiger wäre es, die Larven der Schadinsekten durch Entrinden der befallenen und gefällten Bäume zu bekämpfen. Und was ist mit den Pilzen, die durch die aktuelle feuchte Witterung begünstigt werden und den Borkenkäfernachwuchs buchstäblich verschimmeln lassen? Diesen Effekt kann Rebitz in seinem Revier leider nur zum Teil″ beobachten: Das erreicht nicht so viele, wie wir gehofft haben.″

Buchen hätten besonders unter der Trockenheit gelitten, seien zwischen Halen und Osterberg aber nur vereinzelt von Schadinsekten befallen. Allerdings brächen bei durch Wassermangel geschwächten Buchen die Kronen schnell ab: Die Eiche hält tote Äste sehr viel länger.″ Woran die absterbenden Buchen zu erkennen sind, demonstriert Rebitz an einem Ast mit zwei verschieden aussehenden Zweigen: Am kleineren sind jetzt, vor Beginn der Austriebs, immerhin ein paar winzige Blattknospen zu sehen, der andere ist komplett kahl, also tot.

Die sandige Böden bevorzugende Kiefer sei zwar gut an Trockenheit angepasst, erläutert der Förster. Das heißt aber nicht, dass sie nicht leidet.″ Besonders extrem habe sich die Dürre in den Mooren und ursprünglich feuchten Niederungen auf Erlen und andere Nässe liebende Arten ausgewirkt.

Dort hat Peter Schwartze, Fachlicher Leiter der Biologischen Station des Kreises Steinfurt in Tecklenburg, beobachtet, dass manche Arten wie die Bekassine oder die Uferschnepfe so stark zurückgehen, dass ihr Bestand bedroht ist, während andere wie der wärmeliebende Bienenfresser oder das Taubenschwänzchen neu auftauchen: Einige profitieren, andere haben das Nachsehen.″

Trockene, heiße Sommer, frostarme Winter, aktuell länger anhaltende Feuchtigkeit das sorge für sehr verschiedene Effekte, die man differenziert sehen müsse. Dass sich die Klimazonen nordwärts verschieben, das ist so″, unterstreicht Schwartze und verweist unter anderem auf ehemalige Zugvögel, die zu Standvögeln wurden. Die Frage ist: Wie schnell geht das, und können sich die Ökosysteme darauf einstellen? Für die Anpassungsfähigkeit und Widerstandskraft sei die Artenvielfalt entscheidend: Die Resilienz ist stärker bei großer Biodiversität.″

Die sieht der Biologe nicht nur durch Erwärmung, sondern auch durch schwindende Lebensräume, zu geringes Nahrungsangebot und mangelhafte Vernetzung von Brutbiotopen aufgrund der Intensität der Landwirtschaft gefährdet. Digitalisierte Landmaschinen sorgten dafür, dass keine Fläche mehr ausgelassen wird″. Das Anlegen von Blühflächen und Obstbaumwiesen sei zwar besser als nichts, aber das reiche nicht: Für die Biodiversität bräuchten wir sieben bis zehn Prozent Stilllegungsflächen.″

Während Schwartze dafür plädiert, auch im Wald auf natürliche Sukzession″ zu setzen, also jene Tier-, Pflanzen- und Baumarten, die sich von alleine einstellen, macht sich Rebitz für das Nach- und Neuanpflanzen von Bäumen stark, die nach der Bodenanalyse standortgerecht sind. Wir denken in großen Zeiträumen von hundert und mehr Jahren und setzen seit über drei Jahrzehnten schon auf Mischwald″, betont er. Für den entsprechenden Umbau der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen des damaligen Bedarfs an schnell wachsendem Bauholz angepflanzten Fichenwälder gebe es Förderprogramme.

Wie so ein Mischwald mit hohem Laubbaumanteil einmal aussehen könnte, demonstriert der Förster an einer neu aufgeforsteten Fläche in Osterberg: Zwischen den alten Baumstümpfen wachsen junge Lärchen und Birken, dazwischen die eine oder andere Buche, Eiche und Fichte sowie in runden Verbisschutzgittern gerade erst angepflanzte Douglasien. Ein Wald der Vielfalt habe Zukunft, betont Rebitz. In ihm dürften auch einzelne abgestorbene Bäume als Spechtbaum″ stehen bleiben sofern sie standfest seien. Denn: Die Vögel helfen uns. Die haben im Moment einen reich gedeckten Tisch″, sagt er mit Blick auf Borkenkäfer und andere Insekten.

Bildtexte:
Von den jüngsten Stürmen geknickt beziehungsweise entwurzelt: Fichten im Lotter Ortsteil Osterberg.
Wo früher Fichten standen, soll ein Mischwald unter anderem mit Lärchen, Eichen, Buchen, vereinzelten Fichten und frisch angepflanzten Douglasien entstehen.
Borkenkäfer befallen die Fichten.
Nur ein paar vereinzelte Blattknospen hat dieser Buchenzweig, der Rest ist tot.
Fotos:
Angelika Hitzke, Roland Weihrauch
Autor:
Angelika Hitzke


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