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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Bahntarife für Leichen und das verkaufte „Tivoli″
Zwischenüberschrift:
Februar 1920 in Schlagzeilen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück Massenentlassungen bei der Osnabrücker Eisenbahn-Hauptwerkstätte, deutlich höhere Bahntarife für den Transport von Leichen und ein erfolgreicher Polizeihund haben im Februar 1920 Schlagzeilen gemacht. Diese und andere Nachrichten haben das Osnabrücker Leben vor 100 Jahren bestimmt.

Die Weimarer Republik leidet von Anfang an unter zerstörerischen innenpolitischen Gegensätzen. Hassfigur für rechtsnationale Antirepublikaner ist der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger. Ende Januar 1920 wird er von einem ehemaligen Fähnrich angeschossen. Die Empörung besonders im katholischen, der Zentrumspartei nahestehenden Teil der Bevölkerung ist groß. Sie findet Niederschlag auch auf den Lokalseiten der Zeitungen.

In Osnabrück versorgt die katholisch geprägte Osnabrücker Volkszeitung″ (OVZ) aus dem Verlagshaus Fromm ihre Leser beinahe täglich mit Nachrichten vom Gesundheitszustand Erzbergers. Am 1. Februar lesen sie: Temperatur und Puls sind normal. Bei längeren Unterredungen steigt der Puls ein wenig.″ Zwei Tage später: Trotz der Bemühungen der behandelnden Ärzte war es leider nicht möglich, den Minister von seinen Arbeiten gänzlich zurückzuhalten. Daher wurde Erzberger […] selbst von den wenigen Vorträgen, die er gestern hörte, sehr mitgenommen. Doch ist die Temperatur normal, der Puls 96.″

Gegenstand breiter Erörterungen ist die dritte Kugel″, die Erzberger traf und angeblich noch vor seinem rechten Schulterblatt steckt. Der Attentäter wird später übrigens nur zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, was der Justiz den Vorwurf einträgt, auf dem rechten Auge blind zu sein. Eineinhalb Jahre später wird Erzberger bei einem erneuten Anschlag getötet.

Die Großweberei Hammersen hat das Ausflugslokal Tivoli″ an der Iburger Straße gekauft. Die Bürgerliche Vereinigung der Neustadt, Vorläufer des heutigen Bürgervereins Neustadt, legt entschiedenen Protest ein, daß das altbekannte und beim Osnabrücker Publikum so beliebte Gartenlokal […] dem öffentlichen Verkehr entzogen werden solle.″ Hammersen will darin Wohnungen für die eigenen Mitarbeiter und eine Kantine schaffen. Auch die OVZ″ hofft, dass die Bürgervorsteher insbesondere der Neustadt gegen die Pläne schärfsten und energischen Protest″ einlegen werden. Tausenden von Familien diene es, namentlich zur Sommerzeit, als Erholungs- und Endziel, weil es in herrlicher, romantischer Lage am Abhang des Berges liegt. Für die paar Notwohnungen, die man hier unterbringen könne, sei der Platz doch viel zu schade. Besser nehme man die Ländereien der Klosterkammer am nördlichen Abhang des Schölerbergs und des Ziegenbrinks in Anspruch. Dort sei doch ausreichend Baugelände vorhanden.

Nach mehrwöchiger Zwangspause wegen mangelnden Heizmaterials wird zum 17. Februar der Unterricht in den städtischen Volks- und Mittelschulen wieder aufgenommen. Die Zusammenlegung der Schulen derart, daß zwei Schulen ein Schulgebäude benutzen müssen, bleibt vorerst bestehen.″

Auf einem Elternabend in der Ursulaschule erhalten die Eltern Tipps für die Berufswahl ihrer Töchter. Eine Berufsberaterin des Katholischen Frauenbundes empfiehlt vor allem die häuslichen Berufe, da sie der weiblichen Natur am ehesten entsprächen und gleichzeitig eine Vorbildung auf die Pflichten der Hausfrau und Mutter mit sich brächten. Wissenschaftliche Berufe würden allgemein überschätzt. Durch das Studium würde die Erziehung zur Hausfrau und Mutter sehr leicht vernachlässigt. Den jungen Mädchen vom Lande wird dringend angeraten, sich für einen ländlichen Beruf ausbilden zu lassen. Denn der Krieg habe einmal mehr die Erkenntnis gebracht, von welch hoher Bedeutung die Landwirtschaft sei. Aus Milchwirtschaft, Kleintierzucht und Gartenbau lassen sich gute Nebeneinnahmen erzielen, wenn die Frau die Sache versteht.″

Die KFB-Beraterin spricht eine deutliche Warnung vor dem Lehrerberuf aus. Der Bedarf an Volksschul- und wissenschaftlichen Lehrerinnen sei auf Jahre hinaus gedeckt. Hingegen könne das Handwerk auch den Mädchen gebildeter Stände″ nicht genug angeraten werden. Buchbinderin, Goldschmiedin, Fotografin oder Uhrmacherin zu werden biete sich insbesondere den Töchtern aus solchen Handwerkerhaushalten an, wo der Sohn fehle, um das väterliche Geschäft fortzuführen. Im Ganzen sehen die Männer das Eindringen der Mädchen in die männlichen Berufe nicht gern, die Löhne werden herabgedrückt, die Männer kommen nicht zum Heiraten″, meint die KFB-Dame. Auch bei Post, Eisenbahn und im Kontor sehe es nicht gut für die Mädchen aus. Heimgekehrte Kriegsteilnehmer würden hier bevorzugt, obschon diese Berufe wohl für intelligente Frauen geeignet sind″.

Die Geldentwertung wirft weitere Schatten voraus. Zum 1. März werden alle Bahntarife verdoppelt. Nicht nur die Preise der Personenbeförderung, auch die für Gepäck, Expressgut, Hunde und Leichen″. Um die Durchführung zu vereinfachen, wird verfügt, dass die fertig ausgedruckten Fahrkarten aus festem Karton weiter ausgegeben werden, wobei für jede Karte der doppelte Preis erhoben wird.

In den Polizeimeldungen dominieren weiterhin die Diebstähle von Vieh und anderen Lebensmitteln. Unter der Überschrift Schöner Erfolg eines Polizeihundes″ wird die Entwendung von zwei trächtigen Schafen aus dem Stall des Hofbesitzers Klumpe in Hollage beschrieben. Polizeihund Ali″ kommt unter Führung des Wachtmeisters Petersen vom Posten Piesberg zum Einsatz. Ali″ verfolgt die Spur der Täter über volle sechs Kilometer von Klumpe am Kanal entlang bis zum Piesberg, dort über die alte Römerbrücke über die Hase und weiter durch Buchenallee, Petrusallee und Papenhütte bis zur Wohnung des Malers H. K. im Obdachlosenheim. Im Wohnzimmer, wo die Tiere offensichtlich abgeschlachtet wurden, findet man Talgreste und blutige Wolle. Fleisch und Felle wurden für 600 Mark nach Osnabrück verkauft. In einer Wohnung in der Kommenderiestraße findet man sie zusammen mit anderem Diebesgut. Diebe und Hehler werden verhaftet.

Die Osnabrücker Eisenbahn-Hauptwerkstätte hat eine Massenkündigung ausgesprochen. 1000 Mann werden sofort freigestellt, in Lingen weitere 400. Der Lohn für die 14-tägige Kündigungsfrist wird ausgezahlt, wie es heißt. Hintergrund ist ein krasser Überbesatz mit Arbeitskräften. Bei Kriegsende hat man alle, die sonst nicht unterzubringen waren, der Eisenbahn zur Beschäftigung überwiesen, um die Leute zunächst einmal von der Straße zu bekommen. Jetzt hat sich gezeigt, dass es nicht genug Arbeit für sie gibt und die Arbeitsmoral leidet.

Bollerwagen gehören nicht auf die Bürgersteige, fordert die OVZ″. Die während des Krieges eingerissene Unsitte der Kinder, mit Bollerwagen über den Fußsteig zu fahren, nimmt in der letzten Zeit überhand. Für gewöhnlich werden die Wagen mit den Füßen gelenkt, so daß die Deichsel freisteht. Ungeachtet des jeweiligen Verkehrs jagen die Wagen mit großer Schnelligkeit zwischen die Fußgänger, die dann in letzten Augenblick zur Seite springen müssen, wenn sie keinen Schaden nehmen wollen.″ Ermahnungen und Zurechtweisungen würden nur mit höhnischem Gelächter und unflätigen Redensarten beantwortet. Warum wird die Polizeiverordnung, die das Befahren der Trottoire verbietet, nicht durchgesetzt?″, fragt die Zeitung.

Bildtext:
Das Kaffeehaus Tivoli an der Iburger Straße erfreute sich großer Beliebtheit in der Bevölkerung, was auch dieses Bild noch aus der Kaiserzeit beweist. Im Februar 1920 übernahm die Weberei Hammersen die Immobilie.
Foto:
Archiv vor dem Esche
Autor:
Joachim Dierks


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